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SHANTYFICATION

27. Oktober 2009

In Hamburg gibt es eigentlich keine Gentrifizierung. Hier geht das radikaler. Das Gängeviertel wurde nach einer Choleraepidemie im Jahr 1892 Stück für Stück abgerissen – allerdings nicht ganz ohne Grund. Robert Koch schrieb 1892 an Kaiser Wilhelm: „Eure Hoheit, ich vergesse, dass ich in Europa bin. Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie hier.“ Den Rest, eine Kommunistenhochburg und gleichzeitig inoffizielles Zentrum jüdischen Lebens in Hamburg, planierten die Nazis. Der kümmerliche Rest steht noch, deplatziert und verschämt zwischen Springer-Verlag und Unilever-Hochhaus. Die paar armen Häuser gammeln vor sich hin, weil der Investor, der ein Shoppingerlebniszentrum schaffen wollte, kein Geld mehr hat.

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Hamburg im Jahr 2015: Ein Vergnügungspark

Ein paar Schritte von diesem Ort liegt die tote Innenstadt Hamburgs. Das alte Konzept der Trennung von Wohnen und Arbeit, hier verkörpert durch den Bau der Kontorhäuser, wurde, nachdem zunächst noch Wohnbebauung vorgesehen war, konsequent umgesetzt. In der Politik sorgt Konsequenz in ihrer Reinform für Guillotine und andere Rücksichtslosigkeiten, in der Stadtplanung ist es nicht ganz so gefährlich, aber auch schlimm: Tagsüber spucken Büros und Läden, Banken und Werbeagenturen Menschenmassen aus, die eilig durch die Straßen rennen, und um halb neun klappen müde Verkäuferinnen die Bürgersteige hoch und fahren mit der Bahn in die Vorstadt. Nachts sorgen eine Handvoll Hausmeister und Security-Leute für Ruhe und Ordnung.

Noch ein paar Schritte weiter eine Touristenattraktion, die Speicherstadt. Und was uns hier als altes Hamburg präsentiert wird, ist auch nichts anderes als ein geplantes Gemetzel. 1878 forderte Otto von Bismarck 1878 den Anschluss Hamburgs ans Zollsystem des Deutschen Reichs, die Hamburger sträubten sich, denn Zölle hätten den Handel gestört. 1881 wurde ein Kompromiss gefunden: Hamburg durfte eine kleine Freihandelszone, den Freihafen, behalten. Um Raum für diesen Garanten hanseatischer Geldakkumulation zu schaffen, wurde kurzerhand das Quartier auf dem Großen Grasbrook abgerissen. Rund 24.000 Menschen mussten sich eine neue Bleibe suchen – ohne jegliche Hilfe oder finanziellen Ausgleich.

Jetzt, wo der Hafen es sich auf der anderen Elbseite gemütlich macht, gibt es mit einem der größten Bauvorhaben Europas, der Hafencity, eine andere Merkwürdigkeit Hamburgs zu besichtigen. Baut der Hamburger nämlich neu, kann man sicher sein, dass Langweiliges dabei rauskommt. Neue Architektur war hier jahrelang die Bullauge-meets-Backstein-Tristesse von gmp, jetzt ist gerade Glas und Kastiges in Mode, aber eben auch nur halbherzig. Die gesamte Elbbebauung, die gesamte Hafencity: Hässlich bis gähnend langweilig, bestenfalls ok (der Würfelbau gegenüber des Hafenklang). (Ach ja, auf die Elbphilharmonie dagegen, so teuer und überflüssig sie sein mag, darf man sich freuen, weil die Architekten Herzog & de Meuron gut sind.)

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Gegen Turbogentrifizierung helfen auch keine dicken Wände

Städtebaulich betrachtet ist das Leben in Hamburg also kein Kinderspielplatz. Und dann noch die Gentrifizierung, die es natürlich doch gibt. Grundsätzlich dürfte der Prozess bekannt sein: Abgewrackte, unsanierte Gebiete werden neu entdeckt, vornehmlich von Menschen höheren Bildungsgrads bei gleichzeitig niedrigem Einkommen, die einen gewissen Pfadfindergeist in sich tragen. Jonathan Lethem hat diesen Prozess in seinem auch sonst tollen Buch „Fortress Of Solitude“ für Brooklyn beschrieben: Die Eltern sind Künstler (Vater malt Filme, nicht gerade ein Garant für Galerie- oder Kinokassenerfolge), Sohn ist klein und einziger Weißer in der Nachbarschaft, Mutter haut irgendwann ab. Das war Anfang der 1970er. 20 Jahre später: Nobelrestaurant neben Nobelrestaurant. Dieser Prozess ist im Grunde genommen ganz normal. Siehe Eppendorf, wo in den späten 1960ern niemand leben wollte. Altbau war unbequem. Das Bürgertum wollte lieber in irgendwelchen vorstädtischen Neubausiedlungen wohnen. Dann kamen die Studenten, gründeten wuschelige WGs. Im Lauf der Jahre wurden sie älter, schmissen die Mitbewohner raus, wurden reich, strichen die Wände, installierten Designeinbauküchen, bekamen ein Kind, bekamen zwei Kinder, und, schwupps, wurde Eppendorf, wie es heute ist. Diesen Weg gingen ein paar Jahre später auch Ottensen und Eimsbüttel. Soweit, so bedauernswert, aber irgendwie ist er ja auch ganz in Ordnung, der Lauf der Dinge. Immerhin nimmt er etwas Zeit in Anspruch,

Den Dingen ihren Lauf zu lassen, ist aber des Hamburgers Sache nicht. Hier hat man sie gerne im Griff. In der Stadtplanung heißen die Konzepte also „Die wachsende Stadt“ (obwohl sie in Wahrheit schrumpft), „Sportstadt Hamburg“ (weil jedes zweite Wochenende ein paar tausend Extremisten 20-mal um die Alster laufen) und „Kulturmetropole Hamburg“ (es gibt zwei Musicalhäuser, einen Schlagermove und die Harley Days). Damit diese Konzepte wachsen und gedeihen, hat man sich in Hamburg für eine Art Turbo-Gentrifizierung entschieden. Ein kurzer Abriss der Projekte, an denen sich die Gemüter derzeit erhitzen: In Altona soll der Frappant-Komplex einer innerstädtischen IKEA-Filiale weichen. Gut, der Frappant-Komplex ist mal wirklich hässlich, aber deswegen gleich abreißen (zumal er gerade sinnvoll mit Ateliers bevölkert ist)? Und überhaupt: eine IKEA-Filiale in der Innenstadt?? Bei der Moorburgtrasse fällt (zumindest mir) die Entscheidung noch leichter. Das im Bau befindliche Kohlekraftwerk ist sowieso schon ein Unsinn ersten Ranges. Um die Energieeffizienz zu steigern, soll nun eine Fernwärmeleitung gelegt werden, unter der Elbe hindurch, wird sie ab Simon-von-Utrecht- / Holstenstraße überirdisch verlaufen und zwar durch die wenigen Parks, die es in dieser Gegend gibt. Widerstand ruft auch das Bernhard-Nocht-Quartier hervor. Direkt gegenüber der Hafenstraße könnten bald ziemlich konträre Mieter einziehen: Dort hat der Investor Köhler & von Bargen eine Reihe von Grundstücken und Häusern aufgekauft und will diese sanieren. Nachdem schon auf dem Gelände der alten Astrabrauerei ein Viertel im Viertel entstanden ist, also eines, das wenig mit St. Pauli zu tun hat, befürchten nicht nur die Anwohner einen weitere verfehlte Aufhübschung des Viertels. Dass die Bahn angekündigt hat, den Clubs Astrastube, Waagenbau und Fundbureau die Verträge zu kündigen, weil die darüber verlaufende Brücke erneuert werden muss, ist dann noch ein weiteres Tüpfelchen – damit schließen drei sehr unterschiedliche und auf ihre Art sehr gute Clubs im eh langsam clubarmen Hamburg. Ach ja. Dann ist da ja noch der kärgliche Rest des Gängeviertels. Der wird zurzeit von einer Künstlerinitiative besetzt gehalten. Große Namen wie Daniel Richter, Friedrich Schirmer oder Matthias von Hartz und auch hanseatische Saurier wie die Patriotische Gesellschaft unterstützen sie dabei, das xte Einkaufszentrum mit integrierten Eigentumswohnungen zu verhindern.

