Wo hier schon von “Der Bremsenflüsterer” die Rede war und unser Beitrag zu Tex Rubinowitz’ Ramses Müller-Roman immer wieder in allen erdenklichen Kombinationen ergoogelt wird – hier ist ein nachgereichter Service, nämlich die Kurzrezension zu “Der Bremsenflüsterer”. “Der Bremsenflüsterer” sammelt Reisereportagen in Länder, in die man wahrscheinlich nie kommen wird. Und wenn dann doch, dann wird man dort nicht tun, was Rubinowitz dort getan hat (Hunde essen, Schilder kaufen, clowneske Marathone laufen). Ein paar Texte sind schon bekannt, das macht sie aber nicht schlechter. Ist sogar sehr lustig und liest sich flott dahin.
Grundsätzlich sind Bücher super, die einem das Reisen ersparen. Deswegen ist der Reiseführer eine tolle Gattung. Kaufen Sie sich also den Bremensenflüsterer und dazu den jeweiligen Baedeker – schon sind sie perfekt gewappnet für den preisgünstigen Urlaub am langweiligsten Meer der Welt, der Ostsee (was Rubinowitz dort wohl tun würde? Quallen dressieren? Fischbrötchen bedrucken?).
Und ganz brandheiß und aktuell noch ein Tipp für den 20. Februar: Tex Rubinowitz liest gemeinsam mit Herrmann Bräuer, der seine frühe Kindheit in der Hair-Metal-Szene zu einem angeblich amüsanten Roman verarbeitet hat, in der Baderanstalt in unserer bescheuerten Heimatstadt Hamburg! Ich kann leider nicht, muss nach Bad Holzhausen, Wachholder trinken.
Es begab sich zu einer Zeit, da gab es mal eine Grenze zwischen Deutschland und Deutschland. Die war ganz schön böse und nix da von wegen Dialog oder Zusammenarbeit. Besonders schlimm wars in den 70ern, wo beide Seiten ihre ganz eigenen Probleme hatten. Der Kapitalismus boomte zwar, aber es zeichnete sich schon damals ein gewisser Zynismus ab. Es gab Engpässe, die Ölscheichs drohten die Pipelines abzudrehen, Panik herrschte nicht nur bezüglich der Energieversorgung. Im Osten lag natürlich alles brach und nix funktionierte so richtig. Also wurde spioniert, hüben wie drüben und spekuliert, was der andere denn nun wohl machten könnte, würde, sollte.
In dieser Szenerie spielt Oscar Heyms Roman „Die Reserven“. Ein j
unger, deutsch-amerikanischer Geologe kommt im Auftrag seiner US-Firma nach Deutschland, um im Grenzgebiet zur DDR nach Öl zu bohren. Irgendwie ist die ganze Sache total undurchsichtig. Er wird zum Spielball seiner Auftraggeber und deren Drahtzieher, mischt aber auch selbst gehörig mit, weil er in eine Art Öl- und Liebesrausch gerät. Denn eine hübsche als Pan-Am-Stewardess getarnte Spionin kommt auch ins Spiel. Letzlich geht natürlich alles derbe nach hinten los und das rauschhafte der ganzen Aktion bekommt immer alptraumhaftere Züge.
Eine Geschichte, die in einem äußerst spannenden Zeitraum angesiedelt ist. Ideologisch und kulturell in einer Art Niemandsland, auch die Örtlichkeiten scheinen ganz nah und doch so weit weg, wie sie nur sein können. Zwischen 70er Bombast und alles verneinendem Punk, so fühlt es sich beim Lesen an. Insgesamt ein tolles Buch, weil westalgisch und deshalb angenehm anders als der Ostalgie-Einheitsbrei. Für die Verschwörungstheoretikerin in mir hätte es noch ein bisschen mehr sein dürfen. Einiges bleibt ein wenig verschwommen, da wäre mehr mehr gewesen (auch hinsichtlich des bisweilen etwas schlampigen Lektorats). Aber das tat der Leselust keinen allzu großen Abbruch.
Früher, so Mitte der 90er, da gab es lustige Parties. Die fanden in irgendwelchen Wäldern oder an abgefahrenen Orten statt und ein paar Freaks karrten ihre Anlagen dort in die Pampa, drehten die Boxen auf und ein paar Leute kamen und tanzten ein paar Tage durch. Dazu hatten Deko-Artists, wie man das glaube ich im Fachjargon nennt, lustige Neonwolle in den Bäumen gespannt und irgendwelche Pilze gebastelt, die aufgestellt wurden und im Schwarzlicht leuchtete alles total abgefahren. Selbst die billigste Lichtorgel zauberte unfassbar geile Lightshows.
Nun ja, es mag auch damit zusammengehangen haben, dass die Tanzmeute meist auf einem lustigen Drogencocktail war. Ein paar Pillen einzuwerfen, war jedenfalls dem psychedelischen Effekttrip förderlich. Und je nach Stoff sah die Partycrowd dann auch irgendwann aus wie total abgedrehte Aliens.
Die Zeiten haben sich geändert. Was früher Goa hieß, ist nun Psytrance und die lustigen Fraggles von damals sind oftmals traurige Drogenwracks. Und irgendwie sind diese Parties auch schon lange das Gegenteil von cool.
Wer trotzdem mal wieder Lust auf so eine spacige Abfahrt hat, der kann heutzutage ins Kino gehen und Avatar angucken, den neuen Kracher von James Cameron, dem bald erfolgreichsten Film der Welt, aller Zeiten, des Sonnensystems oder so. Das ist ein Multikulti-Love-Trash-Alien-Öko-Epos in drei Deh. Und die Effekte sind echt schick. Wenn die blauen Rasta-Aliens mit ihren Katzenaugen und ihrem lustigen Schwänzlein durch eine Art Märchen-Dschungel huschen und es überall wabert und leuchtet, dann ist das eigentlich genau so so wie ganz früher auf den Parties. Nur ohne Drogen. Geil. (Obwohl der Film bekifft bestimmt auch super ist.)
