Skip to content

Toiletten dieser Welt 1: „Hummel & Quiddje“, Hamburg

4. November 2011

Wenig steht geschrieben über die öffentlichen Toiletten dieser Welt. Es mag Fachzeitschriften zum Thema geben und gelegentlich liefern öffentliche Toiletten Stoff für Zeitungsmeldungen, zumeist in unangenehmen Zusammenhängen. Lob aber erfährt dieser von Zeit zu Zeit äußerst wichtige Ort nur selten. Das ändert sich heute mit dem ersten Teil einer losen Serie kleiner Loblieder auf die schönen öffentlichen Toiletten dieser Welt:

Toilette im „Hummel & Quiddje“, Bernstorffstraße 66, Hamburg

Das „Hummel & Quiddje“ war mal eine von diesen Kneipen, in die man früher an jeder Ecke reinstolpern konnte. Soziale Orte, wo sich die verqualmten Herrengedeck-Trinker trafen und Ponys ausgeschenkt wurden. Holzgetäfelte Gemütlichkeit mit Erstickungsgefahr. Die meisten dieser Orte haben zugemacht oder schließen bald. Wenn die Kundschaft wegstirbt, verkauft man keine Herrengedecke mehr. Das „Hummel & Quiddje“ war ein prototypisches Exemplar der klassischen Kneipe. Herrengedecke werden dort trotzdem nicht mehr verkauft. Der Laden, dessen Name frei übersetzt übrigens „Hamburger & Nicht-Hamburger“ bedeutet, ein Begegnungsstättenort also, wird jetzt von jüngeren Leuten für jüngere Leute betrieben, wurde aber sehr behutsam renoviert. Das ist zu loben. Da es hier nicht um Kneipen geht, ist noch ausdrücklicher zu loben, dass die Toilette während der Renovierung überhaupt gar nicht angetastet zu worden scheint.

Der Nachteil einer Renovierung ist ja (neben der Arbeit, die sie mit sich bringt): das Verschwinden des gewohnten Geruchs. Der nun ist das Auffälligste und Tollste an einem Besuch der Toilette des „Hummel & Quiddje“. Man durchquert den Raum, öffnet eine Tür, verlässt den aufgeräumten Geruch des renovierten Kneipenbereichs und gelangt in eine Art Treppenhaus. Der Geruch erinnert jetzt an einen feuchten Keller, mit einem Kartoffelsack in der Ecke und einem Wäscheständer in der Mitte. Hinzu mischt sich eine Note Reinigungsmittel. Nicht die aromatisierte Variante, wie man sie heutzutage im Drogeriemarkt bekommt, sondern eher Old-School-Produkte mit ehrlichen Namen wie „Grüne Seife“ oder „Essigreiniger“. Abgerundet wird der Gesamteindruck von ein bisschen Schimmelmief. Alles in allem riecht diese Kombination besser als die Summe der einzelnen Teile.

Es ist sehr angenehm, wenn man diese Tür öffnet. Man wird augenblicklich ruhig und fühlt sich einem guten Ort ausgeliefert. Ein ähnliches Gefühl wie im Zahnarztstuhl, wenn man absolutes Vertrauen in die Künste des Zahnarztes hat. Nun geht es eine enge Holztreppe hinab und unten sind die in ihrer funktionalen Schlichtheit nicht zu überbietenden Toilettenräume. Diese haben zwar die leise Anmutung eines Behörden-WCs; es gibt aber einen gewissen, schwer zu benennenden Unterschied. Nachdem ich neulich auf einer Lesung gehört habe, dass Frauen Gefühl sind und Männer eher nicht, trete ich hier jetzt einen Gegenbeweis an: Ich habe das Gefühl, dass es eigentlich nur etwas Mystisches wie die Zugehörigkeit der Toilette zu einer Kneipe ist, die diesen Ort von einer Behördentoilette unterscheidet. Waschbecken, Pissoirs, Zwischenwände und Seifenspender könnten genauso gut im 1956 zuletzt renovierten, immer frisch gebohnerten Finanzamt-Hamburg-Oberalster stehen.  Aber vielleicht ist auch diese Kombination so magisch: Behörde und Kneipe, beides aussterbende Orte. Behörden heißen jetzt Servicecenter und Kneipen „Herr Max“ oder „Frau Bein“. Tja, auch nicht schlimm. Orte wie die Toilette im Hummel & Quiddje erinnern uns aber daran, dass früher nicht alles schlechter war. Der Toilettengeruch zum Beispiel. Für diese Konservierungsleistung ist das Hummel & Quiddje zu preisen und darf sich über eine offizielle Auszeichnung freuen: „Beste wortpong-Toilette 2011“.

Advertisements
2 Kommentare leave one →
  1. Marlon permalink
    10. November 2011 18:04

    Gefaellt mir, dass hier staendig geschrieben wird.

    • MartinS permalink*
      11. November 2011 13:30

      Hallo Marlon, damit bringst Du die Lage hier wirklich erstklassig auf den Punkt. Weiter so und viel Spaß in diesem tollen Leben!
      Apropos: Der wortpong-Blog wurde heute gefunden, weil jemand „Philosophische Texte Prefab Sprout“ gesucht hat. Wer auch immer das war: Guter Suchbegriff.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: