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LEGENDEN LIVE: VON FEUERLÖSCHERN, GEWINNERN UND SEXOBJEKTEN

4. November 2009

so_flyerFür die Geschichte der Popmusik ist Schottland in etwa das gleiche wie Krümmel an der Elbe für die Kriegskunst. In Krümmel produzierte der Kriegsverächter Alfred Nobel Dynamit. In Edinburgh spielten am 7. Mai 1977 The Clash im Rahmen ihrer White Riot-Tour. Mit Vic Godards Subway Sect im Vorprogramm. Im Publikum sahen Edwyn Collins, Alan Horne und Davey Henderson wie Subway Sect ihre eigene Version von Punk spielten – strictly Anti-Rock („We oppose all Rock’n’Roll“ war ihr Schlachtruf), den Treble-Regler auf Anschlag, in Anzügen statt zerfetzten Jeans, eher Velvet Underground als MC5 oder Stooges. Das war der Beginn des Sound of Young Scotland: Edwyn Collins gründete Orange Juice, Alan Horne das kurzlebige aber sehr einflussreiche Label Postcard Records. Und Davey Henderson? Der machte sich auf eine musikalische Reise, die am Samstag, 7. November, in der Astrastube, Hamburg, zu Gast ist.

Attitude and hate was what it was

Bleiben wir aber erstmal in Edinburgh 1977. Dort hallt die White-Riot-Tour nach. Davey Henderson gründet verschiedene Bands und findet schließlich mit Russell Burns, Graham Main und Murray Slade die ideale Komination. Im März 1980 spielen The Fire Engines ihr erstes Konzert. „We played to our strengths which were minimal, but somehow, as a band, it worked“, sagt Henderson über die Fire Engines. “We never played chords, and Russell didn’t use cymbals or hi-hats. It was very violent, although no-one got hurt. Pure aggression, attitude and hate was what it was.” Bei den Fire Engines wurden Aggression, Attitüde und Hass, aber auch Spaß, Speed und Sex zu Musik und das klang dann wie eine brillante Mischung aus James Chance, Captain Beefheart, Velvet Underground, Voivods, Funkadelic und vielem mehr. Die Auftritte waren reine Energie und meistens kaum mehr als 20 Minuten lang.

Our compass was a fake

Nach 18 Monaten, drei Singles und ohne eine einzige reguläre LP veröffentlicht zu haben, war Schluss. The Fire Engines waren, ganz entgegen ihrer eigenen Erwartungen, ziemlich weit gekommen im Indiezirkus: Die Kritik liebte sie, John Peel lud sie zur Session ein und das Publikum, nun ja, das kam zwar nicht in Massen, aber hatten nicht auch Velvet Underground von ihrer ersten LP gerade mal ein paar Handvoll verkauft? Mit diesem Erfolg wurde allerdings auch der Druck stärker. Für Bob Last, auf dessen Label Fast Records, die Fire Engines veröffentlichten, war die Band an einem Punkt angelangt, an dem sie sich ändern musste, um nicht zu langweilen. Er verpasste der zweiten Single „Candyskin“ ein paar Streicher, doch es half nichts: „Candyskin“ klang ruppig wie eh und je. Die dritte und letzte Single „Big Gold Dream“ ging dann schon eher in Lasts Richtung, dafür aber verärgerte die Band den gerade zum Vegetarismus konvertierten Bob Last, in dem sie auf dem Cover ihre nackten Oberkörper mit blutigen Schnitzeln belegte. Trotz dieser netten Geste des Protests: Nach einer zweiten Peel-Session und einigen Konzerten verglühten die Fire Engines Neujahr 1981: „Around the time of the second John Peel session we were shit… Our compass was a fake… We should’ve trusted our internal magnets… We should have trusted our inability.”

Beware of the sugar coated bullets, baby!

Was tut man, wenn man das Unvermögen verloren hat? Man simuliert Unvermögen oder man gründet eine ordentliche Popband. Am Ende der Fire Engines verspürte Henderson den Druck, Songs zu schreiben („you know, songy songs…“). Er verweigerte sich. Bei Win, dem Folgeprojekt, legte er los. Über zwei Alben und eine Reihe Singles komponierte Henderson, übrigens wiederum begleitet von Russell Burns, Sing-a-long Popsongs mit Zeilen wie „a dashing young Valium to soften the fear” oder “two lipstick smudge guns, honey, pistol weapons drawn baby”. Hendersons Texte behandelten Themen wie den amerikanischen Imperialismus, Massenkommunikation, Verschwörungen und Paranoia. „It’s our job to remind people offe_biggolddream the dark side, when they’re getting to comfy“, sagte er und hatte kein Problem damit, Popmusik als Medium zu benutzen: „There’s nothing wrong with sugariness … beware of sugar-coated bullets, baby!” Win kamen zunächst bei Alan Horne unter, dem Postcard-Gründer, der sein altes Label mittlerweile für Schrott hielt und Win zu den neuen Orange Juice erklärte. Ihre Single „You’ve got the power“ wurde ihr größter Hit (erreichte zwar nicht die Top40, verkaufte sich aber ordentlich und wurde für eine seltsame TV-Reklame der schottischen Brauerei McEwan’s lizensiert). Im April 1990, mittlerweile bei Virgin (dem Label von Business-Punk – haha! – Branson), schmiss das Label sie wegen schleppender Verkäufe raus und Win lösten sich auf.

I love total destruction

Hendersons Mission aber geht weiter: 1992 gründet er Nectarine No.9. Ein loses Projekt, das selten auftritt, aber regelmäßig veröffentlicht. Es muss nicht betont werden, dass jeder einzelne Ton von Nectarine No.9 interessanter ist als die gesammelten Top10 Hits der letzten 50 Jahre (mit Ausnahmen). Nachdem der Einfluss der Fire Engines von der x-ten Generation schottischer Popmusiker immer wieder betont wird (Franz Ferdinand erwähnen die Band in jedem zweiten Interview), gibt es 2004 auch eine Reunion der Fire Engines, die mit den erwähnten Franz Ferdinand und mit Captain Beefheart’s Magic Band auftreten. Und es gibt seit einiger Zeit die Sexual Objects, ein weiteres Projekt von Henderson und Russell, das anders als Nectarine No.9 eine echte Band ist, und am Samstag in der Astrastube auftritt. Die Sexual Objects haben drei großartige und sehr verschiedene Singles auf dem Hamburger Label „Aufgeladen und Bereit“ (das sich wiederum nach dem Titel einer Fire Engines-Platte benannte) veröffentlicht und ich kann einfach mal garantieren, dass es großartig wird. Das Vorprogramm bestreitet Flo Fernandez und an den Plattentellern stehen Christian und ich, die wir in den frühen 80ern ein Fanzine namens Orval gemacht haben, das seine Existenz in einem ungeringen Maße Postcard und seinen Folgen verdankte, also eher Schottland als Krümmel. Die Geschichte des Dynamits wird ein anderes Mal erzählt.

P.S.: Die wörtlichen Zitate und viele Informationen sind zwei exzellenten Quellen entnommen: WIN widmet sich diese Website. Und über die Fire Engines gibt es einen hervorragenden Artikel, den man hier als PDF herunterladen kann.

Noch ein Postskriptum vom 11. November: Es war sehr sehr grandios und es gibt ein schönes Foto vom Astrastubenklo:

so1

Besser als die Beatles: The Sexual Objects. Vorne schlafend: Flo Fernandez, dahinter Davey Henderson.

 

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One Comment leave one →
  1. Freddy permalink
    6. November 2009 13:34

    yippi, die träger halten und es gibt weitere vier jahre astrastube!

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