Na ja, die blauen Rastas sind feingliedrige Öko-Gut-Aliens mit einer Prise Amazonas-Indianer (“Edle Wilde” at their best mit voll der Eso-Bindung an ihre Welt, die uns echt total fehlt) und die bösen Amis, die ihre eigene Welt kaputt gespielt haben, wollen rücksichtslos alles platt machen. Einer von den Amis verkleidet sich mit einer speziellen Biotechnologie als Alien und soll sie ausspionieren, aber dann verliebt er sich und läuft über. Am Ende großer Showdown mit ordentlich Geballer und geilen Alien-Monstern (die grandioserweise ein bisschen an die Ishiro-Honda-Godzilla Filme aus den 70ern erinnern, wo Godzi mit seinen Monsterkumpels auf einer Monsterinsel wohnte, das waren noch Monster! Heute in 3D, aber eben damals schon da real Shit!), wobei das Geballer nur halb so cool rüberkommt wie der leuchtende Zauberwald.
Leider ist die Musik nicht so schmissig wie auf den Parties früher. Schade. Stattdessen wartet man immer darauf, dass Enyas unsägliches Orinoko Flow gespielt wird, das würde zum Rest des Soundtracks gut passen. Nervt ein bisschen.
Muss man reingehen in den Film? Nö. Nicht unbedingt, wenn man kein ausgeprägtes Faible für Alien-Fantasy-Kram hat. Kann man aber machen, wenn man bereit ist, die Handlung, Dialoge, Message nach ca. 10 Minuten gänzlich auszublenden und einfach nur die Bilder guckt.
Helau und Alaaf! Auf ein schönes neues WORTPONG-Jahr. Und was wünscht man sich da so, außer natürlich jede Menge Wein, Weib und Gesang und Kerle und Blingbling? Richtig: Gesundheit! Deshalb packt Dottore Stefan Boskamp von gegenüber sein Köfferchen voll mit tragbaren Texten und bringt uns allerlei Absonderliches mit ins Studio, was wir Ärzte im Praktikum dann fein säuberlich sezieren werden. Natürlich werden wir in schonungslosem Selbstversuch lauter bunte Pillen schlucken und mit glänzenden Augen die Nebenwirkungen vor uns hin lallen. Dazu blubbert wie üblich ein musikalischer Gesundbrunnen voller kranker Tunes. Schön wirds! Hatschi …
WORTPONG Gesundheit
HEUTE
17 – 19 Uhr
FSK 93,0 / 101,4 im Kabel
livestream www.fsk-hh.org
www.wortpong.de
Auf die Plätze: In unserer Radiosendung „wortpong“ hatten wir früher eine wiederkehrende Rubrik namens „Beatles-Bibel-Corner“. Wer, wie ich, im protestantischen Norddeutschland aufgewachsen ist, für den sind die Beatles und die Bibel zwei Konstanten. Nicht wegzudenken aus dem Fundus, aus dem der Heranwachsende sich sein solides Wertgebälk zimmert. Beide, Beatles und Bibel, geben Auskünfte über so ziemlich jede Lage, in die ein Mensch im Laufe seines Daseins und darüber hinaus geraten kann.
Die Menschheit hat bislang ein paar ganz interessante Dinge erschaffen, Quellen der Weisheit aber sind eher rar. Neben den Beatles und der Bibel fallen mir noch der Koran, Laotse, Joachim Lottmanns Gesamtwerk, Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“, die deutsche Vorabendserie „Büro, Büro“ , Stanley Kubricks „2001“ und im übertragenen Sinne Brian Eno ein. Aber da hört es auch schon auf. Am besten sind sowieso die Beatles und die Bibel. Bei der Wiederauferstehung des „Beatles-Bibel-Corner“ hier im Internet lasse ich die Beatles mal beiseite und konzentriere mich voll und ganz auf das „Buch der Bücher“, die Bibel.
Geschrieben wurde das Buch von Gott, bzw. den Leuten, die er erschaffen hat, in denen er also quasi weiterlebt, und die sich auf die ein oder andere Art dazu auserkoren fühlten, Gottes Gedankengut den anderen Menschen nahe zu bringen. Allein die Tatsache, dass dieses Buch heute noch in vielen Bereichen der Gesellschaft wichtig ist, spricht für es. Nicht nur in der Kirche wird noch immer aus dem alten Buch gelesen, auch in der Juristerei haben viele Bibelgebote, „Du sollst nicht töten“ oder „Du sollst nicht lügen“ etwa, ihre Entsprechung in einem Paragraphen gefunden. Wer ein x-beliebiges Texterseminar bei einem x-beliebigen Ex-Stern-Redakteur besucht, wird sicherlich hören, dass die Sätze der Bibel sowieso das Maß aller Dinge seien. Solche Verdichtung – das kann heute keiner mehr!
Fertig: Form und Inhalt – beides stimmt also bei der Bibel. Beides ist quasi vom Besten, was man bekommen kann. Und auch deswegen wird jetzt hier, wo wir immer nur das Beste für unsere Leser wollen, in unregelmäßiger Reihenfolge die Zufallspredigt erscheinen. Die Spielregeln: Schreibe zwei Zahlen auf ein Blatt Papier. Die erste sollte (je nach Ausgabe) kleiner als 1500 sein, damit die Seite in der Bibel zu finden ist, die zweite kleiner als 20. Letztere Zahl bezeichnet das Kapitel, auf das sich die Predigt beziehen wird. Heute schreibe ich auf meinen Zettel 366, 5. Und wo lande ich bei meiner Zufallspredigt Nr. 1?
