wortpong erklärt die Welt

im Fernsehen und Radio

Wenn Schöngeister im Moloch flanieren gehen 30. November 2009

Gespeichert unter: Lesen Sie das! — annettebarrow @ 20:48
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Roger Willemsen war neulich verreist. Nicht nach Afghanistan, nicht durch Deutschland, dieses Mal hat es ihn nach Bangkok verschlagen. In der thailändischen Metropole trieb er sich drei Monate lang mit seinem Freund, dem dort lebenden Fotografen Ralf Tooten herum und beschreibt in seinem neuesten Buch diese nächtlichen Streifzüge. Bangkok ist ein Moloch und Herr Willemsen ein schöngeistiger Intellektueller, der hindurch flaniert. Er beguckt sich alles ganz genau oder vielmehr so genau, wie er grad Lust hat und es nicht allzu unangenehm wird. Dann wird alles in hübsche, kluge, teils auch schwülstig wabernde Worte gepackt und weiter geht’s. Manchmal ist das toll und beeindruckend und als Leser geht man gern mit ihm durch die Stadt spazieren. Manchmal ist das hochnotpeinlich und ziemlich bescheuert, dann möchte man sich an die Seite stellen und so tun als habe man damit nichts zu tun. Und manchmal möchte man dableiben, wenn Roger Willemsen schon schwadronierend weiterflaniert.

Mir persönlich fehlen an dem Buch die echten Begegnungen. Roger Willemsen reduziert Bangkok auf Ladyboys und „Mädchen“, von denen er immer wieder schreibt. Er scheint immer ein bisschen aufgeregt, wenn er ihnen begegnet, versucht aber dabei cool zu bleiben, schließlich ist er ja der deutsche Dichter und Denker und keiner von den schmierigen Touris, die er so abfällig nebenbei beschreibt. Als Freier geht er aber trotzdem manchmal mit, schildert zwar den Vollzug nicht, ist ja schließlich alles nur wegen der Recherche, aber weiß man’s?

Keine Frage, er kann schreiben, er kann beobachten und das Buch ist keineswegs grottenschlecht. Aber eben auch nicht wirklich gut. Wo bitteschön sind die Menschen, die hinter den Begegnungen stecken? Weder der Autor, noch die Beschriebenen kommen mit ihren wirklichen Gefühlen, Motiven, Geschichten ins Bild. Alles bleibt vage, verschwommen, ausschnitthaft und deshalb beliebig. Es nervt zudem ein bisschen, dass die Stadt dermaßen auf Sex und Dreck und ein bisschen Glitzer beschränkt bleibt. Nirgendwo wird die thailändische Kultur oder gar Seele deutlich. Wenn Willemsen die Mahuts, die Elefantenführer besucht an ihren geheimen Schlafplätzen, dann freut man sich als Leser auf das, was er dort sieht, was er von den Menschen zu hören bekommt über ihren Alltag, ihre Ängste, Hoffnungen, Träume, whatever. Stattdessen wieder ein bisschen Beschreibung und selbstverliebtes Geschwafel und weiter geht’s. Schade. Ich hätte gern mehr gewusst über die schwangere Masseurin, über die Elefantenführer, die Reichen, die Armen. Oder darüber, warum es nicht gelungen ist, mit ihnen in ein wirkliches Gespräch zu kommen, warum die kulturellen Unterschiede es unmöglich machten oder was auch immer.

Die Bilder von Ralf Tooten sind prima, aber auch sie haben meist eine seltsame Distanz und erzählen keine Geschichten, sondern zeigen ebenfalls nur die Ausschnitte eines Augenblicks, von dem man gern mehr erführe.

Egal. Bangkok ist ein Moloch, eine schwer zu fassende Stadt. Vielleicht ist es den beiden Machern des Buches trotz aller guter Bemühungen schlichtweg nicht besser möglich gewesen. Schließlich sind die Farangs, Fremde, und da ist es immer schwierig, ganz nah ran zu kommen. Sie werden immer Außenstehende bleiben und den Blick der Fremden nicht ablegen können. Von daher ist diese Kritik vielleicht ein wenig unfair. Wobei ich wahrscheinlich auch deshalb ein bisschen streng bin, weil Suketu Mehta mit „Bombay: Maximum City“ die Messlatte derart hoch gelegt hat, dass es ohnehin jedes andere Buch über jede andere Stadt schwer haben wird.


Ich war übrigens auch mal verreist. Und wie es der Zufall will, flanierte auch ich durch Bangkok. Aber mit gänzlich anderem Ziel als schöngeistiges Geschwurbel daraus zu machen. Ist schon eine Weile her. Hier mein kleiner Tatsachenbericht von damals.

Shopping

An der Ratchatewi Road halte ich ein Taxi an. „Patpong“, keuche ich und bin einen Moment froh, der drückenden schmutzigen Hitze entkommen zu sein. Doch schon im nächsten Moment fange ich an zu zittern, denn wie alle Taxis in Bangkok ist auch dieses ein fahrender Eisschrank. Ich frage den Fahrer, ob er die Klimaanlage ein wenig runterdrehen kann. Er versteht mich nicht. Ich gestikuliere und versuche mimisch darzustellen, dass mir kalt ist. Er lacht mich zahnlos an und nickt. Aber wärmer wird es nicht.

Eine halbe Stunde später steige ich in Patpong aus. Auf dem neonhell erleuchteten Night Market drängeln sich Touristen und Thais, Transvestiten und Nutten, schwäbische Reisegruppen, rotgesichtige Engländer.

Dicht gedrängt säumen Verkaufsstände in mehreren Reihen die enge Straße. Gucci, Prada, Donna Karen. „Yes, Original! Trust me.“ versichern die Verkäufer. „How much?“ ich halte ein T-Shirt hoch, die Verkäuferin sagt einen Preis, ich lasse es angewidert fallen „No, too much!“ Bevor ich weiter gehen kann, hält sie mich am Arm fest: „How much you want pay? Madam, I give you good price!“, fleht sie. Wir werden uns einig, obwohl sie mir versichert: „This price me ruin!“

So geht das noch einige Male und wenig später bin ich beladen mit Tüten. Dieses blöde Handeln. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Wenn ich überlege, dass ich gerade das ausgegeben habe, was ein Thai in einem ganzen Jahr nicht verdient.

Am nächsten Tag in der MBK Shopping Mall. Sechs Stockwerke voller Läden und Ständen und Unmengen von Menschen. In einem Schuhladen scanne ich das Sortiment. Eine eifrige Verkäuferin will mir ein Paar Miu Miu Schuhe andrehen. „Made in Thailand?“ frage ich, aber sie winkt entschieden ab: „No, Madam! No Thailand. Made in Vietnam!“ Ich muss lachen. Ob sie das tatsächlich für ein Qualitätsmerkmal hält? Ein paar Meter weiter sehe ich dasselbe Paar Schuhe, diesmal steht Chanel drauf. Man i st eben flexibel in Asien. „Same same, but different“

Neben dem Eingang stehen die Geisterhäuschen des Einkaufszentrums. Bevor die Menschen das Portal zum totalen Shopping Overkill durchschreiten, hängen sie Blütenketten an die Häuschen und stellen den Geistern Getränke und Lebensmittel hin. Vollgestopft mit Coke und Schokoriegeln wachen die Geister über die heiligen Hallen der Kaufwütigen.

Im sechsten Stock stolpere ich in einen Massage Salon und lasse mich in einen der weichen Sessel fallen. Ein hübsches Mädchen in rosafarbenem Kittel knetet hingebungsvoll meine Füße, während sie mit ihrer Kollegin die Soap Opera im dröhnend lauten Fernseher zu kommentieren scheint.

Nach einer Stunde mache ich mich wieder auf zum Shopping Marathon. Im SevenEleven suche ich nach Body Lotion. Es gibt ungefähr acht Sorten, auf allen wird die Eigenschaft „Whitening“ gepriesen. Das will ich nicht haben. Ich fliege doch nicht tausende von Kilometern und riskiere Hautkrebs, um dann meine mühsam erarbeitete Bräune durch Bleichlotion zunichte zu machen. Ratlos stehe ich vor den Regalen und wende mich dem Knabberkram zu. Ich greife wahllos ein paar Tüten mit getrocknetem Obst. Zumindest denke ich, dass es Obst sein muss. Obwohl die Bilder keinen wirklichen Aufschluss über den Inhalt bieten. Ideale Mitbringsel für die Lieben daheim. Bunt bedruckte Packungen mit exotischen Trockenfrüchten. Dass jede einzelne davon schmeckt wie gesalzene Schuhsohle, werde ich erst viel später feststellen, wenn ich wieder zu hause bin.

