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New York, New York

4. April 2012

Die berühmte Skyline des Big Apple

Ich besuchte 2011 zum bislang ersten und einzigen Mal die amerikanische Großstadt New York. Auf der Liste fehlen also bloß noch Hawaii und zerrissene Jeans in San Francisco, und ich muss mich niemals im Leben wie der Loser aus dem Udo Jürgens-Song fühlen. Jenseits von Schlagerfreiheitsgefühlversprechungen aber war unsere Zeit dort so kurzweilig und interessant, dass ich immer wieder hinfahren würde, wenn es nicht so viele Orte gäbe, die ich noch nie gesehen habe. Hinfahren werde ich aber auf jeden Fall wieder und wie im Falle von London, St. Petersburg, Brüssel, Amsterdam, Lissabon, Rogoznica und einigen anderen Orten, mit denen ich gute Erinnerungen verbinde, bin ich gelegentlich etwas neidisch, wenn mir jemand erzählt, dass er gerade dort ist oder war.

In diesem Monat sind mehrere Freunde und Verwandte zu Besuch in New York und auf meinen diversen Endgeräten und Anwendungen trudeln Nachrichten ein. „Besuchen heute die Hamptons“, „Draußen grüßt das geheimnisvolle ´ Motion picture Studio Mechanism`“ oder „… new york ist natürlich super, fantastische toiletten, teilweise mit blick über die ganze stadt, ein paradis für klo-touristen …“ Mal ehrlich, da möchte man doch umgehend auch sein! (Beim nächsten Mal Zigaretten holen gehen also: „… Er dachte über seinen Aufbruch nach, seinen Aufbruch nach … einmal verrückt sein … den Paß, die Eurochecks und etwas Geld … Autostop und einfach weg…“)

Der Boardwalk von Coney Island. Ein Lieblingsort von Patti und Robert.

Wirklich ein Zufall: meine gegenwärtigen Lektüren. Nach dem abgebrochenen Versuch das Nazibuch (haha) von Christian Kracht zu lesen (den Wirbel nicht wert, finde ich), kam mein Leseapparat ins Stocken, wie das manchmal passiert. Panisch begann ich, fünf Bücher gleichzeitig zu lesen und keins interessierte mich. Bis Patti Smith’s Just Kids kam. Vor dem Krachtversuch hatte ich Ed Sanders‘ Fug You gelesen. Beide Bücher spielen in New York, allerdings in einem New York, das man heute kaum mehr erleben wird. Ed Sanders schreibt über seine Zeit in den 1960er Jahren, Patti Smith kommt kurz vor dem Sommer der Liebe 1967 in Brooklyn an und zwar ziemlich genau dort, wo unser Bed & Breakfast (Nähe DeKalb Avenue) lag. Patti musste allerdings in einem Hauseingang schlafen, wir für 180 Dollar pro Nacht in einem dekorierten Doppelzimmer.

Beide Bücher sind aus sehr unterschiedlichen Gründen hervorragend. Ed Sanders, am Bekanntesten wohl durch The Family, seine tolle Arbeit über die Manson-Morde und ihre Hintergründe, ist ein Dichter, der Rockmusiker wurde (und malte und Sprachgelehrter war). Er wird als Bindeglied zwischen der Beatnik- und der Hippiebewegung bezeichnet. Seine Band waren The Fugs, sein Literaturmagazin hieß Fug You. A Magazine of the Arts. Neben der Schilderung von Poetenhunger, Familienorganisation und Rockstarleben wird sein Buch vor allem dann interessant, wenn er das Subkulturterrain verlässt und über Zeitgeschichte und Politik schreibt. Und natürlich dann, wenn es um die staatlichen Repressions- und Zensurversuche gegenüber seinem nicht gerade bürgerlichem Oeuvre geht. Da eröffnen sich dann Felder, auf denen weitergeforscht werden könnte. Welchen Einfluss hatte der Tod Marilyn Monroes auf die Radikalisierung der Bürgerrechtsbewegung? Gab es überhaupt einen?

Tja, sowas gibt es in Niedersachsen nirgenwo

Wie Sanders kam Patti Smith über den Umweg Poesie und Malerei zum Rock. In Just Kids, dem Buch, in dem sie ihre Beziehung zum Fotokünstler Robert Mapplethorpe beschreibt, spielt Politik (zumindest bis Seite 104) keine große Rolle. Da sind zwei junge Menschen, die sich sehr intensiv lieben, wenig bis gar kein Geld haben und ganz und gar für die Kunst da sind. Für sie ist die Stadt vor allem eine Verheißung: der große Avantgarde-Moloch, die richtige Umgebung, sich und die eigene Kunst zu entwickeln. Für die Hochphase des Warhol’schen Bohème-Zirkus‘ kamen die beiden ein wenig zu spät. Warhol war gerade Opfer einer Tragödie geworden. Das Attentat von Valerie Solanas hatte der silberhaarige Superstar denkbar knapp überlebt und zog sich verständlicherweise aus der Öffentlichkeit zurück. Der legendäre ovale Tisch im hinteren Raum von Max’s Kansas City, musste also ohne Warhol auskommen. Sein Geist war freilich nicht so schnell verschwunden. Und auf dessen Spuren saßen Smith und Mapplethorpe dort, teilten sich eine Cola und schafften sich nach und nach hinein in diesen erlauchten Kreis. Bowery, Chelsea Hotel, Factory – all die magischen Orte des New Yorker Kunst-Untergrunds sind die Schauplätze dieser sehr angenehm unprätentiös geschriebenen Liebesgeschichte und Doppelkünstlerbiographie. Das allgemeingültige Schlusswort gehört deswegen auch Patti: „Laughter. An essential ingredient for survival. And we laughed a lot.”   

P.S.: Als Zugabe ein schönes NY-Lied, von einem leider verstorbenem Engländer.

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