Los: Im zweiten Buch Samuel (13,5)! Dort heißt es:
„Jonadab sprach zu ihm: Lege dich auf dein Bett und stelle dich krank. Wenn dann dein Vater kommt, dich zu besuchen, so sprich zu ihm: Laß doch meine Schwester Thamar kommen, damit sie mir Krankenkost gebe und vor meinen Augen das Essen bereite, daß ich zusehe und von ihrer Hand nehme und esse.“
Schwieriges Thema für eine erste Predigt: Ein Sohn Davids, Amnon, begehrt die Schwester seines Bruders Absalom, also – äh – seine Schwester. Es kommt – nachdem Amnon dem Rat Jonadabs gefolgt ist – zum Äußersten (er „wohnt ihr bei“), was aber noch nicht das Schlimmste ist. Das Schlimmste: Nach einer Weile wird er ihrer überdrüssig und schmeißt sie raus. Daraufhin wirft Thamar, die Schwester, Asche über ihr Haupt (so haben wir mit etwas Glück sogar eine Sprichwortquelle entdeckt). Vater David ist sauer, tut aber nichts. Bruder Absalom ist sauer und rächt sich. Etwas später nämlich stachtelt er das Volk an, Amnon zu töten. Das Volk tut, was er sagt (seine Begründung ist ziemlich gut: „Fürchtet euch nicht, denn ich hab’s euch geboten; seid nur getrost und geht tapfer dran“). Amnon ist also tot, ein Opfer der Rache von Bruder Absalom, der wiederum muss fliehen, kommt aber später zurück und wird vom Papa begnadigt. Es geht also um Rache, um Inzest, um Familienprobleme, um Nichtstun, um Schande, um Liebe.
Was will uns das sagen? Nun, wie bei allen Bibelgeschichten ist zunächst bemerkenswert, dass das, was hier auf gerade einmal zwei Seiten füllt, heute Stoff für siebzehn mittelmäßige Romane hergäbe. Das Papier war damals freilich knapper und insofern ist dies auch der Rationalität geschuldet.
Moralisch betrachtet, ist das geschilderte Problem heute noch genauso verzwickt wie damals: Wenn ein Bruder die Schwester seines Bruders begehrt, gibt es Probleme. Doch wir wollen uns heute auf einen Aspekt konzentrieren: die Rache, also auf Absaloms Tat. Einen Totschlag aus Rache rechtfertigt dieses Begehren, zumindest im deutschen Rechtssystem, heutzutage nicht mehr. Überhaupt wird Totschlag ungern gesehen und dementsprechend eng sind auch die Rechtfertigungsgrenzen. Rache geht schon mal gar nicht – allenfalls Notwehr, dann wäre es aber an Thamar gewesen, Amnon zu erledigen. Für Bruder Absalom wäre allenfalls Nothilfe in Betracht gekommen. Doch dafür hätte er handeln müssen, als Amnon sich an Thamar verging. Nicht Tage später. Nach dem Strafgesetzbuch gehörte Absalom also in den Knast. Im Buch aber muss er zwar flüchten, findet aber später Gnade. Das Alte Testament ist an dieser Stelle moralisch etwas veraltet, wobei natürlich auch gesagt werden sollte, dass es mit der Moral von der Geschichte nicht so einfach ist.
In der Bibel (wie im übrigen auch bei den Beatles) findet man jedes noch so schräge menschliche Verhalten. Schon in der Schöpfungsgeschichte steht: „Und jedes nach seiner Art.“ Und so geht es dann auch weiter. Über 1.500 und mehr Seiten wird des Bruders Schwester begehrt, des Vaters Bruders Bruder mütterlicherseits umgebracht, gemordet und geklaut, geköpft und gefoltert und natürlich reichlich beigewohnt. Wenn Menschen ihre Moral auf der Bibel begründen, führt das also zwangsläufig zu Streitereien: „Im vierten Buch Mose steht aber doch …“ – „Wer redet denn von Mose, der wurde doch von den Korinthern klar widerlegt.“ Und so weiter.
Nun aber zurück zur Rache. Die ist – wie schon gesagt – nicht mehr gerne gesehen. Freilich gehen die Meinungen auseinander: Für die Freiwillige Selbstkontrolle zum Beispiel, also diejenige Instanz, die die Altersfreigaben für Filme ermittelt, sind die Motive Rache und Selbstjustiz fast noch schlimmer als ein über einen Winkel von sieben Grad hinaus erigierter Penis. Und zwar weil sie (die Filme) das staatliche Gewaltmonopol als eines der Grundprinzipien unserer Gesellschaftsform in Frage stellen. Mithin dürfen Filme aus dem Rachegenre, „Chatos Land“ zum Beispiel, zumeist nur von Menschen gesehen werden, die einen gewissen altersbedingten Reifegrad erreicht haben (also über 18 sind) und gelernt haben, dass ein Film ein Film und nicht das Leben ist. Und dass das, was in einem Film gezeigt wird, nicht gleich im eigenen Leben umgesetzt werden sollte. Nichtsdestotrotz sagt uns das subjektive Empfinden manchmal ganz etwas anderes.
Nehmen wir „Chatos Land“: Charles Bronson spielt einen wortkargen Indianer, der in Notwehr einen Sheriff umbringt. Gejagt von einem rassistischen Trupp aus Bürgerkriegsveteranen flüchtet er, doch die Banditen spüren Chatos Frau, Kind und Bruder auf. Die Frau wird vergewaltigt, der Junge kann fliehen, der Bruder wird umgebracht. Nun nimmt Chato Rache. Als alle tot sind, ist der Film zu Ende. (Hier eine Kurzversion des Films).
