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Zufallspredigt Nr. 8: Der Garten Eden

14. Juni 2011

Sergeant Howie: “And what of the TRUE God? Whose glory, churchesand monasteries have been built on these islands for generations past? Now sir, what of him?“
Lord Summerisle: “He’s dead. Can’t complain, had his chance and in modern parlance, blew it?“

Gibt es den idealen Ort? Die perfekte Umgebung? Den Platz, an dem man sich für immer aufhalten möchte, den Garten Eden für den Geist, wo der Nektar fließt, die Biene summt, der Laden brummt, die Freiheit herrscht und Zigaretten keinen Krebs verursachen?

Meine derzeitige Lektüre ist „Electric Eden“ vom Wire-Redakteur Rob Young. Young beschreibt darin die Evolution der englischen Folk-Musik. Seit Folk nicht mehr nur mündliche Überlieferung von Melodien und Geschichten war, kurz vor dem Beginn des vorletzten Jahrhunderts, also lange nach Jesus, begannen verschiedene Menschen aus verschiedenen Gründen diese Musik zu archivieren – und traten damit eine erste Welle hervor. Ende der 1960er (und zwischendurch) gab es immer wieder solche Momente, in denen Musik, deren Ursprung gar nicht mehr zurückzuverfolgen ist, plötzlich en vogue war. Das Buch beginnt in den späten 1960ern, als Vashti Bunyan der Karriere als Sängerin den Rücken kehrt und sich im Pferdewagen auf die Suche nach dem „idealen Ort“ macht. Natürlich scheitert sie. Auch damals war es schwierig, das auf Autos ausgelegte Straßenverkehrsnetz mit einem Pferdewagen zu passieren. Angekommen auf einer abgeschiedenen Insel in Schottland, die zumindest äußerlich ihrem Ideal gleicht, muss sie dann feststellen, dass ihre fünf Nachbarn gerne bei elektrischem Licht fernsehen würden (die sechste allerdings freundet sich mit ihr an und ein Song von dieser Nachbarin findet sich auch auf Bunyans erster LP „Diamond Day“, die wie die Nick Drake-Platten im Umfeld des großartigen Joe Boyd entstanden ist, völlig unterging, glücklicherweise wiederveröffentlicht wurde und sehr schön ist).

Begünstigt waren die jeweiligen Folkrevivals in England durch die Umstände: In Krisen, Kriegsfällen oder Rezessionen ist die Rückbesinnung auf alten Zeiten ein gutes Betäubungsmittel (gilt weltweit). Wobei angemerkt werden muss, dass dieses Betäubungsmittel, die nicht zu befriedigende Sehnsucht nach vermeintlich besseren Zeiten, die es nie gab, auch oft eine politische Forderung ist sich trägt. Das vielgeschmähte „Früher war alles besser“ will oft einfach nur Entschleunigung. Bewegungen wie Slow Food, Zeitschriften wie das Müßíggangsmagazin „The Idler“ oder einfach C., der vor ein paar Wochen sein Mobiltelefon wegschmiss, das sind auch heute wichtige Gegenpole zur Hektik der Moderne, die allerdings auch ihre unangenehmen Gesichter zeigen können: Volksmusik ist auch bei den internationalen Nazis beliebt (allerdings mit „V“ und schlechten Texten).  Der doofe Nationalstaat war halt früher wichtiger und dass er immer unwichtiger wird, ist gut und wird offiziell von mir unterstützt.

Nationalistische Scharmützel waren dementsprechend auch frühe gute Katalysatoren für Folk-Revivals. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die politischen Spannungen in Europa zunahmen, wurde England aufgrund seiner zu der Zeit wenig Innovativen Musikszene von den Kontinentaleuropäern als „Nation ohne Musik“ geschmäht. Definitiv eine böse Beleidigung. Und so zogen sich die Engländer erstmal auf die Erforschung ihrer musikalischen Wurzeln zurück.

Aber nun zurück zur Bibel: „(Gott) setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen.“ Das ist der Garten Eden aus dem ersten Buch Mose. Etwas karg ausgemalt, aber irgendwie auch gut. „Allerlei“ lässt im Gott-Kontext auf eine wirklich sehr große Vielfalt schließen. „Bäume“ ist nicht wörtlich gemeint. Als aus der Erde ragendes Symbol der Fruchtbarkeit steht das Wort vielmehr für ALLES was Gott der HERR geschaffen hat. Die Bäume waren „gut zu essen“, womit hier wohl eher die Früchte gemeint sind, denn der Baumkuchen wurde erst lange nach der Schöpfung gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Ernst-August Gardes in Salzwedel erfunden (liegt eine Autostunde von Bienenbüttel entfernt). Außerdem gehört zum Garten Eden natürlich, dass es dort keine Sünde gab.

