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Toiletten dieser Welt 10: Fundbureau, Hamburg

20. April 2012

Ich bin der Sohn eines Klempners. Seit ich den eindrucksvollen Dokumentarfilm Nico Icon über Christa Päffgen alias Nico gesehen habe, will ich einen Text mit diesem Satz beginnen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. In Nico Icon fällt irgendwann der Satz: „Er ist der Sohn eines Schlachters“. Gemeint ist Alain Delon, mit dem Nico eine Affäre hatte, die den gemeinsamen Sohn Ari hervorbrachte. Delon hat seine Vaterschaft bis heute nicht bestätigt. Ari wuchs bei Delons Eltern auf und die Mama war auf Sohnemann gar nicht gut zu sprechen. Der Sohn eines Schlachters hat schon in früher Kindheit so viel Blut gesehen, dass er im Alter weniger Skrupel hat, über Leichen zu gehen. Diese Interpretation legte die Verachtung in ihrer Stimme nahe.

Wie sich das mit den Klempnersöhnen verhält, weiß ich nur im Unterbewussten. Wahrscheinlich haben wir mindestens ein schweres Toilettentrauma. Womit wir endlich beim Thema wären. Hier geht es schließlich nicht um Familientragödien sondern um Toiletten.

Gestern spielte eine meiner liebsten Bands The Monochrome Set im Fundbureau, einem Veranstaltungsort an der grandiosen Kreuzung Stresemannstraße/Max-Brauer-Allee. Dort unter den Gleisen der uralten Sternbrücke in den DB-Katakomben ist nicht nur die Astra-Stube, deren Toilette wir schon kennengelernt haben, beheimatet, sondern auch das Fundbureau. In seinen zwei benachbarten, länglichen Tonnengewölben ist es recht hübsch, leider donnern die Fernbahnen direkt drüber hinweg. Das irritiert alle zehn Minuten den Musikgenuss. Monochrome Set waren trotzdem grandios, besser noch als im letzten Jahr und nach ihrer wirklich fantastischen, weil um Harmoniegesangspart und einiges mehr erweiterte, Darbietung von „Eine Kleine Symphonie des Grauens“ ging ich auf Toilette.

Ich blickte nach oben, um zu sehen, ob die Decken auch im Abort gewölbt konstruiert wurden und ich sah dies:

Allgemein unterschätzt: das Klempnerhandwerk

Als ich diese abenteuerliche, aber immerhin einigermaßen gerade Wasserrohrkonstruktion erblickte, musste ich unweigerlich an meine Jugend denken. Als Sohn eines selbstständigen Sanitärtechnikers konnte ich mir gelegentlich ein paar Mark in Vaters Firma dazu verdienen. Und das waren nicht nur ein paar Mark, sondern das war eine Schule des Lebens. Statt Fußballplatz gab es am Sonntagvormittag schon mal einen Einsatz im Zahnarzteigenheim, dessen Zugang zur Kanalisation versagt hatte. In Gummistiefeln standen wir im vollgelaufenen Keller und stocherten in der wirklich nicht sehr appetiterregenden Suppe herum auf, irgendwelche Hähne oder Rohre suchend. Solche Sanitärkatastrophen waren eher die Ausnahme. Normalerweise ging es mit den Gesellen auf Tour, was Herausforderungen ganz anderer Art mit sich brachte: Als Chefsohn war zunächst das Gesellenvertrauen zu erarbeiten. Meines Vaters Devise lautete: „Erst zum Kunden, dann Frühstück“, was nicht der Mitarbeitertradition des Betriebs entsprach: Morgens wurden die Aufträge für den Tag verteilt, dann wurden die Wagen mit dem notwendigen Material beladen (was gelegentlich auch etwas lax gehandhabt wurde. Ich kommt später darauf zurück.) und damit waren die ersten Anstrengungen erledigt. Auf zu Tchibo an der Denhaide. Oder wenn ich R. zugeordnet war: zu irgendeinem Imbiss im Stadtgebiet, wo der Daddelautomat gerade „heiß“ war. Der Kunde musste sich noch für die Dauer eines Kaffees mit Mettbrötchen oder eines Fünfers im Automaten gedulden. Ich habe das nie verraten (schätze, mein Vater wusste es eh, Kunden haben ja schließlich den Hang, sich zu beschweren). Irgendwann war klar, dass ich niemanden verplappere und irgendwann habe ich mich mit dem einen oder anderen ganz gut verstanden – auch wenn Chefsohn grundsätzlich eine ziemlich blöde Position in diesem Gefüge ist, denn ich wurde natürlich trotzdem mit Eierhandschuhen angefasst, was nun wirklich keiner will. Nun denn, einer mit dem ich mich gut verstanden habe, war M. mit den sehr schlechten Zähnen, der eines morgens als wir in dem Keller eines Mietshauses eine Wasserleitung erneuern sollten, zu wenig Material einpackte. Wir fuhren also in dieses Eppendorfer Backsteinhaus. Er vermaß die Rohrinstallation, wir gingen zum Wagen und stellten fest, dass die benötigten Kupferrohr-Winkel fehlten. Nun hatte M keine Lust, zum Großhandel zu fahren und schweißte im Keller aus den vorhandenen Winkeln eine abenteuerliche Konstruktion zusammen, die zwar ihren Zweck erfüllte, aber eine ganze Menge absurder Ecken und Kurven nahm. Es lohnt sich also, gelegentlich mal einen Blick auf die Rohre zu werfen!

Ich bin abgeschwiffen. Pardon. Viel mehr gab die Fundbureau-Toilette jedoch nicht her. Wasserlose Pissoirs und einen Dyson-Handtrockner, zweierlei Todsünden der jüngeren Toilettenausstattungsmode. Aber es ist nun mal so wie mein Freund J an jenem Abend in anderem Zusammenhang sagte: Die Dinge ändern sich.

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