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, so steht’s in der Bibel und so handelt Charles Bronson im Film. Und jeder, der den Film gesehen hat, würde handeln wie Charles (außer vielleicht rassistische Bürgerkriegsveteranen). Aber das geht natürlich nicht. Dafür sind die Menschen einfach zu verschieden. Es soll ja welche geben, die würden einem schon bei lebendigem Leib die Zunge aus dem Hals reißen und an eine Hauswand nageln, nur weil man ihnen ins Essen geascht hat! Anderen wiederum ist Asche im Essen ganz egal. Sie würden einen aber am Nagel des mittleren Zehs den Großglockner hochschleifen, weil man „Deine Mutter ist doof“ gesagt hat. So unterschiedlich sind die Moralmaßstäbe. Deswegen ist es gut, dass „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ heute nicht mehr gültig ist und dass die Freiwillige Selbstkontrolle darauf aufpasst, dass in der Kunst niemand versucht, uns mittels altertümlicher Moralvorstellungen in eine Epoche zurückzubringen, in der jeder machte, was er wollte. Heute gibt es Gesetze dagegen. Absalom wäre bestraft, Amnon vielleicht auch (kommt auf die Rahmenbedingungen an und die sind in der Bibel – Form und Verdichtung hin und her – ja doch immer ein bisschen zu knapp gehalten).
Und das haben wir also in Predigt Nr.1 gelernt: Rache ist nicht gut, besser die Polizei anrufen. Die Bibel hat nicht immer Recht, das Recht allerdings auch nicht. Charles Bronson ist ein guter Schauspieler, Chatos Land aber nicht sein bester Film. Gute Nacht.
Theatertipp: Das Haus, als Maschine gesehen, ist kaputt.
Über den Zusammenbruch der Ordnung geht es in dem Stück “Übersleben”, das zum vorerst letzten Mal am Freitag, den 4. Dezember, morgen also, aufgeführt wird. Charlotte Pfeifer, die “Übersleben” nach Doris Lessings “Die Memoiren einer Überlebenden” konzipiert hat und spielt, wollte “Theater machen für Menschen, die kein Theater mögen” und das ist ihr ganz ausgezeichnet gelungen. Die “Theater-Installation”, wie sie es nennt, ist spannend und überraschend. Sie zieht in den Bann, verstört auch manchmal, hat großartige Bilder und ebenso tolle Musik (in der Tat ist sie manchmal fast ein Videoclip. Die Musik stammt übrigens von Pascal Fuhlbrügge). Ganz hervorragend passt das Gebäude, in dem gespielt wird: Das Frappant-Gebäude in der Neuen Großen Bergstraße, das als “Maschine gesehen” ebenfalls kaputt ist und, wenn alles schlecht läuft, bald einem Ikea weichen wird. Hingehen!
Hier die offizielle Ankündigung:
Am 30.11. lief der Zwischennutzungsvertrag für die Künstler im Frappantgebäude aus. Weil aber niemand weiß, wohin mit der Kunst und anderen Klamotten, bleiben alle einfach, wo sie sind. Nirgendwo ist es besser als in dem Gebäude mit dem schönsten Blick über ganz Altona. Strom und Wasser gibts nach wie vor.
WIR SPIELEN ALSO AM 4.12.2009, 21:30, NOCH EIN MAL
“Übersleben”, eine Theater-Installation nach “Die Memoiren einer Überlebenden” von Doris Lessing aus dem Jahr 1974. Das Frappant in der Großen Bergstraße bietet die Kulisse für diese Geschichte von Verfall und Veränderung. Vorstellungen von Verantwortlichkeit gegenüber Gesellschaft und dem Rückzug ins Privateste, der eigenen Traumwelt, prallen aufeinander. Die einzelnen Elemente Film, Hörspiel, Musik, Performance verschränken sich ineinander, die utopische Welt des Romans entfaltet sich im Hier und Jetzt.
“Man gewöhnt sich an alles. Das ist natürlich ein Gemeinplatz.” (Die Memoiren einer Überlebenden, London, 1974)
Im Anschluss wollen wir mit euch den Zustand der renitenten Trägheit feiern: Einfach dableiben, wo wir sowieso schon sind. Charlotte Pfeifer legt ihre Lieblingshits auf. Tanzen gestattet.
Platzreservierung unter uebersleben@googlemail.com
Performance: Charlotte Pfeifer
Hörspiel: Mareike Bernien
Film: Arne Bunk
Musik und Soundinstallation: Pascal Fuhlbrügge
Ausstattung: Gwendolyn Jenkins
Aufgang über die Rampen auf der Gebäuderückseite Lawaetzweg, der weißen Linie folgen.
http://uebersleben.wordpress.com/
http://frappant.blogsome.com/
http://www.kein-ikea-in-altona.de/
wortpong seltsam – 02.12.2009 um 17.00 bis 19.00 auf radio fsk (93,0)
Sprichwörter sind merkwürdige Gesellen. So lautet eines beispielsweise, müßige Leute hätten seltsame Gedanken. Pah! Gordon Roesnik doch nicht! Der hat zwar absurde Zeug im Kopf, ist aber dabei keineswegs müßig, sondern macht total viel. Abgesehen von seinem komischen Brotberuf schreibt er auch noch höchst absonderliche Geschichten, die ganz famos zu lesen sind. Natürlich muss er die unbedingt zu uns in die drolligste Literatursendung der Stadt mitbringen und vorlesen. Dazu spielen wir wie üblich jede Menge befremdliche Musik und reden schrulliges Zeug. Das wird ganz bestimmt total absonderlich. Also zuhören und mitwundern!
Roger Willemsen war neulich verreist. Nicht nach Afghanistan, nicht durch Deutschland, dieses Mal hat es ihn nach Bangkok verschlagen. In der thailändischen Metropole trieb er sich drei Monate lang mit seinem Freund, dem dort lebenden Fotografen Ralf Tooten herum und beschreibt in seinem neuesten Buch diese nächtlichen Streifzüge. Bangkok ist ein Moloch und Herr Willemsen ein schöngeistiger Intellektueller, der hindurch flaniert. Er beguckt sich alles ganz genau oder vielmehr so genau, wie er grad Lust hat und es nicht allzu unangenehm wird. Dann wird alles in hübsche, kluge, teils auch schwülstig wabernde Worte gepackt und weiter geht’s. Manchmal ist das toll und beeindruckend und als Leser geht man gern mit ihm durch die Stadt spazieren. Manchmal ist das hochnotpeinlich und ziemlich bescheuert, dann möchte man sich an die Seite stellen und so tun als habe man damit nichts zu tun. Und manchmal möchte man dableiben, wenn Roger Willemsen schon schwadronierend weiterflaniert.
