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Charlotte Roche lügt

30. August 2011

"Lauter feministische Botschaften in diesem Buch" (Hellmuth Karasek)

Zumeist fühle ich mich zu Abhandlungen zu den großen Fragen berufen (Kapitalismus, Gott, Menschen und Tiere), heute ist der Boulevard dran. Wir erinnern uns: Der Begriff „Boulevard“ bezeichnet im Französischen eine Straße, genauer, eine ringförmig angelegte. Die Ringform der Straße rührt daher, dass die Boulevards auf abgetragenen Befestigungsanlagen errichtet wurden. Daher der Name, der aus dem mittelniederländischen stammt. Dort heißen Boulevards „bulwerke“, deutsch „Bollwerke“. Wo vor kurzem noch die Ritter heißes Pech auf des Feindes Kopf hinabschütteten, konnte man nun am Sonntag hervorragend flanieren und kegeln spielen. Nach dem Krieg war das Pech knapp, aus dem man die Kegel fertigte, also erfand ein Franzose das Boule-Spiel, was sich wiederum aus dem französischen Wort „boule“ (Kugel oder Ball, beides ringförmig, oha!) ableitet, in Ostfriesland ist das als Boßeln bekannt. Und wer nicht flanieren oder boßeln wollte, konnte am Wegrand eine Zeitung voll mit Klatsch, Tratsch und journalistischen Gemeinheiten erstehen. Diese Spielart des Journalismus trägt bis heute den Namen des Verkaufsortes: Boulevardjournalismus. Aber ich schweife ab. „Charlotte Roche lügt“ ist ja mein Thema. Deren Kampf gegen den Boulevardjournalismus ist nun schon ausreichend gewürdigt worden. Ein Aspekt aber fehlt: Charlotte Roche lügt.

Gleich ist sie schon wieder im Fernsehen. Sie redet über Sexualmoral. Am Freitag im NDR war es nicht ganz so monothematisch. Da galt es, charmant zu plaudern, gerne anzüglich, und einen möglichst großen Bogen um den schnellen Abschied von ihrer eigenen NDR-Talkshow-Karriere zu machen. Und natürlich das neue Buch „Schoßgebete“ zu promoten, das bei einer Startauflage von 500.000 Stück auch einiges an Promotion erforderte. (Nebenbei: Es hat geklappt. Der Verlag druckt bereits die Zweitauflage. Und noch was nebenbei: Eine Karriere als Schriftstellerin mit den Titeln „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ zu beginnen, ist grandios und sollte nach weiteren 37 Bestsellern mit „Schrotgetöse“ enden).

"Zwei Drittel der Jugendlichen sehnen sich nach Treue" (Tobias-Benjamin Ottmar)

Nun denn, das Gespräch in der Talkshow kreiste also wieder um Blasen, Schleimhäute und Geschlechterkampf, bis, vielleicht um diejenigen potentiellen Leser zu erreichen, die die Charlotte einfach ganz sympathisch finden, die Charlotte einfach ganz sympathisch darauf hinwies, dass es in ihrem Buch durchaus nicht nur um Blasen, Schleimhäute und Geschlechterkampf ginge, es (das Buch) vielmehr ganz konkrete Lebenshilfe enthielte. Konkret (oh, mich merke gerade beim Niederschreiben: es geht doch um Schleimhäute!): Hängt man beim Zwiebelschneiden die Zunge aus dem Mund, muss man nicht weinen, weil sich die Zwiebelätzmoleküle auf der nächst möglichen Schleimhaut absetzen. Ich hab’s probiert. Es stimmt nicht. Eine Gemüsezwiebel, eine Schalotte und zwei Knoblauchzehen mit heraushängender Zunge. Ich habe geweint. Charlotte Roche lügt.

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