Ich habe Hunger und will mich für die Schnäppchenjagd an einem Straßenstand stärken. Es blubbert und brodelt aus zahlreichen Töpfen. Der Verkäufer lächelt mich strahlend an. Ich starre hilflos auf das Sortiment und wüsste zu gern, was was ist. Er kann mir nicht helfen. Ich deute auf irgendwas und sage „Mai pet“ nicht scharf. Der Verkäufer wirft einen amüsierten Seitenblick auf seine Frau, beide kichern. Wenig später halte ich einen Pappteller mit seltsamem Zeugs in der Hand. Schmeckt erstaunlich gut, ich habe keine Ahnung, was ich da esse, während ich auf einem wackeligen Hocker auf dem Gehsteig sitze, vorbeihuschende Kakerlaken beobachte und die flehenden Blicke eines haarlosen Hundes mit drei Beinen zu ignorieren versuche.

Ein paar Meter weiter bietet eine alte Frau Flip Flops feil. Ein paar Touristen handeln mit Händen und Füßen. Die Alte lacht und steckt ein paar Baht-Scheine in ihre Tasche. Die Touristen kommen nicht weit. Ein Mann redet wenige Schritte weiter auf sie ein. Einer von den Juwelen-Händlern vielleicht. Die versprechen einem Riesen-Gewinne, wenn man in der Edelsteinfabrik des Schwagers riesige Mengen Funkelzeugs kauft. Natürlich ist das alles billiger Ramsch und seit Jahren warnen sämtliche Reiseführer eindringlich vor solchen Käufen. Trotzdem fallen jedes Jahr erstaunlich viele Gutgläubige darauf herein. Auch diese beiden steigen in das TukTuk, das der gutgekleidete Herr ihnen heranwinkt. Einen Moment verspüre ich den Impuls, aufzuspringen und sie zu warnen, aber ich bin zu erschöpft vom Geldausgeben. Ich werfe dem dreibeinigen Hund einen Bissen Irgendetwas zu, den er gierig verspeist. Gegenüber wartet ein anderer Glitzertempel mit verlockenden Angeboten auf mich. Aber als ich die achtspurige Straße überquert habe, beschließe ich, dass es bis morgen Zeit haben muss.

Ich winke mir ein Taxi. Das dreißigste hält endlich an. Erschöpft falle ich auf die kalten Kunstledersitze. Ich zerre irgendeinen Pulli aus meinen Einkaufstüten. „You cold?“ fragt der Fahrer. Ich zucke die Schultern. „Mai pen lai.“ Mir egal. Ich will ins Hotel, MTV Asia anschalten und den Shopping Moloch da draußen vergessen. Zumindest bis morgen. Und dann fahre ich weiter in den Süden, an den Strand, wo es keinen einzigen Laden gibt.

 

100 GUTE GRÜNDE AUS DEM LEBEN ZU SCHEIDEN: DAS ENDE DES KRÖTENKÜSSERS 27. November 2009

Folge 4: Paul Kammerer
Biologie ist der neue Rock’n’Roll. Und das war sie auch vor 1000 Jahren schon, was nur damals wie heute niemandem aufgefallen ist. Kein Wunder! Um Vielseitigkeit, Wildheit und Crazyness der Biologie zu verstehen, bedarf es eben etwas mehr als sechs Saiten und dreieinhalb Akkorden. Nun denn, setzt man also voraus, dass Biologie der neue Rock’n’Roll ist, dann ist Paul Kammerer so etwas wie ihr Lemmy Kilmister, Jimi Hendrix, John Lennon, Malcolm McLaren und Van Dyke Parks in einem. Also einer der zwischen Exzentrik, Genialität, Rebellentum und Pop-Appeal alles abdeckt, was das Leben lebenswert macht. So einen Teufelskerl wie Paul Kammerer muss der Rock’n’Roll erst noch erfinden. Leider ist Kammerer im Alter von 46 Jahren freiwillig von uns gegangen. Wie es dazu kam, erzählt Ihnen dieser Beitrag in unserer beliebten Rubrik „100 gute Gründe, aus dem Leben zu scheiden“.

Vorgeschichte
Schon das Kind Kammerer ist fasziniert von Reptilien aller Art. 1880 in Wien geboren, interessiert sich der Junge weniger für die drei Halbbrüder als für Kröte, Frosch und Salamander. Mit 19 Jahren schreibt er sich an der Universität Wien für ein Zoologiestudium ein und noch während er studiert, übernimmt er einen Job bei Hans Przibram, der im Prater das weltberühmte „Vivarium“ aufbaut, und dem ein Mitarbeiter fehlt, der „dem Kleingetier die Anstalt wohnlich machen soll“. Wenn der Ausspruch vom Topf, der seinen Deckel findet, in Hinblick auf Lohnarbeit jemals wie die Faust auf’s Auge gepasst hat – dann ja wohl hier! Kammerer macht sich an die Arbeit, das Getier ist glücklich und der Arbeitgeber auch: „In ihm steckte eine Anlage zur musikalischen Betätigung und ein Großteil Künstlernatur ebenso wie die Fähigkeit zur genauesten Naturbeobachtung und insbesondere eine Liebe zu allen lebendigen Geschöpfen, die ich sonst noch an keinem anderen gesehen habe. Hier lag der Angelpunkt seines ganzen Wesens.“

Die Geburtshelferkröte, über die Kammerer stürzte, also ein Exemplar mit Brunftschwielen

Wie Hans Przibram schon andeutet, ist die andere große Leidenschaft Kammerers die Musik. Er nimmt Klavierunterricht, komponiert sogar, schreibt Musikkritiken und ist ein glühender Verehrer von Gustav Mahler. Als dieser 1911 stirbt, schreibt Kammerer an die Witwe, die Femme Fatale Alma Mahler: „Es ist unbegreiflich, wie man jemanden ohne sexuelle Unterströmung, ohne verwandtschaftliche und eigentlich sogar ohne äußerlich ausgesprochene freundschaftliche Bande so lieb haben kann wie ich Mahler. Denn das war und ist nicht nur Verehrung, Begeisterung für Kunst und Person, das ist Liebe!“ Kammerer, mittlerweile verheiratet, eine Tochter (hört auf den Namen Lacerta = Eidechse), habilitiert, ein angesehener Biologe, in besten Wiener Kreisen verkehrend, liebt allerdings nicht nur den toten Herrn Mahler sondern auch die höchstlebendige Witwe Mahler: „Im Beisammensein mit ihr sammelt sich die potentielle Energie, welche nachher als kinetische Energie frei wird.“ So liebt der Naturwissenschaftler.

Paul Kammerer macht Alma Mahler, deren Biologiekenntnisse in etwa so groß gewesen sein dürften wie das Wissen der Geburtshelferkröte über den Kontrapunkt, sogar zu seiner Assistentin. Seine Verehrung der schönen Witwe nimmt gelegentlich seltsame Züge an – jedenfalls wenn man den Schilderungen Alma Mahlers glaubt, über die ihre Freundin Marietta Torberg sagt: „Sie war eine große Dame und gleichzeitig eine Kloake.“ Die besagte Kloakendame nun beschreibt Kammerers Zuneigung wie folgt: „Wenn ich von einem Sessel aufstand, kniete er nieder und beroch und streichelte den Sesselplatz, auf dem ich gesessen war. Es war ihm dabei ganz egal, ob Fremde im Raume waren, oder nicht. Er war auch durch nichts von solchen Extravaganzen, deren er in Fülle hatte, abzuhalten.“ Mehrfach droht Kammerer, sich am Grabe Gustav Mahlers zu erschießen, sollte Alma seine Liebe nicht erwidern. Doch am Ende ist es nicht die Kloakendame, die ihm seinen Lebenswillen raubt. Es sind die Brunftschwielen der Geburtshelferkröte:

Grund des Ganzen
Paul Kammerers großes Thema ist die Vererbung. In dem Experiment, das ihn berühmt macht, weist er nach, dass auch erworbene Eigenschaften vererbt werden können. Anders als einige ihrer Artgenossen, pflanzt sich die Geburtshelferkröte an Land fort. Kammerer nun überhitzte ein Terrarium, damit es den Kröten an Land zu warm wird und sie ins Wasser flüchten. Der Plan geht auf und wie ihre Artgenossen ziehen die Geburtshelferkröten ins Wasser. Auch der Fortpflanzungsakt wird dorthin verlegt. Dieser allerdings gestaltet sich am Anfang schwierig, weil den Geburtshelferkrötenmännchen etwas fehlt: Brunftschwielen an den Flossen, damit sie sich beim Geschlechtsakt am Weibchen festhalten können. Nach einer Weile entwickeln die Kröten Brunftschwielen, was an und für sich noch nichts Besonderes ist – ein Maurer entwickelt schließlich auch mehr Schwielen als ein Kabarettist. Aber, und nun kommt es: Nach ein paar Generationen des Im-Wasser-Vögelns werden die Brunftschwielen vererbt! Sensation in Biologenkreisen, denn hier hat einer Darwins Zufallsprinzip mit Lamarcks systematischer Vererbungslehre widerlegt! Das Getier der Erde, inklusive Mensch, ist also doch nicht nur den Launen von IRGENDWAS ausgesetzt, sondern kann gestaltend tätig werden!