Mir persönlich fehlen an dem Buch die echten Begegnungen. Roger Willemsen reduziert Bangkok auf Ladyboys und „Mädchen“, von denen er immer wieder schreibt. Er scheint immer ein bisschen aufgeregt, wenn er ihnen begegnet, versucht aber dabei cool zu bleiben, schließlich ist er ja der deutsche Dichter und Denker und keiner von den schmierigen Touris, die er so abfällig nebenbei beschreibt. Als Freier geht er aber trotzdem manchmal mit, schildert zwar den Vollzug nicht, ist ja schließlich alles nur wegen der Recherche, aber weiß man’s?
Keine Frage, er kann schreiben, er kann beobachten und das Buch ist keineswegs grottenschlecht. Aber eben auch nicht wirklich gut. Wo bitteschön sind die Menschen, die hinter den Begegnungen stecken? Weder der Autor, noch die Beschriebenen kommen mit ihren wirklichen Gefühlen, Motiven, Geschichten ins Bild. Alles bleibt vage, verschwommen, ausschnitthaft und deshalb beliebig. Es nervt zudem ein bisschen, dass die Stadt dermaßen auf Sex und Dreck und ein bisschen Glitzer beschränkt bleibt. Nirgendwo wird die thailändische Kultur oder gar Seele deutlich. Wenn Willemsen die Mahuts, die Elefantenführer besucht an ihren geheimen Schlafplätzen, dann freut man sich als Leser auf das, was er dort sieht, was er von den Menschen zu hören bekommt über ihren Alltag, ihre Ängste, Hoffnungen, Träume, whatever. Stattdessen wieder ein bisschen Beschreibung und selbstverliebtes Geschwafel und weiter geht’s. Schade. Ich hätte gern mehr gewusst über die schwangere Masseurin, über die Elefantenführer, die Reichen, die Armen. Oder darüber, warum es nicht gelungen ist, mit ihnen in ein wirkliches Gespräch zu kommen, warum die kulturellen Unterschiede es unmöglich machten oder was auch immer.
Die Bilder von Ralf Tooten sind prima, aber auch sie haben meist eine seltsame Distanz und erzählen keine Geschichten, sondern zeigen ebenfalls nur die Ausschnitte eines Augenblicks, von dem man gern mehr erführe.
Egal. Bangkok ist ein Moloch, eine schwer zu fassende Stadt. Vielleicht ist es den beiden Machern des Buches trotz aller guter Bemühungen schlichtweg nicht besser möglich gewesen. Schließlich sind die Farangs, Fremde, und da ist es immer schwierig, ganz nah ran zu kommen. Sie werden immer Außenstehende bleiben und den Blick der Fremden nicht ablegen können. Von daher ist diese Kritik vielleicht ein wenig unfair. Wobei ich wahrscheinlich auch deshalb ein bisschen streng bin, weil Suketu Mehta mit „Bombay: Maximum City“ die Messlatte derart hoch gelegt hat, dass es ohnehin jedes andere Buch über jede andere Stadt schwer haben wird.
Ich war übrigens auch mal verreist. Und wie es der Zufall will, flanierte auch ich durch Bangkok. Aber mit gänzlich anderem Ziel als schöngeistiges Geschwurbel daraus zu machen. Ist schon eine Weile her. Hier mein kleiner Tatsachenbericht von damals.
Shopping
An der Ratchatewi Road halte ich ein Taxi an. “Patpong”, keuche ich und bin einen Moment froh, der drückenden schmutzigen Hitze entkommen zu sein. Doch schon im nächsten Moment fange ich an zu zittern, denn wie alle Taxis in Bangkok ist auch dieses ein fahrender Eisschrank. Ich frage den Fahrer, ob er die Klimaanlage ein wenig runterdrehen kann. Er versteht mich nicht. Ich gestikuliere und versuche mimisch darzustellen, dass mir kalt ist. Er lacht mich zahnlos an und nickt. Aber wärmer
wird es nicht.
Eine halbe Stunde später steige ich in Patpong aus. Auf dem neonhell erleuchteten Night Market drängeln sich Touristen und Thais, Transvestiten und Nutten, schwäbische Reisegruppen, rotgesichtige Engländer.
Dicht gedrängt säumen Verkaufsstände in mehreren Reihen die enge Straße. Gucci, Prada, Donna Karen. “Yes, Original! Trust me.” versichern die Verkäufer. “How much?” ich halte ein T-Shirt hoch, die Verkäuferin sagt einen Preis, ich lasse es angewidert fallen “No, too much!” Bevor ich weiter gehen kann, hält sie mich am Arm fest: “How much you want pay? Madam, I give you good price!”, fleht sie. Wir werden uns einig, obwohl sie mir versichert: „This price me ruin!“
So geht das noch einige Male und wenig später bin ich beladen mit Tüten. Dieses blöde Handeln. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Wenn ich überlege, dass ich gerade das ausgegeben habe, was ein Thai in einem ganzen Jahr nicht verdient.
Am nächsten Tag in der MBK Shopping Mall. Sechs Stockwerke voller Läden und Ständen und Unmengen von Menschen. In einem Schuhladen scanne ich das Sortiment. Eine eifrige Verkäuferin will mir ein Paar Miu Miu Schuhe andrehen. “Made in Thailand?” frage ich, aber sie winkt entschieden ab: “No, Madam! No Thailand. Made in Vietnam!” Ich muss lachen. Ob sie das tatsächlich für ein Qualitätsmerkmal hält? Ein paar Meter weiter sehe ich dasselbe Paar Schuhe, diesmal steht Chanel drauf. Man i st eben flexibel in Asien. “Same same, but different”
Neben dem Eingang stehen die Geisterhäuschen des Einkaufszentrums. Bevor die Menschen das Portal zum totalen Shopping Overkill durchschreiten, hängen sie Blütenketten an die Häuschen und stellen den Geistern Getränke und Lebensmittel hin. Vollgestopft mit Coke und Schokoriegeln wachen die Geister über die heiligen Hallen der Kaufwütigen.