Ganz anders auf der Insel Summerisle. Dorthin wird im Film „The Wicker Man“ Sergeant Howie gerufen. Ein Mädchen soll verschwunden sein. Howie steigt in sein Wasserflugzeug, fliegt über wunderschöne Küstenlandschaften, landet vor einem idyllischen Inselhafen und kommt in eine Gemeinschaft, die dem gläubigen Katholiken wie ein Höllenschlund vorkommen muss. Lord Summerisle (Christopher Lee in seiner Lieblingsrolle) führt dort ein loses, naturreligiöses Regiment, indem die Fleischeslust eine zentrale Rolle einnimmt. Jedes Detail, der Schulunterricht, die Brauchtümer, die Lieder, die im Pub gesungen werden, selbst die Schaufensterdekorationen, sind eine Provokation für den gottesgläubigen Howie, der nichtsdestotrotz fasziniert scheint von dieser Welt und in einer der besten Nichtsexszenen der Weltgeschichte beinahe den Reizen der Femme-Fatale des dortigen Dorfkrugs Willow (Britt Ekland) erliegt. Mehr soll über den Plot an dieser Stelle nicht verraten werden.

Gekommen bin ich auf dieses popkulturelle Artefakt durch den Soundtrack, der einigermaßen berühmt ist. Der New Yorker Drehbuchautor und Komponist Paul Giovanni hat „The Wicker Man“ mit Traditionals und eigenen Kompositionen sehr schön wohlig und gleichzeitig unheildräuend untermalt. „The Wicker Man“ sei eigentlich ein Musical, sagte der Regisseur in einem Interview. In dem musikalischem Clash von Paganismus und Christentum gibt es keinen Gewinner: Sgt. Howie ist ein verklemmter Christ; die Inselbewohner funktionieren zwar vorbildlich miteinander, haben aber nichts gegen Menschenopfer, was sie auch nicht sympathischer macht.

Mich interessieren in meiner heutigen Predigt aber gar nicht so sehr die Menschen wie der ideale Ort. Beziehungsweise die ideale Umgebung, denn immer geht es ja nur um das, was einen umgibt. Summerisle, Hamburg, Südamerika, Harrisburg. Der geographische Ort ist eher egal. Liebe im stinkenden Sumpf ist besser als Hass über den Wolken. Dieser Ort, der Garten Eden der Bibel, ist eine unerlässliche Zutat jedweder Religionssuppe. Selbst in den Religionen, in denen das Jenseitige eine Nebenrolle einnimmt, gibt es kein Ende, stattdessen ewige Wiedergeburt. Und das ist auch kein Wunder. Meine These: Die Aussicht auf den Tod ist die Basis für so ziemlich alles. Der Mensch ist mit einer Art Bewusstsein auf der Welt, die gepaart mit seinen intellektuellen Skills dafür gesorgt hat, dass er jetzt die Hühnchen isst und nicht umgekehrt. Diese Privileg (Ich fresse alles und nicht frisst mich, außer gelegentlich) wird aber karmatechnisch wieder ausgeglichen. Ab einem bestimmten Alter wissen wir, dass wir sterben werden und dass wir nur Miniaturfussel auf der unendlich staubigen Fussellandschaft der Menschheit hinterlassen werden.

Deswegen sind wir ausgesprochen findig darin, tröstende Ideen zu entwickeln. Was ist der Glaube anderes als eine Interpretation des menschlichen Lebens auf der Welt, die dieser voraussichtlich kurzen historischen Epoche einen Sinn verleiht. Das Laptop, auf dem ich diesen Text tippe, wird bald nicht mehr nutzbar sein. Es werden schlichtweg keine Programme mehr programmiert oder optimiert werden, die auf sein Betriebssystem ausgerichtet sind; das neue Betriebssystem braucht dann wieder irgendeine Schweißnaht, die dieser Rechner nicht hat. Lebensdauer 2,5 Jahre. Ein mikroskopischer Mikrobenschiss angesichts der Menschheitsgeschichte. Und die Menschheitsgeschichte ist ein Minimikrobenschiss im Universum. Und das Universum ist ein Minminimimimikrobenschiss angesichts der Unendlichkeit.

Was tut der Mensch? Er wählt die naheliegendste Strategie gegen das Verschwinden. Er schafft Mythen, an die er Glauben kann. Er erfindet alles Mögliche, Räder, Guillotinen, Heroin und Aspirin, er verlängert sein Leben durch Jogging, Herzschrittmacher und Rauchverbot. Er malt tolle Sachen (wie Mittchel Wiebe), singt schöne Lieder (wie Susan Christie), dreht große Filme wie The Wicker Man oder schreibt schlaue Bücher wie „Electric Eden“ – um ein bisschen unsterblich zu werden.  Und: er hat einen Glauben geschaffen, an den ich gerne glaube. Nämlich den, dass es nie zuende ist. Dass es einen idealen Ort gibt, den wir alle erreichen, wenn wir diese Welt verlassen.

Und dieser Ort sollte dann bittschön wie eine Mischung aus Summerisle, dem Garten Eden und vielleicht dem Studio54 ausschauen. Amen.

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  1. MartinS permalink*
    17. Juni 2011 13:25

    Lemmy Kilmister, Motörhead, hat sich auch seine Gedanken zu Tod und Religion gemacht:

    Kilmister: „Die Leute haben eine Scheißangst vor dem Tod. Es könnte sich der Verdacht ergeben, dass die ganze Plackerei sinnlos ist, oder? Da wir ja eh alle zur Hölle fahren. Die Kirchen ködern diese Leute mit Märchen und machen sie verrückt, Mann! Wenn du schön brav bist, bist du nicht tot, sondern nur in Gottes Armen. So – wer ist nun wahnsinnig? Ich oder die Weihrauchschwenker?“

    (Das ganze Interview aus dem Jahr 2008 gibt es auf sueddeutsche.de).

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