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Zufallspredigt Nr. 9: Vom Gold

23. August 2011

„Ihr Narren und Blinden! Was ist größer: das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt?“
(Matthäus 23.17)

„Who is more fool? Who is more fool? The fool? Or the fool who follows the fool?”
(Dream Warriors, „Follow Me Not“, 1991)

Winter Garden Lynch Jones Cadwalader ...

Die Lage ist nicht unernst. Amerika ist nur noch AA+, die gefühlte Hälfte der Euroländer ächzt, finanziell betrachtet, noch stärker und in England brennen die Straßen. Zeit für die finale, allumfassende Kapitalismusanalyse! Zeit für die Lösung des Problems „System“! Dass bei einem solchen Vorhaben auch Prinzipien purzeln, möge verziehen werden. Die Bibel wird also heute (einmal mehr) nicht ganz zufällig aufgeschlagen.

Bibelsuchbegriff „Börse“, 0 Treffer. Klar. Was stand am 10. August im Aktuellen Lexikon der Süddeutschen. Das erste Börsengebäude wurde im Jahr 1531 in Antwerpen errichtet. Zuvor gab es den Gasthof einer Brügger Familie, die den Beinamen „van der Borse“ trug. In diesem Gasthof trafen sich Händler auf dem Weg zu einer Messe, um Geschäftsgespräche zu führen. Zu „Borse“ zu gehen, war in für den Geschäftsmann also äußerst gewinnfördernd. „Der Begriff bürgerte sich ein“, schreibt die SZ (sehr schön übrigens, das Wort „einbürgern“). Jesus lebte ca. 1500 Jahre früher als die Van der Borses, und kam so nicht in das Vergnügen bei Pommes mit Steak und Kirschbier eine Palette Fußmatten mit „Ich bin der Sohn Gottes und kann auf dem Wasser gehen, aber bevor ich auf den rostroten Teppich trete, der den Boden dieses trauten Heims belegt, ziehe auch ich meine Sandalen aus“-Aufdruck gewinnbringend nach Kalifornien (Schleswig-Holstein) zu verticken. Wofür man ihn früher oder später auch gekreuzigt hätte, beziehungsweise wie in Kalifornien (Schleswig-Holstein) damals üblich „gekielholt“. Ok, wenn uns die Börse im Bibelzusammenhang nicht weiterhilft, um den Kapitalismus im Bibelzusammenhang auseinanderzunehmen? Ja, was dann?

Zweiter Bibelsuchbegriff „Gold“, viele Treffer. In den meisten Fundstellen wird irgendetwas vergoldet oder irgendjemand mit Gold überschüttet. Gold belohnt und veredelt. Gold steht also für etwas Gutes. Und das ist es ja auch irgendwie. Vor ein paar Monaten (oder sind es schon Jahre?) verwies ich bereits auf einen Artikel in The Idler, dem von mir sehr geschätzten Müßiggängermagazin von Tom Hodkinson. In „Gold: Follow The Yellow Brick Road“ erzählt Autor Dominic Frisby vom Gold. Von seiner Bedeutung als Wert-Träger. Gold war schon immer selten. Sein praktischer Nutzen ist begrenzt, deswegen bot sich dieser Rohstoff als Zahlungsmittel an. Gold erlangte in dem Gesellschaftsstadium Bedeutung, in dem Tausch nicht mehr unmittelbar stattfinden musste, nicht mehr Ware gegen Ware, Brot gegen Haarschnitt. Es wurde notwendig, erlangtes Vermögen über längere Zeiträume zu konservieren, damit der Bäcker nicht jeden Tag zum Friseur musste, bzw. der Friseur nicht fluchen musste, weil aus einem unerklärlichen historischen Zufall drei Monate hintereinander ausschließlich Zwiebelzüchter einen Haarschnitt benötigten.

... viel besserer Firmenname als Trump!

Gold als Zahlungsmittel. Das ging lange gut, wurde aber in dem Maße komplizierter, in dem die wirtschaftlichen Zusammenhänge komplizierter wurden. Irgendwann war der Mensch nicht mehr bereit, ständig ein paar Kilo Gold durch die Gegend zu schleppen, nur weil er einen Hot-Dog oder ein Haus kaufen wollte. Er ging also zum Goldschmied, hinterlegte dort sein Gold und erhielte dafür Papiere, die besagten, dass er so und so viel Gold beim Goldschmied hinterlegt hatte. Das erleichterte den Hot-Dog-Kauf ungemein. Der erste Sündenfall für Frisby ist die Tatsache, dass diese Frühform der Banken auf den Trichter kam, Gold gegen Zinsen zu verleihen, das nicht ihnen gehörte. Denn jetzt, wo die Leute mit ihren Papieren Hot-Dogs kaufen konnten, kamen sie nicht wieder, um ihr unpraktisches Zahlungsmittel abzuholen. Das Gold lag also nur rum. Warum es nicht für sich arbeiten lassen. Das ist nichts anderes als das Bankwesen in einer Nussschale und in der Tat sind die Gefahren damals wie heute die gleichen. In der Krise rennen die Leute zur Bank, weil sie ihr Vermögen in Sicherheit bringen wollen. Die Bank kann nicht zahlen, weil das Geld anderswo beschäftigt ist. Herdentrieb macht Banken pleite. Dabei sind die Zusammenhänge selbstverständlich wesentlich komplexer geworden: die Instrumente der Vermögenskonservierung und –übertragung sind vielfältig. Sie müssen nicht mehr regional sondern weltweit funktionieren. Sie müssen alle Eventualitäten der Wirtschaftswelt abdecken. Einst gab es den Schmied, die Hebamme, den Bauern, die tauschten. Heute gibt es die Händler, die Verkäufer und Käufer, die über Aktien, Pfandbriefe und Obligationen die Leistungen von Schmied, Hebamme und Bauer tauschen. Klar, dass die Tauschintention dabei eine ganz andere ist. Geldverdienen durch Zukunftswetten nämlich.

Zentraleuropa und die USA hatten früher den Gegenwert des Geldes, das in ihnen zirkulierte, als Goldschatz in irgendwelchen Kellern hinterlegt. Für Frisby war es eine weitere Sünde, das Prinzip des Goldstandards aufzugeben; England und Deutschland finanzierten so den ersten Weltkrieg, die Vereinigten Staaten kappten die Verbindung zwischen Geldmenge und Goldvorrat erst als die Kosten des Vietnamkriegs wucherten. Anders als früher gibt es also vielmehr Geld als Gold heutzutage. 2006, schreibt man bei Wikipedia, hätte die gesamte Goldmenge gerade einmal ausgereicht, um die Schulden Spaniens und Deutschlands auszugleichen.

Die Kaptialistenbrut ist schuld, findet dieser krude Dichter, der seine Thesen in die letzte verbliebene Telefonzelle Altonas klebt. Mit Tesafilm.

In Krisenzeiten, also gerade jetzt in diesem Moment, macht die Goldpreiskurve einen Sprung nach oben. Klar, wenn die Aktien steigen, investiert das Gros der Investoren in Wachstumswerte. Platzt die Blase, kippt die Stimmung, man flüchtet ins Solide. Interessant an Frisbys Artikel ist seine Plädoyer fürs Gold, das den zweiten Teil des Artikels dominiert. Er will wieder einen Gegenwert fürs Geld und da der direkte Tausch in einer globalisierten Welt ineffizient wäre, ist es eben das nutzlose, schöne Gold. Dass sich Gold nicht dazu eignet, das Kapital zu mehren, beweist er anschaulich an einem Vergleich der Anschaffungen, die mit einer bestimmten Menge an Gold über die Jahrtausende getätigt werden konnten, was uns auch zur Bibel zurückführt. Zu Bibelzeiten konnte König Nebukadressar 350 Brotlaibe für eine Unze Gold kaufen. Heute, errechnet Frisby, bekommt in etwa die gleiche Menge. Ein römischer Senator konnte eine Toga und ein Paar Sandalen für eine Unze kaufen, heute bekommt man einen maßgeschneiderten Anzug dafür.

Gold ist also toll. Es glänzt, ist solide, nur für kurze Höhenflüge zu haben, und – sollten sich Rohstoffe wundern können – wundert sich wahrscheinlich, wie ihm geschieht.

Wie fragte Matthäus in unserer Eingangsfrage: „Ihr Narren und Blinden! Was ist größer: das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt?“ Ohne Hintergründe zu dieser Bibelstelle nachgelesen zu haben, lehnen wir uns jetzt mal aus dem Fenster, ziehen unsere Schlüsse aus dem kleinen Goldexkurs oben, der dem Golde zumindest von einer Schuld an Wirtschaftskrisen und Tottenham-Riots entlastet, und wir antworten dem Apostel: „Natürlich nicht der Tempel, der das Gold heiligt. Das Gold ist größer.“ Wer irgendetwas heiligt, ist zumeist ein Trottel, der genauso doof ist, wie der Trottel, der den anderen Trottel heiligt. Außer es handelt sich dabei um den Franzosen Pilooski, bürgerlich Cédric Marszewski, der einen grandiosen Remix von Holger Hillers „Das Feuer“ gemacht hat und einen ebenso guten von Elvis‘ „Crawfish“ , der mit Discodeine Jarvis Cocker zu nicht mehr vermuteten Höchstleistungen getrieben hat und der mit AAA, dem Ex-Rating der USA also, nun endlich offiziell von uns heiliggesprochen wird. Gute Nacht und viel Spaß beim Tanzen.

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  1. goldi hahn permalink
    30. August 2011 07:05

    meine lieblingsgeschichte ist ja von diesem könig dings aus mali. mansa musa ist irgendwann im 14 jahrhundert nach mekka gepilgert mit einer entourage von mehreren tausend leuten. und er hatte so viel gold dabei und hat so damit um sich geschmissen, dass er in kairo den goldpreis total ruiniert hat und das hat 12 jahre gedauert, bis sich das wieder halbwegs normalisiert hat.

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