Im sechsten Stock stolpere ich in einen Massage Salon und lasse mich in einen der weichen Sessel fallen. Ein hübsches Mädchen in rosafarbenem Kittel knetet hingebungsvoll meine Füße, während sie mit ihrer Kollegin die Soap Opera im dröhnend lauten Fernseher zu kommentieren scheint.
Nach einer Stunde mache ich mich wieder auf zum Shopping Marathon. Im SevenEleven suche ich nach Body Lotion. Es gibt ungefähr acht Sorten, auf allen wird die Eigenschaft “Whitening” gepriesen. Das will ich nicht haben. Ich fliege doch nicht tausende von Kilometern und riskiere Hautkrebs, um dann meine mühsam erarbeitete Bräune durch Bleichlotion zunichte zu machen. Ratlos stehe ich vor den Regalen und wende mich dem Knabberkram zu. Ich greife wahllos ein paar Tüten mit getrocknetem Obst. Zumindest denke ich, dass es Obst sein muss. Obwohl die Bilder keinen wirklichen Aufschluss über den Inhalt bieten. Ideale Mitbringsel für die Lieben daheim. Bunt bedruckte Packungen mit exotischen Trockenfrüchten. Dass jede einzelne davon schmeckt wie gesalzene Schuhsohle, werde ich erst viel später feststellen, wenn ich wieder zu hause bin.
Ich habe Hunger und will mich für die Schnäppchenjagd an einem Straßenstand stärken. Es blubbert und brodelt aus zahlreichen Töpfen. Der Verkäufer lächelt mich strahlend an. Ich starre hilflos auf das Sortiment und wüsste zu gern, was was ist. Er kann mir nicht helfen. Ich deute auf irgendwas und sage “Mai pet” nicht scharf. Der Verkäufer wirft einen amüsierten Seitenblick auf seine Frau, beide kichern. Wenig später halte ich einen Pappteller mit seltsamem Zeugs in der Hand. Schmeckt erstaunlich gut, ich habe keine Ahnung, was ich da esse, während ich auf einem wackeligen Hocker auf dem Gehsteig sitze, vorbeihuschende Kakerlaken beobachte und die flehenden Blicke eines haarlosen Hundes mit drei Beinen zu ignorieren versuche.
Ein paar Meter weiter bietet eine alte Frau Flip Flops feil. Ein paar Touristen handeln mit Händen und Füßen. Die Alte lacht und steckt ein paar Baht-Scheine in ihre Tasche. Die Touristen kommen nicht weit. Ein Mann redet wenige Schritte weiter auf sie ein. Einer von den Juwelen-Händlern vielleicht. Die versprechen einem Riesen-Gewinne, wenn man in der Edelsteinfabrik des Schwagers riesige Mengen Funkelzeugs kauft. Natürlich ist das alles billiger Ramsch und seit Jahren warnen sämtliche Reiseführer eindringlich vor solchen Käufen. Trotzdem fallen jedes Jahr erstaunlich viele Gutgläubige darauf herein. Auch diese beiden steigen in das TukTuk, das der gutgekleidete Herr ihnen heranwinkt. Einen Moment verspüre ich den Impuls, aufzuspringen und sie zu warnen, aber ich bin zu erschöpft vom Geldausgeben. Ich werfe dem dreibeinigen Hund einen Bissen Irgendetwas zu, den er gierig verspeist. Gegenüber wartet ein anderer Glitzertempel mit verlockenden Angeboten auf mich. Aber als ich die achtspurige Straße überquert habe, beschließe ich, dass es bis morgen Zeit haben muss.
Ich winke mir ein Taxi. Das dreißigste hält endlich an. Erschöpft falle ich auf die kalten Kunstledersitze. Ich zerre irgendeinen Pulli aus meinen Einkaufstüten. “You cold?” fragt der Fahrer. Ich zucke die Schultern. “Mai pen lai.” Mir egal. Ich will ins Hotel, MTV Asia anschalten und den Shopping Moloch da draußen vergessen. Zumindest bis morgen. Und dann fahre ich weiter in den Süden, an den Strand, wo es keinen einzigen Laden gibt.
Folge 4: Paul Kammerer
Biologie ist der neue Rock’n’Roll. Und das war sie auch vor 1000 Jahren schon, was nur damals wie heute niemandem aufgefallen ist. Kein Wunder! Um Vielseitigkeit, Wildheit und Crazyness der Biologie zu verstehen, bedarf es eben etwas mehr als sechs Saiten und dreieinhalb Akkorden. Nun denn, setzt man also voraus, dass Biologie der neue Rock’n’Roll ist, dann ist Paul Kammerer so etwas wie ihr Lemmy Kilmister, Jimi Hendrix, John Lennon, Malcolm McLaren und Van Dyke Parks in einem. Also einer der zwischen Exzentrik, Genialität, Rebellentum und Pop-Appeal alles abdeckt, was das Leben lebenswert macht. So einen Teufelskerl wie Paul Kammerer muss der Rock’n’Roll erst noch erfinden. Leider ist Kammerer im Alter von 46 Jahren freiwillig von uns gegangen. Wie es dazu kam, erzählt Ihnen dieser Beitrag in unserer beliebten Rubrik „100 gute Gründe, aus dem Leben zu scheiden“.
