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Echte Irre und wahre Helden

17. Februar 2011

Was treibt eigentlich Menschen dazu, sich in absolut lebensbedrohliche Gefahrensituationen zu begeben? Völlig ohne Not, wohlgemerkt. Wer beispielsweise vor Hunger, Armut, Perspektivlosigkeit oder politischer Verfolgung flieht, der hat selbstverständlich einen triftigen Grund, sich beispielsweise auf seeuntüchtigen Nussschalen durch den wilden Atlantik auf den Weg in Pauschaltourismus-Reservarte zu machen.
„Barrow’s Boys“ waren ein mehr oder weniger wilder Haufen von Gentlemen und/oder Abenteurern, die sich im Auftrag eines gewissen John Barrow zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf den Weg machten, um einige weiße Flecken auf der Landkarte zu erkunden. John Barrow war zweiter Sekretär der britischen Admiralität und plante derartige Entdeckertouren als seien sie ein Picknick im nahe gelegenen Dover.
Die Bewerber standen Schlange. Schließlich gab es kurz nach dem Krieg gegen Napoleon zahlreiche Offiziere, die sich schlichtweg langweilten und die neben ein bisschen Nervenkitzel auch die Aussicht auf Beförderung lockte.
Barrows große Vision war die Entdeckung der Nordwest-Passage, doch auch der Verlauf und die Mündung des Niger sowie die Entdeckung Timbuktus waren seine hochtrabenden Ziele. Irritierenderweise hatte dieser Mann so überhaupt gar kein Gespür für Angemessenheit. Seine Entscheidungen waren eigentlich immer willkürlich und von persönlichen Sympathien und Antipathien geprägt. So schickte er manchmal irgendeinen Unglücksraben ins sichere Verderben, indem er ihm schlichtweg die notwendige Ausrüstung oder finanzielle Unterstützung verweigerte.
Barrow hatte ein sicheres Händchen für Missionen, die auch garantiert scheiterten. Viele seiner Expeditionsteams kamen entweder gar nicht oder stark dezimiert zurück. Und wenn nach einer halbwegs geglückten Reise einer seiner Jungs auf irgendeine Weise in Ungnade fiel, zögerte Barrow nicht, ihm noch ein Messer in den Rücken zu stoßen, indem er teils anonyme Hassschriften in einschlägigen Publikationen veröffentlichte, in denen die Errungenschaften in den Dreck gezogen wurden. Dass er dabei häufig absolut offensichtlich im Unrecht war, kümmerte ihn wenig. Dazu war Sir John nämlich durch und durch britisch, was selbstverständlich auch eine gewisse Ignoranz und das völlige Fehlen von Selbstzweifeln beinhaltete.
So zogen die Jungs los in die Sahara, nachdem sie endlos im Vorfeld diskutiert hatten, ob es ratsamer wäre, in vollem britischen Offiziers-Ornat zu reisen oder eher dezent in einheimischer Kluft. Ziemlich erstaunt stellten sie dann fest, dass die vermeintlichen Wilden in den dunklen Tiefen Afrikas durchaus mit den politischen und kolonialen Aktivitäten des Empire vertraut waren, dass sie sogar westliche Zeitungen lasen und dort, wo die Briten ein weißes Nichts auf der Landkarte verbuchten, in Wahrheit ein überaus kultiviertes Reich voller ausgeklügelter Strukturen und Kulturen existierte. Timbuktu erwies sich im Übrigen als staubiges Loch, wenig verheißungsvoll und somit unbrauchbar. Ebenso wie der Verlauf des Niger dessen Entdeckung keine wirklich brauchbaren Erkenntnisse brachte. Alexander Laing schaffte es als erster Europäer zwar 1825 bis nach Timbuktu, doch auf der Rückreise wurde er ermordet, ob von Straßenräubern oder muslimischen Fanatikern, ist unklar. Der Verlauf des Niger und das Niger-Delta wurden von einem gewissen Richard Lemon Lander entdeckt. Er war ursprünglich der Diener eines früheren Forschungsreisenden, der nun mit kleinem Budget und einheimischen Klamotten reiste und tatsächlich den Verlauf des Niger bis zur westafrikanischen Küste verfolgte. Lander wurde bein einer Auseinandersetzung mit Piraten verletzt und starb an der Küste, wo er auf einer kleinen Insel begraben wurde. Später sollte er in London ein Denkmal erhalten, doch alle Versuche, ein Denkmal oder eine Gedenktafel zu errichten, scheiterten, eines wurde von einem Sturm zerstört, ein anderes kollabierte kurz nach Enthüllung aufgrund von schlampigen Maurerarbeiten.
Auch John Franklin hat ein Denkmal. Kein Wunder, ist er doch ein richtiger und echter Nationalheld. Seine letzte Expedition endete absolut desaströs. Von den 129 Mann, mit denen er unterwegs war, kehrte kein Einziger zurück. 1845 fuhr er mit zwei Schiffen in die Arktis und bis 1850 berichteten Eskimos von vereinzelten Schüssen, die die Umherirrenden Überlebenden auf der Jagd abfeuerten. