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Zufallspredigt Nr. 7: Die Frau in der Tonne

20. Februar 2011

„Und siehe, es hob sich der Deckel aus Blei,
und da war eine Frau, die saß in der Tonne.“
Sacharia, 5,6

Ist sie oder ist sie nicht?

Der Moderator der 68. Golden Globe-Zeremonie, Ricky Gervais, schloss seinen grandiosen Lästerreigen mit einem für amerikanische Verhältnisse beherzten Paradoxon „Thank you to God for making me an atheist.“ Recht hat er! Der Atheist kann sich aus mancherlei Gründen über seine Glaubensfreiheit freuen. Er muss nicht in die Kirche. Hat sich bloß an die Gesetze seines jeweiligen Landes zu halten. Ist von manch moralischem Ballast befreit. Muss sich keine Sorgen über Urteile himmlischer Richter machen. Von der gelegentlichen Bibellektüre sollte ihn das aber nicht abhalten. Dort, im Buch Sacharja, das wir heute zufällig aufgeschlagen haben, hat jener Prophet mehrere schöne Visionen. Und die siebente davon ist die schönste. Die Vision von der Frau in der Tonne: „Er (der Engel) aber sprach: Das ist eine Tonne, die da hervorkommt – und sprach weiter: Das ist die Sünde im ganzen Lande. Und siehe, es hob sich der Deckel aus Blei, und da war eine Frau, die saß in der Tonne. Er aber sprach: Das ist die Gottlosigkeit. Und er stieß sie in die Tonne und warf den Deckel aus Blei oben auf die Öffnung.“ Als nächstes kommen zwei „Weiber“ mit Flügeln, „…. die der Wind trieb, es waren aber Flügel wie Storchflügel …“. Die beiden schnappen sich den Topf und fliegen ihn ins Lande Sinear, „….daß ihm ein Haus gebaut werde … und bereitet und es daselbst gesetzt werde auf seinen Boden“. Eine rätselhafte Vision. Sie ereilte den Propheten Sacharja am 15. Febr. 519 vor Christi Geburt. Sacharja versteht die Visionen nicht, aber er hat ja den „Deuteengel“ wie Bibelforscher Helmut Delkurt den Engel nennt, der Sacharjas Fragen beantwortet und beim Verständnis der seltsamen Ereignisse deutend zur Seite steht. Im Falle unserer Passage fragt der Prophet, wohin die Reise mit den Storchflügel-Frauen ginge. Nach Sinear, sagt der Engel. Die Sünde in der Tonne wird also außer Landes (Israel) geschafft, eine der Maßnahmen, mit denen Jehova Sicherheit und Wohlergehen des auserwählten Volkes sichern will. Denn darum geht es in den Visionen Sacharjas.

Die erste ist allgemeiner Natur, dem Volk wird Wohlergehen und Frieden zugesichert. In den folgenden Visionen geht es dann um die Konkretisierung. Wie erlangt ein Volk Wohlergehen und Frieden? Die Antworten im Buch Sacharja sind gar nicht mal schlecht. Wie auch schon in den 10 Geboten, die ja als eine Art Basisgesetzgebung durchgehen, hat auch hier das meiste heut noch Gültigkeit. Man benötigt: Schutz vor äußeren Feinden, Schutz nach innen, wirtschaftliches Wohlergehen, ein funktionierendes Sanktionssystem für innere Störenfriede und, unser Kapitel, die Entfernung der Sünde.

Gott in 60 Minuten. Verstehen? Glauben? Kennenlernen? Besiegen? Abgewöhnen?

Realitycheck anhand der Situation in der Bundesrepublik Deutschland: Im internationalen Vergleich geht es uns noch wohl und ist auch halbwegs friedlich (von Hartz und Afghanistan mal abgesehen). Für Punkt 1 haben wir die Bundeswehr. Den Schutz nach innen übernehmen so Leute wie Olaf Scholz oder Christoph Ahlhaus (die Skylla und Charybdis der diesjährigen Wahlen in Hamburg). Für das wirtschaftliche Wohlergehen ist der Kapitalismus zuständig (äh, nein, die soziale Marktwirtschaft oder auch die nicht?). Das Sanktionssystem besteht aus dem Strafgesetzbuch und verwandten Regelungen. Und die Entfernung der Sünde? Das ist der heikelste Punkt. Es bräuchte wohl kein Sanktionssystem mehr, wenn sie weg wäre. Aber die Sünde einfach so in einen Topf zu packen und außer Landes zu schaffen, das ist eine Vision im reinsten Marketingsinn, den Susan Ward frei übersetzt wie folgt definiert: „Artikuliere die Träume und Hoffnungen, die Du für dein Geschäft hast oder hegst. Die Vision erinnert dich daran, was Du bauen willst.“ Mit anderen Worten: Schreib’ was du willst, schalte jeglichen Realitätssinn aus und fertig ist die Vision. Für die Innenministerien dieser Welt wäre die Entfernung der Sünde eine astreine Vision, wenn sie auch die Selbstabschaffung bedeuten würde. Nun sind aber Bibel und Glaube an sich voll von solchen Maximalgedanken. Vielleicht macht das ihre Attraktivität aus. Wenn ein beliebiges Unternehmen sagt „Wir wünschen uns, dass unser Staubsaugerbeutel dereinst, der einzige Staubsaugerbeutel ist, der auf der Welt verwendet wird“ fasziniert das wohl keinen Menschen außer der Geschäftsführung. Die Sünde aus der Welt zu schaffen, ist da schon ein anderes Kaliber. Das wäre, je nach Definition von „Sünde“ natürlich, gar nicht so schlecht. Geht aber nicht. Oder vielleicht doch? Bei meiner dreijährigen Tochter ist mir aufgefallen, dass sie schon immer gerne trödelte. Seit sie aber weiß, dass es ein so schönes Wort wie „Trödeln“ für diese Tätigkeit gibt, trödelt sie noch viel lieber. Im Umkehrschluss wäre es also ein erster Schritt zur Entsündung der Welt, sündhafte Worte abzuschaffen (wobei Trödeln selbstverständlich keine Sünde ist). Auf die Dudenredaktion kommt also eine große Aufgabe zu. 

Aber weiter in der Bibel: Mal abgesehen davon, dass der Deuteengel gleich nach dem Schutzengel wohl der beste Engel wäre, den man sich wünschen könnte, eine Art verbessertes Wikipedia, das auch in Regionen ohne Internetverbindung funktioniert, ist die heutige Bibelstelle zwar schön, gibt aber außer dem Gesagten wenig her. Ein B-Prophet, der kein Sprichwort hervorgebracht hat, eine Plot-lose Geschichte. Wenden wir uns also noch einem Aspekt zu, den wir in den vorangegangenen Bibelpredigten noch nicht thematisiert hatten: Der Übersetzung.

„Die Frau in der Tonne“ stammt in meiner Lieblingsversion („Tonne“ ist ein tolles Wort!) aus der Lutherbibel, die meine Oma mir schenkte. In den verschiedenen Lutherversionen, die im Internet zu finden sind, steht das Wort „Tonne“ meist nur in der Überschrift. Im Text heißt das Behältnis, in dem die Sünde eingefangen wurde „Epha“. Das ist nun wieder interessant, denn Epha ist eine Maßeinheit der alten Hebräer. Ein Scheffelmaß von ca. 40 Litern. Dass die Sünde eines Landes in Frauengestalt in einem Vierzig-Literfass Platz findet, ist ein gutes Zeichen. Es gab anscheinend nicht viel Sünde. Noch interessanter sind aber die Google-Suchergebnisse, wenn man wie ich wissen möchte, was eine oder ein Epha ist. Da erfährt man zum Beispiel folgendes über die Erfolge einer Konkurrenzreligion: „Seitdem ich Scientologe bin, hat sich mein Leben vollständig verändert. Ich bekomme Dinge hin, an denen ich vor Scientology gescheitert bin. Ich habe mir meinen Jugendtraum erfüllt und bin jetzt seit 7 Jahren als Kunstmaler selbständig und erfolgreich. Bevor ich Scientologe wurde, bin ich daran immer wieder gescheitert und hatte diesen Traum schon aufgegeben. Ich bin seit über sieben Jahren glücklich verheiratet und weiß, daß ich die Frau gefunden habe, die ich immer gesucht habe.“ Der das schreibt, heißt Thomas Epha und sein Lieblingszitat von Ron L. Hubbard, dem Science-Fiction-Autor, der eine Religion begründete, ist: „Wissen an sich ist Gewißheit“.