Vorgeschichte
Schon das Kind Kammerer ist fasziniert von Reptilien aller Art. 1880 in Wien geboren, interessiert sich der Junge weniger für die drei Halbbrüder als für Kröte, Frosch und Salamander. Mit 19 Jahren schreibt er sich an der Universität Wien für ein Zoologiestudium ein und noch während er studiert, übernimmt er einen Job bei Hans Przibram, der im Prater das weltberühmte „Vivarium“ aufbaut, und dem ein Mitarbeiter fehlt, der „dem Kleingetier die Anstalt wohnlich machen soll“. Wenn der Ausspruch vom Topf, der seinen Deckel findet, in Hinblick auf Lohnarbeit jemals wie die Faust auf’s Auge gepasst hat – dann ja wohl hier! Kammerer macht sich an die Arbeit, das Getier ist glücklich und der Arbeitgeber auch: „In ihm steckte eine Anlage zur musikalischen Betätigung und ein Großteil Künstlernatur ebenso wie die Fähigkeit zur genauesten Naturbeobachtung und insbesondere eine Liebe zu allen lebendigen Geschöpfen, die ich sonst noch an keinem anderen gesehen habe. Hier lag der Angelpunkt seines ganzen Wesens.“
Wie Hans Przibram schon andeutet, ist die andere große Leidenschaft Kammerers die Musik. Er nimmt Klavierunterricht, komponiert sogar, schreibt Musikkritiken und ist ein glühender Verehrer von Gustav Mahler. Als dieser 1911 stirbt, schreibt Kammerer an die Witwe, die Femme Fatale Alma Mahler: „Es ist unbegreiflich, wie man jemanden ohne sexuelle Unterströmung, ohne verwandtschaftliche und eigentlich sogar ohne äußerlich ausgesprochene freundschaftliche Bande so lieb haben kann wie ich Mahler. Denn das war und ist nicht nur Verehrung, Begeisterung für Kunst und Person, das ist Liebe!“ Kammerer, mittlerweile verheiratet, eine Tochter (hört auf den Namen Lacerta = Eidechse), habilitiert, ein angesehener Biologe, in besten Wiener Kreisen verkehrend, liebt allerdings nicht nur den toten Herrn Mahler sondern auch die höchstlebendige Witwe Mahler: „Im Beisammensein mit ihr sammelt sich die potentielle Energie, welche nachher als kinetische Energie frei wird.“ So liebt der Naturwissenschaftler.
Paul Kammerer macht Alma Mahler, deren Biologiekenntnisse in etwa so groß gewesen sein dürften wie das Wissen der Geburtshelferkröte über den Kontrapunkt, sogar zu seiner Assistentin. Seine Verehrung der schönen Witwe nimmt gelegentlich seltsame Züge an – jedenfalls wenn man den Schilderungen Alma Mahlers glaubt, über die ihre Freundin Marietta Torberg sagt: „Sie war eine große Dame und gleichzeitig eine Kloake.“ Die besagte Kloakendame nun beschreibt Kammerers Zuneigung wie folgt: „Wenn ich von einem Sessel aufstand, kniete er nieder und beroch und streichelte den Sesselplatz, auf dem ich gesessen war. Es war ihm dabei ganz egal, ob Fremde im Raume waren, oder nicht. Er war auch durch nichts von solchen Extravaganzen, deren er in Fülle hatte, abzuhalten.“ Mehrfach droht Kammerer, sich am Grabe Gustav Mahlers zu erschießen, sollte Alma seine Liebe nicht erwidern. Doch am Ende ist es nicht die Kloakendame, die ihm seinen Lebenswillen raubt. Es sind die Brunftschwielen der Geburtshelferkröte:
Grund des Ganzen
Paul Kammerers großes Thema ist die Vererbung. In dem Experiment, das ihn berühmt macht, weist er nach, dass auch erworbene Eigenschaften vererbt werden können. Anders als einige ihrer Artgenossen, pflanzt sich die Geburtshelferkröte an Land fort. Kammerer nun überhitzte ein Terrarium, damit es den Kröten an Land zu warm wird und sie ins Wasser flüchten. Der Plan geht auf und wie ihre Artgenossen ziehen die Geburtshelferkröten ins Wasser. Auch der Fortpflanzungsakt wird dorthin verlegt. Dieser allerdings gestaltet sich am Anfang schwierig, weil den Geburtshelferkrötenmännchen etwas fehlt: Brunftschwielen an den Flossen, damit sie sich beim Geschlechtsakt am Weibchen festhalten können. Nach einer Weile entwickeln die Kröten Brunftschwielen, was an und für sich noch nichts Besonderes ist – ein Maurer entwickelt schließlich auch mehr Schwielen als ein Kabarettist. Aber, und nun kommt es: Nach ein paar Generationen des Im-Wasser-Vögelns werden die Brunftschwielen vererbt! Sensation in Biologenkreisen, denn hier hat einer Darwins Zufallsprinzip mit Lamarcks systematischer Vererbungslehre widerlegt! Das Getier der Erde, inklusive Mensch, ist also doch nicht nur den Launen von IRGENDWAS ausgesetzt, sondern kann gestaltend tätig werden!
Kammerer ist so begeistert, dass er dankbar eine seiner Kröten küsst – so kommt er zu seinem Spitznamen. Er hält Vortrag um Vortrag, die New York Times berichtet mehrfach über ihn und feiert ihn als „nächsten Darwin“. Er reist nach New York, London, Cambridge, Yale und wir allerortens gefeiert. Alles entwickelt sich prächtig, bis Kammerer Besuch von einem Kollegen bekommt. Der Reptilienkundler Gladwyn Noble ist skeptisch. Er lässt sich nicht nur die Fotos von den vererbten Brunftschwielen zeigen; er will auch das präparierte Vorderbein sehen. Sein daraufhin veröffentlichter Artikel in der Zeitschrift „Nature“ ist der Anfang vom Ende: Noble hat herausgefunden, dass Tinte in das Bein gespritzt wurde, um die Vererbung vorzutäuschen. Die Brunftschwielen stellen sich als plumpe Fälschungen heraus!