Kammerer ist so begeistert, dass er dankbar eine seiner Kröten küsst – so kommt er zu seinem Spitznamen. Er hält Vortrag um Vortrag, die New York Times berichtet mehrfach über ihn und feiert ihn als „nächsten Darwin“. Er reist nach New York, London, Cambridge, Yale und wir allerortens gefeiert. Alles entwickelt sich prächtig, bis Kammerer Besuch von einem Kollegen bekommt. Der Reptilienkundler Gladwyn Noble ist skeptisch. Er lässt sich nicht nur die Fotos von den vererbten Brunftschwielen zeigen; er will auch das präparierte Vorderbein sehen. Sein daraufhin veröffentlichter Artikel in der Zeitschrift „Nature“ ist der Anfang vom Ende: Noble hat herausgefunden, dass Tinte in das Bein gespritzt wurde, um die Vererbung vorzutäuschen. Die Brunftschwielen stellen sich als plumpe Fälschungen heraus!

Bis heute weiß keiner genau, ob dies eine Verschwörung, ein Missverständnis oder die Wahrheit ist. In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die Kammerer rehabilitieren möchten. Doch ganz geklärt ist das Problem noch nicht. Hierzu noch einmal Hans Przibram: Kammerers vorbildlicher Umfang mit Tieren sei „(…) nicht unbedingt ein Vorteil, denn der Hauptwert der experimentellen Methode besteht gerade darin, daß unter gleichen Versuchsbedingungen immer wieder dieselben Resultate erzielt und bei Nachprüfung bestätigt werden können. Gelingt es dem Nachuntersucher nicht, die Tiere ebensolange oder ebenso viele Generationen hindurch am Leben zu erhalten wie dem ersten Beobachter, wie soll dann eine Nachprüfung zu einer Bestätigung und dadurch Sicherheit der Befunde führen?“ Und bis heute ist es niemandem gelungen, Amphibien über mehrere Generationen hinweg am Leben zu halten.

Dem unglücklichen Kammerer nützt das alles nichts mehr. Przibram, der von der Unschuld seines Zöglings überzeugt ist, mutmaßt, dass es ihm unmöglich sei, „nochmals dasselbe zum Überdruss zu wiederholen, dieselben Versuche, denselben Anfeindungen ausgesetzt“. Kammerer erhält zwar eine Einladung der Moskauer Akademie, um dort seine Forschungen fortzusetzen. Doch am 22. September 1926 schreibt er der Akademie einen Brief.

Die Tat
„Ich sehe mich außer Stande, diese Vereitelung meiner Lebensarbeit zu ertragen und hoffentlich werde ich Mut und Kraft aufbringen, meinem verfehlten Leben morgen ein Ende zu setzen“, steht darin. Am Vormittag des folgenden Tages wandert Kammerer vom Hotel „Zur Rose“ in Puchberg bei Wien hinauf zum Schneeberg. Am Theresienfelsen lehnt er sich rücklings ans Bergmassiv, zieht einen Revolver aus der Tasche. Den Revolver in der rechten Hand schießt er sich in die linke (!) Schläfe. Am 23. wird der Leichnam von Spaziergängern gefunden. Bei ihm ein Zettel: „Dr. Paul Kammerer ersucht, nicht nach Hause gebracht zu werden“. Er bittet um „Verwertung im Seziersaal eines akademischen Universitätsinstituts. (…) Vielleicht finden die werten Kollegen in meinem Gehirn eine Spur dessen, was sie an lebenden Äußerungen meiner geistigen Tätigkeit vermissten.“

Unsterblichkeitsfaktor
Unsterblichkeitsfaktor? Tja, der wird wohl im Wesentlichen von den Brunftschwielen der Geburtshelferkröte abhängen. Oder davon, ob die Biologie in Zukunft den Rock’n’Roll ablösen wird. Aber ist Unsterblichkeit überhaupt wichtig? Sind nicht auch die Bedeutendsten von uns nur ein Körnchen stinkender Schrott angesichts der Unendlichkeit? Eben!

Fazit
Brunftschwielen! Allein für dieses Wort ist Kammerer ein klarer Favorit in unserer kleinen Suizid-Reihe!

 

100 GUTE GRÜNDE AUS DEM LEBEN ZU SCHEIDEN: DAS WOHL DES PLANETEN 24. November 2009

Folge 3: Jim Jones und seine Peoples Temple Sekte

Wir schreiben in etwa das Jahr 1978. In Deutschland prognostiziert der Wissenschaftler Professor Doktor Hoimar von Ditfurth einen Raubbau an der Natur bedingt durch die drohenede Überbevölkerung der Erde. Im wesentlichen skizziert er das Bild, welches uns heute unter dem Überbegriff „Klimakatastrophe“ beschäftigt (Erderwärmung durch Kohlendioxidausstoss, Abschmelzen der Polarkappen, Überschwemmungen sowie Ausdehung der Wüstengebiete).

Ortswechsel: Guyana. Am 20. November 1978 befiehlt der amerikanische Sektenführer Jim Jones den Anhängern seiner „Peoples Temple“ Sekte den kollektiven Selbstmord. Es sterben durch Freitod und Mord etwa 800 Menschen.

Wieder zurück in Deutschland: Hier verknüpfen sich die beiden oben geschilderten Begebenheiten in den Synapsen des jungen Künstlers Moritz R, der sich dazu berufen fühlt, ein Flugblatt (diese sind in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen, heute hätte er wohl einen Blogeintrag verfasst…) zu entwerfen mit dem Titel: „Sektenselbstmord: Ein ermutigender Schritt!“ in welchem er den Freitod als probates Mittel beschreibt, um der drohenden Überbevölkerung und den daraus erwachsenden Problemen zu begegnen. So wird das Vorgehen der Peoples Temple Sekte als begrüssenswert beschrieben und weitergehend eine Aufforderung formuliert: „Gerade diejenigen unter uns, denen der Gebrauch ihres Verstandes eine Last und das Begreifen komplizierter Zusammenhänge unmöglich ist, sollten diesem kompromisslosen und konsequenten Beispiel folgen und so ihren Beitrag für die Menschheit leisten.“

Moritz R ist zu diesem Zeitpunkt Teil der Künstlergruppe Art Attack, aus der später das Musiklabel Atatak entsteht. Und es kam, wie es kommen sollte: Seine Kunstaktion mit reaktionärem Antlitz bringen ihm Drohungen und Beschimpfungen ein.