Für mich hört sich das so an wie „Essen an sich ist Ernährung“, aber ich bin ja auch ein Laienprediger und freue mich einfach für Thomas Epha, dass er jetzt Erfolg und Frau hat. Frauen sind überhaupt so ein Thema. Dass die Sünde in der Bibel eine Frau sein soll, haben wir ganz außen vor gelassen. Absurd das. Noch absurder, dass es wahrscheinlich noch Millionen irgendwo da draußen gibt, die das wörtlich nehmen. Andererseits stimmt es ja auch zu fünfzig Prozent (wenn man von einer bipolaren Geschlechterwelt ausgeht).

Frauen und Religion spielen auch beim nächsten Epha-Googletreffer eine Rolle: „Indem die Epha-Motana (meist weiblich) mit ihren Motana-Quellen mit einem Choral (meist der Choral an die Sterne) ihre parapsychische Begabung aktiviert, kann sie einen Bionischen Kreuzer Kraft ihres Geistes durch die Manipulation der Feldlinien der Epha-Matrix bewegen. Diese überlagert dabei ihre optische Wahrnehmung. Der Choral dient dabei nur als Konzentrations- und Meditationshilfe.“ Ihr wollt wissen, wo es solchen Quatsch zu lesen gibt? Nicht bei Hubbard, nicht in der Bibel, sondern im Perrypedia, in dem der Kosmos des Perry-Rhodan-Groschenromans erläutert wird. Ich verstehe kein Wort und verabschiede mich deswegen jetzt in die Nacht.

Natürlich nicht ohne das übliche Amen. Während ich diese Predigt schrieb, hörte ich zwei neue (subjektiv), alte (objektiv) Platten: Gerade wiederveröffentlicht ist „U.F.O.“ von Jim Sullivan, ein Songwriter, der 1969 diese wunderbar soulige Countryplatte aufnahm und ein paar Jahre später in der Wüste verschwand. Und im letzten Jahr zum ersten Mal seit Jahrzehnten aufgetreten: die Pyramids, ein Jazz-Kollektiv mit starken afrikanischen Einflüssen. Das Konzert habe ich leider verpasst, die zur Sühne gekaufte „King of Kings“-Lp aus dem Jahr 1972 ist hervorragend. Perkussiv, hypnotisch, man könnte fast spirituell werden.

Noch ein Wort zu Spiritualität. Epha hat uns bislang durch die Bibel begleitet, zum durchgeknallten Hubbard und in die nicht minder irre Nerdhölle Perry Rhodans geführt. Epha kann aber auch bodenständig sein, wie im Falle von Wilhelm Franz Epha, dem legendären Wanderdünen-Bändiger, der auf der Kurischen Nehrung ganze Städte vor der tödlichen Bedrohung durch Wanderdünen rettete. Mit ihm in der Epha-Googlereihe sind Spiritualität und Realitätssinn, hier vertreten durch preußisches Beamtentum, vorerst wieder im Gleichgewicht und wir können nun aber wirklich guten Gewissens sagen: Gute Nacht.

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One Comment leave one →
  1. M. Delkurt permalink
    8. Oktober 2013 08:08

    Ist hier nicht Holger Delkurt ( Sacharjas Nachtgesichte) gemeint?

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