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Vampirismus 2.0

1. November 2009
max-schreck

Retro-Vampir wie wir ihn kennen

Der schnelle Weg zum Mythos

Das geht ja manchmal ganz fix in der Geschichte: ein paar wenige Jahre vergehen, die Mund-zu-Mund Überlieferungen werden im berauschten Zustand etwas farbenfroher dargestellt, die Geschichtsschreiber verzetteln sich in Übersetzungs- oder Semantikproblemchen und Ruckzuck sind ein paar Wissenschaftler zur Hand, die glasklar belegen, dass diese oder jene Geschichte nicht wahr sein kann und darf. Opfer dieses rigorosen Forscherhabitus ist neben Monsieur Gott und ausserplanetarischen Immigranten auch die illustre Gemeinschaft der Vampire. Im Mittelalter noch von allen gefürchtet, würden sie heute nur noch müde belächelt, wenn sie mit schwarzem Umhang und exponiertem Dentalbereich durch die Gegend schwirrten. So macht das keinen Spass, haben sie sich wohl gedacht und deshalb einen radikalen Strategiewechsel vollzogen.

Kraftvoll zubeissen war gestern

Nach den etwas mühseligen Versuchen im letzten Jahrhundert, als Militärsanitäter und DRK-Laboranten an unser aller Lebenssaft zu gelangen, hat sich die Vampirgemeinschaft nun eine erfolgversprechende Vorgehensweise erdacht: Wie in den letzten Tagen von verschiedenen Medien berichtet, werden immer wieder Arbeitssuchende vor der Einstellung um eine „Blutprobe“ gebeten. Dies wird perfiderweise sowohl von Journalisten als auch von den Unternehmen selbst als „Gesundheitscheck“ dargestellt. Welch obszöne Vorstellung: den Unternehmen sollte es erlaubt sein, Daten bezüglich Drogengenuß, Krankheitsanfälligkeit oder Leistungsfähigkeit zu generieren und zu speichern! Dies würde doch wohl keine deutsche Gerichtsbarkeit gestatten. Und überhaupt haben sich deutsche Großunternehmen in den letzten Monaten nicht gerade als Hüter des heiligen Daten-Grals erwiesen und „Datenpanne“ hat jetzt schon das Abonnement auf das Unwort der nächsten zehn Jahre, so dass hier der totale PR-Gau droht.

Nein, hinter der ganzen Sache stehen viel handfestere Motive: Die Blutsauger haben sich durch ihre über Jahrhunderte gewachsene Menschenkenntnis und ihre originellen Nachwuchsförderungsmethoden zunächst unbemerkt als Personalchefs in den Unternehmen etabliert. Bei von Wirtschaftforschungsinstituten geschätzten drei Millionen Menschen in Deutschland, die seit Beginn der Wirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz verloren haben ­– und sich demnach einen neuen Arbeitsplatz suchen mussten – brummt es in den Personalabteilungen und die Ampullen klimpern. Nicht durch Zufall nennen sich diese Abteilungen mittelerweile „Human Resources“ (zu deutsch „menschliche Ressourcen“, Sie verstehen?). Da geht jede Menge von dem „Roten Gold“ über den Tisch und ein Ende der Fahnenstange ist noch nicht abzusehen, da der grosse Einbruch auf dem Arbeitsmarkt noch zu erwarten ist.

Was können Bewerber tun?

Nachdem der Weg über die Besetzungscouch und Networking über xing und so nun obsolet geworden sind, sollten Bewerber bereit sein, völlig neue Aspekte in ihr Bewerbungsverfahren einbeziehen. Da sich bisher in den entsprechenden Foren wenige bis gar keine Hinweise für Bewerber finden, hier eine exklusive Auswahl an Tipps der wortpong-Redaktion für das erfolgreiche Bewerbungsgespräch:

  • Versuchen Sie, ihr Vorstellungsgespräch in die Abendstunden zu verlegen. Moderne Blutsauger haben zwar gelernt, bei Tageslicht zu überleben, jedoch fühlen sie sich in den Abendstunden merklich wohler, was den Gesprächverlauf positiv beeinflussen kann
  • Niemals alkoholisiert zum Bewerbungsgespräch erscheinen. Durch Alkohol verunreinigtes Blut ist für Vampire ungenießbar, das ist ja schon seit Bram Stoker bekannt.
  • Deuten Sie durch Pflaster und Verbände eine gewisse Verletzungsanfälligkeit mit Blutverlust an, ganz versierte Bewerber können auch Verführungsversuche mittels akuten Nasenblutens starten.
  • Bestimmte Jahrgänge gelten als besonders genusswürdig, andere hingegen gar nicht, so zum Beispiel die Jahrgänge 86/87 wegen möglicher radioaktiver Belastung. Wenn Sie zu einem Problemjahrgang gehören, deuten Sie im Gespräch an, dass Sie über absaugwillige Kontakte aus Premium-Jahrgängen (wie zum Beispiel 1972, 1990 und 2001) in ihrem privaten Umfeld verfügen.

Die Technik hält Schritt

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Neue Technik von Adobe: Der PIB-Bluttetster ist wahlweise mit USB 2.0 oder als wireless-Version erhältlich

Neue Anforderungen erfordern neue Technik: Nach den etwas jämmerlichen Versuchen der Firma AEG, durch Platzierung eines multifunktionalen Staubsaugers in den Haushalten an das Blut von Hausfrauen zu gelangen (Dem Gerät war eine Broschüre beigelegt, welche rückwärts gelesen eine Anleitung zum Umfunktionieren des Gerätes als Blutabsauger, der direkt an die Aorta angeschlossen wurde, beinhaltete.) Nun hat die Firma Adobe Sytems in Zusammnearbeit mit der Bundesanstalt für Arbeit einen technische Innovation angekündigt, die Online-Bewerbungsverfahren revolutionieren könnte. Mit Hilfe der patentierten PIB-Technologie können Berwerber zuhause alle relevanten Werte Informationen aus ihrer Blutprobe ermitteln und diese dann per PDF ihrer Online-Bewerbung anhängen. Diese Daten werden dann in den Unternehmen mit den Anforderungsprofilen für die ausgeschriebenen Stellen abgeglichen.

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One Comment leave one →
  1. Jonas permalink
    2. November 2009 18:11

    Gruselig und beängstigend zugleich, diese Geschichte, deren ironischer Unterton doch nur darüber hinweg täuschen will, dass hier nur bittere Realität aufs grellste ausgeleuchtet wird. Was bleibt ist die Entscheidung: Den neoliberalen Blutsaugern den Hals devot zum Bisse bieten und selbst einer werden – oder ein Leben im Untergrund und auf der Flucht.

    Schön ist das alles nicht.

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