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Toiletten dieser Welt 9: Adolf-Jäger-Kampfbahn, Hamburg

23. März 2012

Letzten Sonntag war  Lokalderby in Hamburg. Für nostalgische Fußballfreunde ein Highlight. Mit Altona 93 und dem SC Victoria standen sich zwei Mannschaften gegenüber, die zu den ältesten Fußballvereinen Deutschlands gehören und lange mit den, heute erfolgreicheren, Newcomern HSV und St. Pauli auf Augenhöhe spielten. Dass das heute nicht mehr so ist, macht den Stadionbesuch auch für Freizeit-Fußball-Fans attraktiv. Für Wurst, Kaffee und Bier muss nicht lange angestanden werden. Kinder können rumtoben. Und: Das Stadion von Altona 93 ist die Adolf-Jäger-Kampfbahn, auf der einst auch Heinz Spundflasche seine Tore schoss – was wiederum für Liebhaber interessanter Namen durchaus erhebend ist.

Die Adolf-Jäger-Kampfbahn wurde 1909 erbaut, ist damit eine der ältesten Sportstätten Deutschlands und gehört also wie ihr Verein zu den Early Birds des deutschen Fußballs. Natürlich nicht ganz so early wie die Engländer, die bereits im Frühmittelalter kickten. Bei diesen Sportevents trat ein Dorf gegen das andere an, als Ball diente eine gefüllte Schweinsblase. Ziel war es die Schweinsblase durch das jeweilig andere Stadttor zu kloppen, wobei es möglich war, dass Entfernungen von mehreren Kilometern überbrückt werden mussten. Es ging durchaus roh zu:

„Alles war erlaubt, schwere Verletzungen und selbst Todesfälle waren deshalb an der Tagesordnung.“

Vielleicht um verrenkte Glieder und totgetrampelte Bäcker und erstochene Gaukler zu vermeiden, setzten sich 1848 ein paar Studenten in Cambridge zusammen und brachten die ersten Fußballregeln zu Papier. Der Welt erster Fußballverein wurde dann 1857 in Sheffield gegründet, schlappe 36 Jahre vor dem Altonaer Fußball-Club von 1893 e.V. In der Ideenevolutionsgeschichte war der Fußball also nicht ganz so schnell wie der Buchdruck (was nichts über seine Relevanz aussagen soll) (oder vielleicht doch), hat aber seit den Sheffielder Studenten ganz gut Fahrt aufgenommen und wird (Prophezeiung) in 100 Jahren den Buchdruck an Relevanz überholt haben.

Und das auch nicht ganz zu Unrecht: Echtes Drama gibt es ja eher auf dem Fußballplatz als in Zeitung oder Roman. Das Oberliga-Duell der in die Jahre gekommenen Vereine bildete da keine Ausnahme: Tore und Fouls. Das kleine Häufchen Victoria-Fans verausgabte sich im dreißig Quadratmeter großen Fanblock. Der Schiedsrichter verpfiff sich und die jeweilig Betroffenen regten sich auf. Es gab sogar eine kleine Schlägerei und Pyroabfackeln. Und es gab eine Toilette! Wichtig. Hier geht es schließlich nicht um Fußball, sondern um Toiletten.

C. ging während der ersten Halbzeit mit Kindern auf Toilette, kam wieder und sagte, dass ich mir diese Toilette unbedingt ansehen sollte. Während der zweiten Halbzeit langweilten sich ein paar von den Kindern und das war der benötigte Toiletteninspektionsanlass. Ich versprach ihnen Altona-Fahnen und wir machten uns auf den Weg. Das Tolle an dieser Toilette der Welt ist der Weg. Von den Stehplätzen ausgehend, passiert man das südliche Tor, geht aufs Vereinsheim zu und wird dann quasi per Schnitzeljagd zum Klo geleitet, einer Hütte hinter der Haupttribüne.

L. (8 Jahre) und E. (knapp 4) zeigten mir den Weg:

Zwischen Vereinsheim (rechts) und der 1958 eingeweihten Haupttribühne (links) führt der Weg zur Toilette an einem Imbisswagen vorbei geradewegs zu diesem Schild. Im Hintergrund: Wohnungsbau, wie er nicht sein sollte. Man folgt also der Pfeilrichtung ...

... und der Blick fällt sofort auf dieses Fachwerkkunstwerk. Zur Linken: Die Haupttribüne, auf der in diesem Moment die Vicky-Fans (wie man in Kennerkreisen sagt) herumfeiern. Wir Drei folgen den Steinen zwischen Fachwerkkabuff und Tribüne ...

... und sehen nun das Sanitärgebäude. Ich würde mal schätzen, dass dieser Zweckbau noch nach der Haupttribüne hingepappt wurde (und bin jetzt zu faul, diese Behauptung durch Fakten zu untermauern). Schön: das unbeholfene WC-Schild ...

.... die Toilette selbst ist dann wieder besser als Bundesliga-Klasse. Schicke Farben. Sauber. Wenig Toilettengeruch. Keine Wartezeit. Keine Extragebühren.

Auf dem Rückweg kauften wir zwei AFC-Flaggen und übten Fußball-Brüllen. Es nützte nichts, Victoria gewann die Partie mit 0:2 Toren.

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