Aber die Kernfrage bleibt bis heute ungeklärt und wenig diskutiert: Würde es uns nicht viel besser gehen, wenn wir nicht ganz so viele auf diesem Planeten wären? Und was sind dann die Konsequenzen daraus? Schwierige Frage, auf die wahrscheinlich auch Moritz R keine Antwort bereit hält. Er hat uns jedoch als Mitglied der Musikgruppe DER PLAN viele simple Weisheiten zum Besten gegeben, wovon eine zumindest eine Orientierung zur Lösung des hier besprochenen Problemes andeutet:

 

Endlich! Ein Verriss 9. November 2009

Gespeichert unter: Lesen Sie das! — annettebarrow @ 12:36
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Und hier kommt er, der erste Verriss auf unserer kleinen puscheligen Wortpong-Wohlfühl-Blumenwiese:

So Leid es mir tut. Dieses Buch muss ich einfach verreißen. Ein bisschen zumindest. Es müsste also heißen „Lesen Sie das lieber nicht“ oder „Das müssen Sie nicht unbedingt lesen.“ oder „Was Sie sich getrost sparen können.“ – aber wir wollen mal nicht so inflationär werden mit unseren Rubriken. Es geht auch so. Zum Buch. Es ist ja nun so: Wir lesen die allermeisten Bücher, die wir hier besprechen, weil wir sie lesen wollen, nach Neigung, nach Lust und Laune und so weiter. (So wie ich jetzt gerade „Mann und Frau“ von Zeruya Shalev, großes Kino, auch wenns weh tut oder gerade weil, Super-Buch. Aber dazu ein andermal mehr oder auch nicht. Aber der Hinweis: „Lesen Sie das.“ Das ist nämlich gut.) Also freute ich mich entsprechend auf das bunte Konfetti-Cover-Buch „Unfun“ vom wunderbaren Matias Faldbakken (erschienen bei Blumenbar). Und hätte ich dies als erstes gelesen, hätte ich mich durchaus amüsiert. Aber alles kam ganz anders.72_cover

Mal ehrlich: „The Cocka Hola Company“ ist und war einfach der Hammer. Selten so gelacht über so eine geballte Ladung misanthropische Subversion! Und so lässig dahingerotzt! Davon konnte sich ein Michel Houellebeq noch getrost ein paar Scheiblein abschneiden. Bereits der Nachfolger „Macht und Rebel“ ließ dann einiges zu wünschen übrig, etwas wirr und schon etwas weniger lässig, wars aber noch irgendwie verzeihbar und leidlich unterhaltsam. Zudem war ich noch geflashed von der Begeisterung für den Erstling und auf dieser Welle der Sympathie glitt ich durch die Lektüre.

Nun also Unfun. Tatsächlich nicht lustig. Auch nicht im Subtext. Plumpe Provokation, bemüht und letztlich doof. Bescheuerte Figuren, die weder Angriffs- noch Identifikationsfläche bieten und somit eher langweilen als alles andere. Nicht mal das Gemetzel am Schluss reißt noch irgendwas raus, weil es so öde vorhersehbar ist.

Die Story: Ein bescheuerter und gestörter Skandinavier hat eine Idee für ein Ballerspiel. Er hat eine Firma beauftragt, es für ihn zu programmieren. Nun kommen ein Nigerianer, dem die Hauptfigur nachempfunden ist und ein traumatisierter Ami im Rollstuhl der eine Super-Stimme hat, die er der Hauptfigur geben soll. Irgendwie taucht auch die schwarze Exfrau des Skandinaviers ständig auf und ihre gemeinsamen Zwillingssöhne, die ebenfalls alle ziemlich gestört sind. Ein bisschen Gelaber zwischendrin über Gewaltphilosophie und die ach so seltsamen Schicksale und Lebenswege und so weiter und dann gibt es einen Bug im Spiel und alles läuft aus dem Ruder und am Ende dann Exzess und Gewalt und Blut und endlich letzte Seite. Gähn.

Herr Faldbakken, Sie sind ein intelligenter und saucooler Hund. Bitte verbeißen Sie sich nicht in die fixe Idee, immer abgefahrenes Zeug schreiben zu müssen. Bevor Sie wieder so eine leere Provokation raushauen, lassen Sie sich für das nächste Buch einfach ein bisschen mehr Zeit und das wird dann wieder echt super. Bitte, ich weiß, dass Sie das können!

Wer noch nichts von Mathias Faldbakken gelesen hat, der sollte nicht unbedingt mit „Unfun“ anfangen. Aber wer es doch tut, wird sich wahrscheinlich trotzdem halbwegs gut amüsieren.

 

Gestern! WORTPONG GOURMET 5. November 2009

Gespeichert unter: Radio von uns — annettebarrow @ 10:37
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Wo andere noch immer mit Wasser kochen, fahren wir natürlich mal wieder ganz andere Geschütze auf: Unser Gast rührt nämlich in allen Kochtöpfen, die er kriegen kann. Stevan Paul ist nicht nur begnadeter Koch, Food-Stylist und Literaturveranstalter, er hat auch ganz nebenbei ein ganz hervorragendes Buch aus dem Ärmel gezaubert. Aus diesem liest er uns heute ein bisschen was vor, verrät gut gehütete Küchengeheimnisse und wie man eine Currywurst von vor acht Wochen aussehen lässt wie frisch  aus dem Fleischwolf. Vorsicht! WORTPONG Gourmet ist nicht nur superlecker, sondern auch superscharf und superheiß. Und weil es zu einem perfekten Nachmittagsdinner einfach dazu gehört, gibts die besten musikalischen Leckerbissen noch obendrauf. Lasst Euch das mal im Munde zergehen – aber verschluckt Euch nicht!

WORTPONG – Gourmet
Mittwoch 4.11. 17- 19 Uhr
FSK 93,0 / 101,4 Kabel
stream www.fsk-hh.org
www.wortpong.de

 

LEGENDEN LIVE: VON FEUERLÖSCHERN, GEWINNERN UND SEXOBJEKTEN 4. November 2009

so_flyerFür die Geschichte der Popmusik ist Schottland in etwa das gleiche wie Krümmel an der Elbe für die Kriegskunst. In Krümmel produzierte der Kriegsverächter Alfred Nobel Dynamit. In Edinburgh spielten am 7. Mai 1977 The Clash im Rahmen ihrer White Riot-Tour. Mit Vic Godards Subway Sect im Vorprogramm. Im Publikum sahen Edwyn Collins, Alan Horne und Davey Henderson wie Subway Sect ihre eigene Version von Punk spielten – strictly Anti-Rock („We oppose all Rock’n’Roll“ war ihr Schlachtruf), den Treble-Regler auf Anschlag, in Anzügen statt zerfetzten Jeans, eher Velvet Underground als MC5 oder Stooges. Das war der Beginn des Sound of Young Scotland: Edwyn Collins gründete Orange Juice, Alan Horne das kurzlebige aber sehr einflussreiche Label Postcard Records. Und Davey Henderson? Der machte sich auf eine musikalische Reise, die am Samstag, 7. November, in der Astrastube, Hamburg, zu Gast ist.

Attitude and hate was what it was

Bleiben wir aber erstmal in Edinburgh 1977. Dort hallt die White-Riot-Tour nach. Davey Henderson gründet verschiedene Bands und findet schließlich mit Russell Burns, Graham Main und Murray Slade die ideale Komination. Im März 1980 spielen The Fire Engines ihr erstes Konzert. „We played to our strengths which were minimal, but somehow, as a band, it worked“, sagt Henderson über die Fire Engines. “We never played chords, and Russell didn’t use cymbals or hi-hats. It was very violent, although no-one got hurt. Pure aggression, attitude and hate was what it was.” Bei den Fire Engines wurden Aggression, Attitüde und Hass, aber auch Spaß, Speed und Sex zu Musik und das klang dann wie eine brillante Mischung aus James Chance, Captain Beefheart, Velvet Underground, Voivods, Funkadelic und vielem mehr. Die Auftritte waren reine Energie und meistens kaum mehr als 20 Minuten lang.

Our compass was a fake

Nach 18 Monaten, drei Singles und ohne eine einzige reguläre LP veröffentlicht zu haben, war Schluss. The Fire Engines waren, ganz entgegen ihrer eigenen Erwartungen, ziemlich weit gekommen im Indiezirkus: Die Kritik liebte sie, John Peel lud sie zur Session ein und das Publikum, nun ja, das kam zwar nicht in Massen, aber hatten nicht auch Velvet Underground von ihrer ersten LP gerade mal ein paar Handvoll verkauft? Mit diesem Erfolg wurde allerdings auch der Druck stärker. Für Bob Last, auf dessen Label Fast Records, die Fire Engines veröffentlichten, war die Band an einem Punkt angelangt, an dem sie sich ändern musste, um nicht zu langweilen. Er verpasste der zweiten Single „Candyskin“ ein paar Streicher, doch es half nichts: „Candyskin“ klang ruppig wie eh und je. Die dritte und letzte Single „Big Gold Dream“ ging dann schon eher in Lasts Richtung, dafür aber verärgerte die Band den gerade zum Vegetarismus konvertierten Bob Last, in dem sie auf dem Cover ihre nackten Oberkörper mit blutigen Schnitzeln belegte. Trotz dieser netten Geste des Protests: Nach einer zweiten Peel-Session und einigen Konzerten verglühten die Fire Engines Neujahr 1981: „Around the time of the second John Peel session we were shit… Our compass was a fake… We should’ve trusted our internal magnets… We should have trusted our inability.”