Bis heute weiß keiner genau, ob dies eine Verschwörung, ein Missverständnis oder die Wahrheit ist. In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die Kammerer rehabilitieren möchten. Doch ganz geklärt ist das Problem noch nicht. Hierzu noch einmal Hans Przibram: Kammerers vorbildlicher Umfang mit Tieren sei „(…) nicht unbedingt ein Vorteil, denn der Hauptwert der experimentellen Methode besteht gerade darin, daß unter gleichen Versuchsbedingungen immer wieder dieselben Resultate erzielt und bei Nachprüfung bestätigt werden können. Gelingt es dem Nachuntersucher nicht, die Tiere ebensolange oder ebenso viele Generationen hindurch am Leben zu erhalten wie dem ersten Beobachter, wie soll dann eine Nachprüfung zu einer Bestätigung und dadurch Sicherheit der Befunde führen?“ Und bis heute ist es niemandem gelungen, Amphibien über mehrere Generationen hinweg am Leben zu halten.
Dem unglücklichen Kammerer nützt das alles nichts mehr. Przibram, der von der Unschuld seines Zöglings überzeugt ist, mutmaßt, dass es ihm unmöglich sei, „nochmals dasselbe zum Überdruss zu wiederholen, dieselben Versuche, denselben Anfeindungen ausgesetzt“. Kammerer erhält zwar eine Einladung der Moskauer Akademie, um dort seine Forschungen fortzusetzen. Doch am 22. September 1926 schreibt er der Akademie einen Brief.
Die Tat
„Ich sehe mich außer Stande, diese Vereitelung meiner Lebensarbeit zu ertragen und hoffentlich werde ich Mut und Kraft aufbringen, meinem verfehlten Leben morgen ein Ende zu setzen“, steht darin. Am Vormittag des folgenden Tages wandert Kammerer vom Hotel „Zur Rose“ in Puchberg bei Wien hinauf zum Schneeberg. Am Theresienfelsen lehnt er sich rücklings ans Bergmassiv, zieht einen Revolver aus der Tasche. Den Revolver in der rechten Hand schießt er sich in die linke (!) Schläfe. Am 23. wird der Leichnam von Spaziergängern gefunden. Bei ihm ein Zettel: „Dr. Paul Kammerer ersucht, nicht nach Hause gebracht zu werden“. Er bittet um „Verwertung im Seziersaal eines akademischen Universitätsinstituts. (…) Vielleicht finden die werten Kollegen in meinem Gehirn eine Spur dessen, was sie an lebenden Äußerungen meiner geistigen Tätigkeit vermissten.“
Unsterblichkeitsfaktor
Unsterblichkeitsfaktor? Tja, der wird wohl im Wesentlichen von den Brunftschwielen der Geburtshelferkröte abhängen. Oder davon, ob die Biologie in Zukunft den Rock’n’Roll ablösen wird. Aber ist Unsterblichkeit überhaupt wichtig? Sind nicht auch die Bedeutendsten von uns nur ein Körnchen stinkender Schrott angesichts der Unendlichkeit? Eben!
Fazit
Brunftschwielen! Allein für dieses Wort ist Kammerer ein klarer Favorit in unserer kleinen Suizid-Reihe!
Folge 3: Jim Jones und seine Peoples Temple Sekte
Wir schreiben in etwa das Jahr 1978. In Deutschland prognostiziert der Wissenschaftler Professor Doktor Hoimar von Ditfurth einen Raubbau an der Natur bedingt durch die drohenede Überbevölkerung der Erde. Im wesentlichen skizziert er das Bild, welches uns heute unter dem Überbegriff “Klimakatastrophe” beschäftigt (Erderwärmung durch Kohlendioxidausstoss, Abschmelzen der Polarkappen, Überschwemmungen sowie Ausdehung der Wüstengebiete).
Ortswechsel: Guyana. Am 20. November 1978 befiehlt der amerikanische Sektenführer Jim Jones den Anhängern seiner “Peoples Temple” Sekte den kollektiven Selbstmord. Es sterben durch Freitod und Mord etwa 800 Menschen.
Wieder zurück in Deutschland: Hier verknüpfen sich die beiden oben geschilderten Begebenheiten in den Synapsen des jungen Künstlers Moritz R, der sich dazu berufen fühlt, ein Flugblatt (diese sind in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen, heute hätte er wohl einen Blogeintrag verfasst…) zu entwerfen mit dem Titel: “Sektenselbstmord: Ein ermutigender Schritt!” in welchem er den Freitod als probates Mittel beschreibt, um der drohenden Überbevölkerung und den daraus erwachsenden Problemen zu begegnen. So wird das Vorgehen der Peoples Temple Sekte als begrüssenswert beschrieben und weitergehend eine Aufforderung formuliert: “Gerade diejenigen unter uns, denen der Gebrauch ihres Verstandes eine Last und das Begreifen komplizierter Zusammenhänge unmöglich ist, sollten diesem kompromisslosen und konsequenten Beispiel folgen und so ihren Beitrag für die Menschheit leisten.”
Moritz R ist zu diesem Zeitpunkt Teil der Künstlergruppe Art Attack, aus der später das Musiklabel Atatak entsteht. Und es kam, wie es kommen sollte: Seine Kunstaktion mit reaktionärem Antlitz bringen ihm Drohungen und Beschimpfungen ein.
Aber die Kernfrage bleibt bis heute ungeklärt und wenig diskutiert: Würde es uns nicht viel besser gehen, wenn wir nicht ganz so viele auf diesem Planeten wären? Und was sind dann die Konsequenzen daraus? Schwierige Frage, auf die wahrscheinlich auch Moritz R keine Antwort bereit hält. Er hat uns jedoch als Mitglied der Musikgruppe DER PLAN viele simple Weisheiten zum Besten gegeben, wovon eine zumindest eine Orientierung zur Lösung des hier besprochenen Problemes andeutet:



