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galvao & schaefer: #1

13. April 2018

Die Herausbildung ultraspeziellen Spezialgeschmacks ist bekanntlich des Hipsters schärfste Waffe im Wettstreit um urbane Selbstbehauptung: Man trinkt keinen x-beliebigen Gin – sondern ein ausschließlich in Beirut erhältliches Wacholder-Destillat, welches alle zwölf Jahre zur Wintersonnenwende in einem guatemaltekischen Kloster abgefüllt wird. Man trägt keine schnöde italienische Markenjeans – sondern ein in Japan von irischen Hippies auf einem Original Strauss-Webstuhl aus dem Jahre 1880 geklöppeltes Unikat aus 21-unzigem Denim. Und man hört ganz sicher nicht irgendeinen Formatradio-Brei – sondern die weird-melancholischen Weisen der Hamburger Geheimtipp-Combo GALVAO & SCHAEFER.

In Bezug auf Letztere öffnet sich für den distinktionsbedachten Musik-Connaisseur an diesem Samstag ein ebenso kurzes wie magisches Zeitfenster: Dann nämlich stellen die notorisch öffentlichkeitsscheuen Soundbastler im Hamburger Gängeviertel ihre langerwartete erste Platte vor – und in den darauffolgenden Tagen und Wochen wird zwischen Tokyo und Seattle eine beiläufig in die Konversation eingeflochtene Frage genügen, um all die anderen Durchblicker vorrübergehend aussehen zu lassen wie eine Schippe Würmer: „Schon die ‚#1’ gehört?“

Bereits die Vorgeschichte zum Platten-Release liest sich wie der feuchte Traum eines Fanzine-Betreibers mit Mainstream-Phobie. 1986 gründen Martin Schaefer und Joachim Zweynert „Waterproof, Baby“: ein selbstbewusst Post Punk und Velvet Underground referenzierendes Gitarren-Pop-Duo von bis heute flirrender Faszination. Zehn Jahre lang produzieren die beiden in einem Bunker in Langenhorn (und unterhalb der Wahrnehmungsschwelle selbst ambitionierterer Indie-Perlentaucher) Musik für das nächste Jahrtausend. Buchstäblich – denn tatsächlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wird dieser Schatz erst im Jahr 2016: Schaefer und Zweynert nennen sich inzwischen aus Gründen hanseatischen Understatements nach einer Klempnerei in Lemsahl-Mellingstedt eben GALVAO & SCHAEFER, scharen ein paar Gleichgesinnte um sich, arrangieren Songs, geben Konzerte, setzen Publikum nicht mehr stur mit künstlerischem Ausverkauf gleich – und produzieren schließlich besagte Platte. (Die Idee, das Ergebnis in einer Erstauflage von nur vier Exemplaren bei einem mongolischen Label mit eher rudimentären Vertriebsstrukturen zu launchen, um nicht am Ende doch noch kommerziell zu werden, scheitert letztendlich an Verständigungsschwierigkeiten mit dem dortigen Kulturministerium.)

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Phantome der Coolness in diffuser Barbeleuchtung: GALVAO & SCHAEFER

Und nun? G&S haben zweifellos alle Ingredienzien der typischen Nerd-Kultband: Drei schillernd-charismatische Frontleute in der glaubhaften Pose kommerzieller Totalverweigerung (Schaefer, Zweynert und Charlotte H.), einen begnadeten Multi-Instrumentalisten unter dezentem Genie-Verdacht (Yusuf B’Layachi), eine mythisch verehrte Produzenten-Legende (Hamburger Schule-Übervater Pascal Fuhlbrügge) und als gelegentliche Attraktion im sphärischen Backround: eine bevorzugt als dadaistische Waschmaschine auftretende, hochbegabte Zehnjährige (Ella).

Dennoch ertappt man sich dabei, der Platte heimlich wirklich alles zu wünschen – nur eben nicht den verdienten Erfolg und die darauf quasi zwangsläufig folgende Sinuskurve der verdammten Massendroge Fame: Subkulturelles Beben, Entdeckung durch den Mainstream, allgemeine G&S-Mania, Fernseh-Auftritte, Stadion-Touren als Coldplay-Vorband und schlussendlich: angeekeltes Sich-Abwenden der Fans der ersten Stunde: Geliebt von der Welt, gehasst von den Early Adoptern. Denn was bliebe einem noch von seiner mühsam zusammengepuzzelten Individualität, sollte ein schwebend-schöner Song wie „Mieser kleiner Tag“, ein krypto-romantisches Kleinod wie „Nada“ oder das rotzige „Es regnet“ irgendwann den Einkauf bei H&M untermalen?! Eben.

Konsequenterweise erfolgt diese Ankündigung deshalb auch nicht in der SPEX oder im Kulturteil der ZEIT – sondern hier: im über Jahre gezielt zum reichweitenschwächsten Medienblog des Landes ausgebauten Bescheidwisser-Refugium wortpong. Wer unsere systematisch installierten und konsequent gewarteten Zugangs-Filter umschifft und diesen Text tatsächlich gelesen hat, kann also sicher sein: Wir sind unter uns.

Und deshalb jetzt nochmal zum Auf-keinen-Fall-Weitersagen:

Galvao & Schaefer
Platten-Release-Party
14. April 2018, 20:00 Uhr
Druckerei im Gängeviertel (Valentinskamp 32)

Hingehen und durch bloßes Zuhören ein besserer Mensch werden!

Beziehungsweise: bleiben.

 

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