Beware of the sugar coated bullets, baby!

Was tut man, wenn man das Unvermögen verloren hat? Man simuliert Unvermögen oder man gründet eine ordentliche Popband. Am Ende der Fire Engines verspürte Henderson den Druck, Songs zu schreiben („you know, songy songs…“). Er verweigerte sich. Bei Win, dem Folgeprojekt, legte er los. Über zwei Alben und eine Reihe Singles komponierte Henderson, übrigens wiederum begleitet von Russell Burns, Sing-a-long Popsongs mit Zeilen wie „a dashing young Valium to soften the fear” oder “two lipstick smudge guns, honey, pistol weapons drawn baby”. Hendersons Texte behandelten Themen wie den amerikanischen Imperialismus, Massenkommunikation, Verschwörungen und Paranoia. „It’s our job to remind people offe_biggolddream the dark side, when they’re getting to comfy“, sagte er und hatte kein Problem damit, Popmusik als Medium zu benutzen: „There’s nothing wrong with sugariness … beware of sugar-coated bullets, baby!” Win kamen zunächst bei Alan Horne unter, dem Postcard-Gründer, der sein altes Label mittlerweile für Schrott hielt und Win zu den neuen Orange Juice erklärte. Ihre Single „You’ve got the power“ wurde ihr größter Hit (erreichte zwar nicht die Top40, verkaufte sich aber ordentlich und wurde für eine seltsame TV-Reklame der schottischen Brauerei McEwan’s lizensiert). Im April 1990, mittlerweile bei Virgin (dem Label von Business-Punk – haha! – Branson), schmiss das Label sie wegen schleppender Verkäufe raus und Win lösten sich auf.

I love total destruction

Hendersons Mission aber geht weiter: 1992 gründet er Nectarine No.9. Ein loses Projekt, das selten auftritt, aber regelmäßig veröffentlicht. Es muss nicht betont werden, dass jeder einzelne Ton von Nectarine No.9 interessanter ist als die gesammelten Top10 Hits der letzten 50 Jahre (mit Ausnahmen). Nachdem der Einfluss der Fire Engines von der x-ten Generation schottischer Popmusiker immer wieder betont wird (Franz Ferdinand erwähnen die Band in jedem zweiten Interview), gibt es 2004 auch eine Reunion der Fire Engines, die mit den erwähnten Franz Ferdinand und mit Captain Beefheart’s Magic Band auftreten. Und es gibt seit einiger Zeit die Sexual Objects, ein weiteres Projekt von Henderson und Russell, das anders als Nectarine No.9 eine echte Band ist, und am Samstag in der Astrastube auftritt. Die Sexual Objects haben drei großartige und sehr verschiedene Singles auf dem Hamburger Label „Aufgeladen und Bereit“ (das sich wiederum nach dem Titel einer Fire Engines-Platte benannte) veröffentlicht und ich kann einfach mal garantieren, dass es großartig wird. Das Vorprogramm bestreitet Flo Fernandez und an den Plattentellern stehen Christian und ich, die wir in den frühen 80ern ein Fanzine namens Orval gemacht haben, das seine Existenz in einem ungeringen Maße Postcard und seinen Folgen verdankte, also eher Schottland als Krümmel. Die Geschichte des Dynamits wird ein anderes Mal erzählt.

P.S.: Die wörtlichen Zitate und viele Informationen sind zwei exzellenten Quellen entnommen: WIN widmet sich diese Website. Und über die Fire Engines gibt es einen hervorragenden Artikel, den man hier als PDF herunterladen kann.

Noch ein Postskriptum vom 11. November: Es war sehr sehr grandios und es gibt ein schönes Foto vom Astrastubenklo:

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Besser als die Beatles: The Sexual Objects. Vorne schlafend: Flo Fernandez, dahinter Davey Henderson.

 

 

Vampirismus 2.0 1. November 2009

Gespeichert unter: Alles andere — mr. frank @ 17:40
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max-schreck

Retro-Vampir wie wir ihn kennen

Der schnelle Weg zum Mythos

Das geht ja manchmal ganz fix in der Geschichte: ein paar wenige Jahre vergehen, die Mund-zu-Mund Überlieferungen werden im berauschten Zustand etwas farbenfroher dargestellt, die Geschichtsschreiber verzetteln sich in Übersetzungs- oder Semantikproblemchen und Ruckzuck sind ein paar Wissenschaftler zur Hand, die glasklar belegen, dass diese oder jene Geschichte nicht wahr sein kann und darf. Opfer dieses rigorosen Forscherhabitus ist neben Monsieur Gott und ausserplanetarischen Immigranten auch die illustre Gemeinschaft der Vampire. Im Mittelalter noch von allen gefürchtet, würden sie heute nur noch müde belächelt, wenn sie mit schwarzem Umhang und exponiertem Dentalbereich durch die Gegend schwirrten. So macht das keinen Spass, haben sie sich wohl gedacht und deshalb einen radikalen Strategiewechsel vollzogen.

Kraftvoll zubeissen war gestern

Nach den etwas mühseligen Versuchen im letzten Jahrhundert, als Militärsanitäter und DRK-Laboranten an unser aller Lebenssaft zu gelangen, hat sich die Vampirgemeinschaft nun eine erfolgversprechende Vorgehensweise erdacht: Wie in den letzten Tagen von verschiedenen Medien berichtet, werden immer wieder Arbeitssuchende vor der Einstellung um eine „Blutprobe“ gebeten. Dies wird perfiderweise sowohl von Journalisten als auch von den Unternehmen selbst als „Gesundheitscheck“ dargestellt. Welch obszöne Vorstellung: den Unternehmen sollte es erlaubt sein, Daten bezüglich Drogengenuß, Krankheitsanfälligkeit oder Leistungsfähigkeit zu generieren und zu speichern! Dies würde doch wohl keine deutsche Gerichtsbarkeit gestatten. Und überhaupt haben sich deutsche Großunternehmen in den letzten Monaten nicht gerade als Hüter des heiligen Daten-Grals erwiesen und „Datenpanne“ hat jetzt schon das Abonnement auf das Unwort der nächsten zehn Jahre, so dass hier der totale PR-Gau droht.

Nein, hinter der ganzen Sache stehen viel handfestere Motive: Die Blutsauger haben sich durch ihre über Jahrhunderte gewachsene Menschenkenntnis und ihre originellen Nachwuchsförderungsmethoden zunächst unbemerkt als Personalchefs in den Unternehmen etabliert. Bei von Wirtschaftforschungsinstituten geschätzten drei Millionen Menschen in Deutschland, die seit Beginn der Wirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz verloren haben ­– und sich demnach einen neuen Arbeitsplatz suchen mussten – brummt es in den Personalabteilungen und die Ampullen klimpern. Nicht durch Zufall nennen sich diese Abteilungen mittelerweile „Human Resources“ (zu deutsch „menschliche Ressourcen“, Sie verstehen?). Da geht jede Menge von dem „Roten Gold“ über den Tisch und ein Ende der Fahnenstange ist noch nicht abzusehen, da der grosse Einbruch auf dem Arbeitsmarkt noch zu erwarten ist.

Was können Bewerber tun?

Nachdem der Weg über die Besetzungscouch und Networking über xing und so nun obsolet geworden sind, sollten Bewerber bereit sein, völlig neue Aspekte in ihr Bewerbungsverfahren einbeziehen. Da sich bisher in den entsprechenden Foren wenige bis gar keine Hinweise für Bewerber finden, hier eine exklusive Auswahl an Tipps der wortpong-Redaktion für das erfolgreiche Bewerbungsgespräch:

  • Versuchen Sie, ihr Vorstellungsgespräch in die Abendstunden zu verlegen. Moderne Blutsauger haben zwar gelernt, bei Tageslicht zu überleben, jedoch fühlen sie sich in den Abendstunden merklich wohler, was den Gesprächverlauf positiv beeinflussen kann
  • Niemals alkoholisiert zum Bewerbungsgespräch erscheinen. Durch Alkohol verunreinigtes Blut ist für Vampire ungenießbar, das ist ja schon seit Bram Stoker bekannt.
  • Deuten Sie durch Pflaster und Verbände eine gewisse Verletzungsanfälligkeit mit Blutverlust an, ganz versierte Bewerber können auch Verführungsversuche mittels akuten Nasenblutens starten.
  • Bestimmte Jahrgänge gelten als besonders genusswürdig, andere hingegen gar nicht, so zum Beispiel die Jahrgänge 86/87 wegen möglicher radioaktiver Belastung. Wenn Sie zu einem Problemjahrgang gehören, deuten Sie im Gespräch an, dass Sie über absaugwillige Kontakte aus Premium-Jahrgängen (wie zum Beispiel 1972, 1990 und 2001) in ihrem privaten Umfeld verfügen.

Die Technik hält Schritt

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Neue Technik von Adobe: Der PIB-Bluttetster ist wahlweise mit USB 2.0 oder als wireless-Version erhältlich

Neue Anforderungen erfordern neue Technik: Nach den etwas jämmerlichen Versuchen der Firma AEG, durch Platzierung eines multifunktionalen Staubsaugers in den Haushalten an das Blut von Hausfrauen zu gelangen (Dem Gerät war eine Broschüre beigelegt, welche rückwärts gelesen eine Anleitung zum Umfunktionieren des Gerätes als Blutabsauger, der direkt an die Aorta angeschlossen wurde, beinhaltete.) Nun hat die Firma Adobe Sytems in Zusammnearbeit mit der Bundesanstalt für Arbeit einen technische Innovation angekündigt, die Online-Bewerbungsverfahren revolutionieren könnte. Mit Hilfe der patentierten PIB-Technologie können Berwerber zuhause alle relevanten Werte Informationen aus ihrer Blutprobe ermitteln und diese dann per PDF ihrer Online-Bewerbung anhängen. Diese Daten werden dann in den Unternehmen mit den Anforderungsprofilen für die ausgeschriebenen Stellen abgeglichen.

 

SHANTYFICATION 27. Oktober 2009

In Hamburg gibt es eigentlich keine Gentrifizierung. Hier geht das radikaler. Das Gängeviertel wurde nach einer Choleraepidemie im Jahr 1892 Stück für Stück abgerissen – allerdings nicht ganz ohne Grund. Robert Koch schrieb 1892 an Kaiser Wilhelm: „Eure Hoheit, ich vergesse, dass ich in Europa bin. Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie hier.“ Den Rest, eine Kommunistenhochburg und gleichzeitig inoffizielles Zentrum jüdischen Lebens in Hamburg, planierten die Nazis. Der kümmerliche Rest steht noch, deplatziert und verschämt zwischen Springer-Verlag und Unilever-Hochhaus. Die paar armen Häuser gammeln vor sich hin, weil der Investor, der ein Shoppingerlebniszentrum schaffen wollte, kein Geld mehr hat.

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Hamburg im Jahr 2015: Ein Vergnügungspark

Ein paar Schritte von diesem Ort liegt die tote Innenstadt Hamburgs. Das alte Konzept der Trennung von Wohnen und Arbeit, hier verkörpert durch den Bau der Kontorhäuser, wurde, nachdem zunächst noch Wohnbebauung vorgesehen war, konsequent umgesetzt. In der Politik sorgt Konsequenz in ihrer Reinform für Guillotine und andere Rücksichtslosigkeiten, in der Stadtplanung ist es nicht ganz so gefährlich, aber auch schlimm: Tagsüber spucken Büros und Läden, Banken und Werbeagenturen Menschenmassen aus, die eilig durch die Straßen rennen, und um halb neun klappen müde Verkäuferinnen die Bürgersteige hoch und fahren mit der Bahn in die Vorstadt. Nachts sorgen eine Handvoll Hausmeister und Security-Leute für Ruhe und Ordnung.

Noch ein paar Schritte weiter eine Touristenattraktion, die Speicherstadt. Und was uns hier als altes Hamburg präsentiert wird, ist auch nichts anderes als ein geplantes Gemetzel. 1878 forderte Otto von Bismarck 1878 den Anschluss Hamburgs ans Zollsystem des Deutschen Reichs, die Hamburger sträubten sich, denn Zölle hätten den Handel gestört. 1881 wurde ein Kompromiss gefunden: Hamburg durfte eine kleine Freihandelszone, den Freihafen, behalten. Um Raum für diesen Garanten hanseatischer Geldakkumulation zu schaffen, wurde kurzerhand das Quartier auf dem Großen Grasbrook abgerissen. Rund 24.000 Menschen mussten sich eine neue Bleibe suchen – ohne jegliche Hilfe oder finanziellen Ausgleich.

Jetzt, wo der Hafen es sich auf der anderen Elbseite gemütlich macht, gibt es mit einem der größten Bauvorhaben Europas, der Hafencity, eine andere Merkwürdigkeit Hamburgs zu besichtigen. Baut der Hamburger nämlich neu, kann man sicher sein, dass Langweiliges dabei rauskommt. Neue Architektur war hier jahrelang die Bullauge-meets-Backstein-Tristesse von gmp, jetzt ist gerade Glas und Kastiges in Mode, aber eben auch nur halbherzig. Die gesamte Elbbebauung, die gesamte Hafencity: Hässlich bis gähnend langweilig, bestenfalls ok (der Würfelbau gegenüber des Hafenklang). (Ach ja, auf die Elbphilharmonie dagegen, so teuer und überflüssig sie sein mag, darf man sich freuen, weil die Architekten Herzog & de Meuron gut sind.)

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Gegen Turbogentrifizierung helfen auch keine dicken Wände

Städtebaulich betrachtet ist das Leben in Hamburg also kein Kinderspielplatz. Und dann noch die Gentrifizierung, die es natürlich doch gibt. Grundsätzlich dürfte der Prozess bekannt sein: Abgewrackte, unsanierte Gebiete werden neu entdeckt, vornehmlich von Menschen höheren Bildungsgrads bei gleichzeitig niedrigem Einkommen, die einen gewissen Pfadfindergeist in sich tragen. Jonathan Lethem hat diesen Prozess in seinem auch sonst tollen Buch „Fortress Of Solitude“ für Brooklyn beschrieben: Die Eltern sind Künstler (Vater malt Filme, nicht gerade ein Garant für Galerie- oder Kinokassenerfolge), Sohn ist klein und einziger Weißer in der Nachbarschaft, Mutter haut irgendwann ab. Das war Anfang der 1970er. 20 Jahre später: Nobelrestaurant neben Nobelrestaurant. Dieser Prozess ist im Grunde genommen ganz normal. Siehe Eppendorf, wo in den späten 1960ern niemand leben wollte. Altbau war unbequem. Das Bürgertum wollte lieber in irgendwelchen vorstädtischen Neubausiedlungen wohnen. Dann kamen die Studenten, gründeten wuschelige WGs. Im Lauf der Jahre wurden sie älter, schmissen die Mitbewohner raus, wurden reich, strichen die Wände, installierten Designeinbauküchen, bekamen ein Kind, bekamen zwei Kinder, und, schwupps, wurde Eppendorf, wie es heute ist. Diesen Weg gingen ein paar Jahre später auch Ottensen und Eimsbüttel. Soweit, so bedauernswert, aber irgendwie ist er ja auch ganz in Ordnung, der Lauf der Dinge. Immerhin nimmt er etwas Zeit in Anspruch,