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Diese Bänker kennen die Speicherstadt noch aus ihrer Jugend

Nun kann man die einzelnen Vorhaben bewerten, wie man will. Die Gedanken sind schließlich frei und Ikea-Möbel billig. Dass sich aber gegen sämtliche Vorhaben breitgefächerte Aktionsbündnisse formieren, ist in jedem Fall begrüßenswert. Seit der durchgeknallte Richter Ronald Barnabas Schill im Jahr 2001 Regierungsverantwortung übernahm, hat es so eine Einigkeit selten gegeben. Für das Aktionsbündnis gegen Altona-Ikea hat Ex-Szene-Chefredakteur Christoph Twickel einen schönen (wenn auch arg polemischen) offenen Brief an Ikea-Chef Ingvar Kamprad verfasst. Aus dem Umkreis der Goldenen Zitronen (die auch auf einem Aktionstag gegen das Bernhard-Nocht-Quartier auftraten) stammt ein Papier, das sich generell der Idee widersetzt, eine Stadt nach Marketinggesichtspunkten zu planen: „Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen.“ Stimmt. In diesem Brief wird übrigens auch auf den Städtebau-Theoretiker Richard Florida hingewiesen. Der hatte in seinem Buch „The Rise Of The Creative Class“ behauptet, dass nur Städte wachsen würden, in denen sich die kreative Klasse wohlfühlt: „Cities without gays and rock bands are losing the economic development race“. Das Lustige daran: In Hamburg wird das wieder so gründlich missverstanden, dass man meint, man könne Gays’n’Rockbands durch Reeperbahnfestival und CSD bei Laune halten. Dass es dafür gewachsenen Strukturen bedarf – warum, wenn man doch eine Stadtentwicklungsbehörde hat, die immer mehr zur Eventagentur mutiert? Aber weiter im Text: Gegen das Bernhard-Nocht-Quartier gehen Anwohner ebenso auf die Barrikaden wie gegen Vattenfalls Moorburgtrassenpläne. Klar: Den Argumentationsketten der Gegnerinitiativen haftet eine teils seltsame Bestandswahrungsmentalität an: Wer beschwert sich da? Häufig genug die Leute, die in der Gentrifizierungskette ganz am Anfang stehen. Und ausgerechnet die, die mit dem ganzen Scheiß angefangen haben, holen jetzt den roten Blitz und den schwarzen Stern aus dem Knopfloch und steigen auf die Barrikaden? Aber, wer wenn nicht die? Der Rentner aus der Gerhardstraße, der nach Billstedt ausgesiedelt wird, wohl kaum. Bleibt also zu hoffen, dass wenigstens die eine oder andere Initiative erfolgreich sein wird, denn sonst:

… wird EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou im Jahr 2015 Hamburg besuchen und hernach einen Brief an den Ratspräsidenten verfassen: „Eure Hoheit, ich vergesse, dass ich in Europa bin. Ich habe noch nie solche eine leblose Unterhaltungshölle getroffen wie hier in Hamburg. Man könnte meinen, man sei in einem Vergnügungspark mit Arbeitsmöglichkeiten gelandet.“

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6 Kommentare leave one →
  1. 28. Oktober 2009 08:02

    Wenigstens einer, der Bescheid weiß!

  2. MartinS permalink*
    28. Oktober 2009 14:17

    Nachtrag aus aktuellem Anlass: Wer sich aktiv in den Prozess der Wiederaneignung öffentlichen Raums einbringen und gleichzeitig feiern und gute Musik hören möchte, möge hierhin gehen.

    Und: Vielen Dank für den Kommentar, Herr Mark vom Sommer. Wer weiß denn Bescheid: Robert Koch? Oder Androulla Vassiliou? Oder am Ende ich?

  3. MartinS permalink*
    5. November 2009 11:47

    Noch ein Nachtrag: Einen sehr interessanten Artikel zu Gentrifizierung und Literatur ist auf der Website von n+1 zu finden. In „Gentrified Fiction“ erläutert Elizabeth Gumport die Herkunft des Begriffs und beschreibt, wie dieser Prozess über die Jahre literarisch bearbeitet wurde. Darin geht es auch um Jonathan Lethem. Sehr lesenswert das!

  4. 24. November 2009 21:16

    Grüß Dich. Kannst du mir bitte sagen, wie dein Blog Theme heißt? Ich würde das gerne selbst für unsere Seite verwenden. Danke!

    • MartinS permalink*
      9. Dezember 2009 13:10

      Unser alter, brauner Bloganzug oder „Theme“, wie man in wortpress-Kreisen sagt, hieß: Rounded. Entschuldigen Sie die späte Antwort – Ihre Frage war aus unerfindlichen Gründen im Spamfilter gelandet. Frohe Weihnachten!

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