Den Dingen ihren Lauf zu lassen, ist aber des Hamburgers Sache nicht. Hier hat man sie gerne im Griff. In der Stadtplanung heißen die Konzepte also „Die wachsende Stadt“ (obwohl sie in Wahrheit schrumpft), „Sportstadt Hamburg“ (weil jedes zweite Wochenende ein paar tausend Extremisten 20-mal um die Alster laufen) und „Kulturmetropole Hamburg“ (es gibt zwei Musicalhäuser, einen Schlagermove und die Harley Days). Damit diese Konzepte wachsen und gedeihen, hat man sich in Hamburg für eine Art Turbo-Gentrifizierung entschieden. Ein kurzer Abriss der Projekte, an denen sich die Gemüter derzeit erhitzen: In Altona soll der Frappant-Komplex einer innerstädtischen IKEA-Filiale weichen. Gut, der Frappant-Komplex ist mal wirklich hässlich, aber deswegen gleich abreißen (zumal er gerade sinnvoll mit Ateliers bevölkert ist)? Und überhaupt: eine IKEA-Filiale in der Innenstadt?? Bei der Moorburgtrasse fällt (zumindest mir) die Entscheidung noch leichter. Das im Bau befindliche Kohlekraftwerk ist sowieso schon ein Unsinn ersten Ranges. Um die Energieeffizienz zu steigern, soll nun eine Fernwärmeleitung gelegt werden, unter der Elbe hindurch, wird sie ab Simon-von-Utrecht- / Holstenstraße überirdisch verlaufen und zwar durch die wenigen Parks, die es in dieser Gegend gibt. Widerstand ruft auch das Bernhard-Nocht-Quartier hervor. Direkt gegenüber der Hafenstraße könnten bald ziemlich konträre Mieter einziehen: Dort hat der Investor Köhler & von Bargen eine Reihe von Grundstücken und Häusern aufgekauft und will diese sanieren. Nachdem schon auf dem Gelände der alten Astrabrauerei ein Viertel im Viertel entstanden ist, also eines, das wenig mit St. Pauli zu tun hat, befürchten nicht nur die Anwohner einen weitere verfehlte Aufhübschung des Viertels. Dass die Bahn angekündigt hat, den Clubs Astrastube, Waagenbau und Fundbureau die Verträge zu kündigen, weil die darüber verlaufende Brücke erneuert werden muss, ist dann noch ein weiteres Tüpfelchen – damit schließen drei sehr unterschiedliche und auf ihre Art sehr gute Clubs im eh langsam clubarmen Hamburg. Ach ja. Dann ist da ja noch der kärgliche Rest des Gängeviertels. Der wird zurzeit von einer Künstlerinitiative besetzt gehalten. Große Namen wie Daniel Richter, Friedrich Schirmer oder Matthias von Hartz und auch hanseatische Saurier wie die Patriotische Gesellschaft unterstützen sie dabei, das xte Einkaufszentrum mit integrierten Eigentumswohnungen zu verhindern.

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Diese Bänker kennen die Speicherstadt noch aus ihrer Jugend

Nun kann man die einzelnen Vorhaben bewerten, wie man will. Die Gedanken sind schließlich frei und Ikea-Möbel billig. Dass sich aber gegen sämtliche Vorhaben breitgefächerte Aktionsbündnisse formieren, ist in jedem Fall begrüßenswert. Seit der durchgeknallte Richter Ronald Barnabas Schill im Jahr 2001 Regierungsverantwortung übernahm, hat es so eine Einigkeit selten gegeben. Für das Aktionsbündnis gegen Altona-Ikea hat Ex-Szene-Chefredakteur Christoph Twickel einen schönen (wenn auch arg polemischen) offenen Brief an Ikea-Chef Ingvar Kamprad verfasst. Aus dem Umkreis der Goldenen Zitronen (die auch auf einem Aktionstag gegen das Bernhard-Nocht-Quartier auftraten) stammt ein Papier, das sich generell der Idee widersetzt, eine Stadt nach Marketinggesichtspunkten zu planen: „Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen.“ Stimmt. In diesem Brief wird übrigens auch auf den Städtebau-Theoretiker Richard Florida hingewiesen. Der hatte in seinem Buch „The Rise Of The Creative Class“ behauptet, dass nur Städte wachsen würden, in denen sich die kreative Klasse wohlfühlt: „Cities without gays and rock bands are losing the economic development race“. Das Lustige daran: In Hamburg wird das wieder so gründlich missverstanden, dass man meint, man könne Gays’n’Rockbands durch Reeperbahnfestival und CSD bei Laune halten. Dass es dafür gewachsenen Strukturen bedarf – warum, wenn man doch eine Stadtentwicklungsbehörde hat, die immer mehr zur Eventagentur mutiert? Aber weiter im Text: Gegen das Bernhard-Nocht-Quartier gehen Anwohner ebenso auf die Barrikaden wie gegen Vattenfalls Moorburgtrassenpläne. Klar: Den Argumentationsketten der Gegnerinitiativen haftet eine teils seltsame Bestandswahrungsmentalität an: Wer beschwert sich da? Häufig genug die Leute, die in der Gentrifizierungskette ganz am Anfang stehen. Und ausgerechnet die, die mit dem ganzen Scheiß angefangen haben, holen jetzt den roten Blitz und den schwarzen Stern aus dem Knopfloch und steigen auf die Barrikaden? Aber, wer wenn nicht die? Der Rentner aus der Gerhardstraße, der nach Billstedt ausgesiedelt wird, wohl kaum. Bleibt also zu hoffen, dass wenigstens die eine oder andere Initiative erfolgreich sein wird, denn sonst:

… wird EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou im Jahr 2015 Hamburg besuchen und hernach einen Brief an den Ratspräsidenten verfassen: „Eure Hoheit, ich vergesse, dass ich in Europa bin. Ich habe noch nie solche eine leblose Unterhaltungshölle getroffen wie hier in Hamburg. Man könnte meinen, man sei in einem Vergnügungspark mit Arbeitsmöglichkeiten gelandet.“

 

Veranstaltungstipp / Armageddon-Warnung 25. Oktober 2009

Wirtschaftskrise, Schweinegrippe, FDP an der Macht – man muss nun wirklich kein Untergangsprophet sein, um ganz nüchtern zu konstatieren, dass der Untergang unmittelbar bevor steht. Und weil am nahenden Ende nun mal nicht mehr zu rütteln ist, empfiehlt es sich dringend, zügig seine Angelegenheiten zu ordnen: Fix noch mal bei Mama anrufen, die Porno-Sammlung unterm Bett entsorgen und lang gehegte Herzenswünsche erst gar nicht auf die lange Bank schieben! Laut Infratest dimap ist die unangefochtene Nummer eins der Dinge, die der Durchschnittsdeutsche vor seinem Tod noch unbedingt erleben will übrigens neben Hummeressen und Sex auf der Flugzeug-Toilette: eine Lesung der „Günter Grasses“ in Originalbesetzung auf offener Bühne.

The Günter Grasses auf ihrer legendären 92er Tour durch litauische Lastenaufzüge.

The Günter Grasses auf ihrer legendären 92er Tour durch litauische Lastenaufzüge. (Foto: Herb Ritts)

Und jetzt kommt’s: Wie es der verrückte Zufall will, findet genau so eine am Freitag, 30. Oktober, in der Auster-Bar im Henriettenweg 1 in Hamburg-Eimsbüttel statt! Wer also am Tag des jüngsten Gerichts nicht dumm aus der Wäsche gucken will, weil er sich eingestehen muss, seine Zeit auf Erden überwiegend sinnlos verschwendet zu haben, sollte sich am fraglichen Freitag ab 20.00 Uhr auf jeden Fall in genanntem Etablissement einfinden, um dort den jetzt schon unsterblichen Worten der begnadeten Poeten zu lauschen. Annette Riestenpatt, Martin Schaefer und Andreas Udluft lesen mit Unterstützung von Gastautor Sven Heine gewohnt tiefsinnig vor sich hin – dieses Mal zum nachgerade philosophischen Thema: „Warum Eppendorf saugt und es im Wald immer zweimal regnet“. Soll später keiner behaupten können, wir hätten nichts gesagt.

 

100 GUTE GRÜNDE AUS DEM LEBEN ZU SCHEIDEN: PARANOIA, DROGEN, DEPRESSIONEN UND FALSCHE SEXUALITÄT ZUR FALSCHEN ZEIT 22. Oktober 2009

Folge 2: Joe Meek
Ein Cocktail aus Paranoia, Drogen, Depressionen und der falschen sexuellen Präferenz zur falschen Zeit – gegen diese nachgerade elefantöse Suizidursache ist der Kleist’sche Lebensüberdruss gerade mal eine Amöbe. Unser heutiger Selbstmord der Woche zeigt, wie man sich auf absolut unmögliche Art und Weise aus einer absolut unmöglichen Situation verabschiedet.

Vorgeschichte
Die eiserne Lady, Maggie Thatcher, war sicherlich nicht für ihre Affinität zur Popkultur bekannt. Umso überraschender ist es, dass sie die Frage nach ihrem Lieblingslied mit „Telstar“ von den Tornados beantwortete. Also mit der ersten UK-Single, die es auf den ersten Platz der amerikanischen Hitparade schaffte. Produziert wurde „Telstar“ von Joe Meek, den Musikarchäologen im selben Atemzug mit Phil Spector nennen – was Innovation und Experiment im Produktionsverfahren anbetrifft. Warum „Telstar“? Warum das bekannteste Vermächtnis eines paranoiden Homosexuellen, der Speed & Downers konsumierte, eine ordentliche Depression pflegte, von Zeitgenossen als genial und exzentrisch beschrieben wird und dazu mit einem Hang zum Okkultismus ausgestattet war? Wir wissen es nicht, aber F&M Publications bietet eine interessante Erklärung an:

“In a nutshell there is the Thatcher ethos at home and abroad; British ingenuity and small business chutzpah is appreciated in America but strangled by the envious French. The whole of her foreign policy was guided by such instincts.”

Das ist eine interessante Erklärung für die britische Außenpolitik unter Thatcher, aber zurück zu Meek (und zur Frage, wie die eifersüchtigen Franzosen ihn erdrosselten): Joe Meek war ein Ausnahmetalent. Schon als Kind stopfte er den Garten der Eltern mit allerhand elektrischem Zeug voll und ein kurzer Job bei der Royal Airforce, wo er den Radar bediente, löste die Faszination für alles Außerirdische aus, die ihn sein Leben lang begleitete. Nach ein paar Umwegen landete er schließlich bei der Musik und hatte mit dem „Bad Penny Blues“ von Humphrey Lyttelton seinen ersten Erfolg (übrigens ein prägendes Musikerlebnis des jungen Bryan Ferry, und der Song, dessen Piano-Intro später von den Beatles für „Lady Madonna“ recycelt wurde). Den Wünschen Lytteltons zuwiderhandelnd, modifizierte Joe Meek den Pianosound und wendete ein bislang ungehörtes Kompressionsverfahren an. Der Song wurde ein Hit.

Anfang der 1960er Jahre bezog Meek ein eigenes Studio in einer 3-Zimmer-Wohung über einem Lederfachgeschäft im Londoner Stadtteil Islington und produzierte von dort aus einige Hits mehr, der größte darunter: „Telstar“, die bekanntesten Künstler: Tom Jones, Screaming Lord Sutch, Petula Clark, Shirley Bassey, Tommy Steele und Chris Barber. Rod Steward wurde aus dem Studio geworfen, nachdem Meek seine Stimme gehört hatte; David Bowie wollte Meek ebenso wenig produzieren wie die Beatles („just another bunch of noise, copying other people’s music“). In dem heute legendären Studio in 304 Holloway Road begann die große Karriere von Joe Meek und dort spielte sich auch die große Tragödie seines Endes ab …

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Die Zeitung am Tag danach

Die Tat
Den Vormittag des 3. Februars 1967 nutzt Joe Meek, um Briefe und verschiedene Unterlagen in der Badewanne zu verbrennen. Damit fertig, drückt er seinem Assistenten Patrick Pink einen Zettel in die Hand: „I’m going now. Goodbye.“ Er bittet Patrick Pink, die Vermieterin zu holen, zettelt einen handfesten Streit mit ihr an, greift im Verlauf des Streits zu einer Schrotflinte und erschießt zuerst die Vermieterin (sie fällt die Treppe hinab, direkt vor die Füße des Assistenten), dann sich selbst erschießt. Die Vermieterin, Mrs. Violet Shenton, hinterlässt Mann und Kind. Joe Meek, zum Zeitpunkt des Todes 37 Jahre alt, hinterlässt 45 Top50 Hits und 67 Teekisten mit rund 3000 Bändern, auf denen ca. 5000 Aufnahmen archiviert sind. Fünf davon gehen an ein Waisenhaus, wo die Bänder überspielt werden, elf verrotten bei Joes Bruder. Die restlichen 51 werden gerettet.

Grund des Ganzen
Joe Meeks Leben war 1967, da gibt es wenig zu beschönigen, ein einziger Misthaufen. In den Jahren vor der Tragödie, begann sein Ruhm zu verblassen. Die Hits blieben aus. Joe Meek hatte den Anschluss verloren. Nun könnte man meinen: Was soll’s? Er hat doch seinen Hit gehabt. Doch die Tantiemen für den Nr.1-Hit “Telstar” waren seit 1963 eingefroren. Der französische Komponist Jean Ledrut meinte in der Komposition ein Plagiat seiner Filmmusik “Le Marche d’Austerlitz” erkannt zu haben und hatte eine Klage angestrengt (die übrigens nach Meeks Tod mit einer sehr interessanten Begründung abgelehnt wurde: Nicht allein die Melodie sei für das Gesamtkunstwerk wichtig, sondern auch Produktion und Sound!). Auch sonst sah es für den immer tadellos angezogenen Meek, der sich bis zu fünfmal täglich rasierte, finanziell nicht besonders gut aus.

Er hatte jahrelang wie ein Besessener gearbeitet und rannte nun beruflich gegen eine Wand. 1963 war er zudem mit der (nicht nur) im damaligen Großbritannien bigotten Gesetzgebung hinsichtlich sexueller Vielschichtigkeit in Berührung gekommen: Er wurde in einer sogenannten Klappe erwischt, musste eine kleine Strafe zahlen und wurde als Homosexueller registriert. Nicht weiter schlimm, schließlich war Meek kein Schrankschwuler. Schlimm war aber, dass die Verhaftung eine Zeitungsnotiz nach sich zog, in deren Folge Meek mehrfach zusammengeschlagen und erpresst wurde. Das alles war nicht gerade geeignet, seine ohnehin vorhandene Veranlagung zu Paranoia und Depression zu lindern. Und der fatale Kreislauf aus Uppers & Downers, Speed und Beruhigungsmitteln, die damals recht verbreitet da legal waren, mag seine Nerven zusätzlich angegriffen haben. Irgendwann knallten die Sicherungen durch. Wobei …

Meek glaubte fest an die Kraft der Tarot-Karten. Aus ihnen hatte er 1957 herausgelesen, dass sein großer Held Buddy Holly am 3. Februar 1958 zu Tode kommen würde. So überzeugt war er, dass er Holly sogar eine Warnung zukommen ließ. Am Schicksalstag war er nervös und beruhigte sich erst, als Holly am Abend noch lebte. Buddy Holly starb auf den Tag genau ein Jahr später. Und Meek setzte seinen Schlussstrich am selben Tag, acht Jahre später. Das riecht dann doch nach Planung. Wie dem auch sei: Genug Gründe hatte er. Und da er an ein jenseitiges Leben glaubte, mag der Schritt dorthin nicht so schwierig gewesen sein. Warum aber musste er seine Vermieterin mitnehmen? Streit gab es wohl des öfteren, aber gleich erschießen?

Als Jugendlicher hängte Joe Meek Lautsprecher in die Obstbäume im Garten. Er wollte damit die Vögel verjagen, um den rabiateren Vater davon abzuhalten, die gefiederten Freunde abzuknallen. Ein Tierfreund und Pazifist (wenn die Anekdote stimmt). Irgendwo zwischen Jugend und dem 37. Lebensjahr muss also etwas schief gelaufen sein.

Unsterblichkeitsfaktor

So blöd es auch ist: Frühzeitig verstorbene Musiker werden meist als cooler wahrgenommen, als solche, die sich mittels Bluttransfusionen und Yoga bis zur Rente auf die Bühne schleppen. Und wenn man – wie im Falle Phil Spectors – irgendwann ein wenig bekanntes Starlet umbringt und sich selbst verschont, ist das auch nicht karriereförderlich (es sei denn man möchte Charles Manson produzieren, der schon angefragt hat). Meek jedenfalls war ein Visionär der Klangkunst und einer der ersten Musikproduzenten, die diesen Namen verdient haben. Da hätte es diesen unmöglichen Abschied nicht gebraucht. Die Legende aber, die hat darin ihre Wurzel.

Fazit
„Ein jegliches nach seiner Art“ (1. Mose 1,24) steht schon in der Bibel. Wer sich im Leben nicht mehr zurechtfindet, mag sich umbringen. Auf jeden Fall aber gibt es einen großen Punktabzug für den Mord, bzw. Totschlag, an der Vermieterin. Ich würde sagen: 4-, durchgefallen.

P.S.: Es ist spät und ich möchte ins Bett. Ordentliche Quellenverlinkungen gibt es also nicht mehr. Dass Maggie ein Meek-Fan war, habe ich zuerst in dem sehr empfehlenswerten Buch „My Magpie Eyes Are Hungry For The Prize“, der Geschichte von Creation Records. Über Bryan Ferrys Faible für den „Bad Penny Blues“ berichtet das noch empfehlenswertere Buch „Re-Make/Re-Model“, in dem Michael Bracewell die Entstehung von Roxy Music erzählt. Und wer seine Joe Meek-Kenntnisse vertiefen möchte: Hier gibt es einen interessanten Aufsatz. I’m going now. Goodnight.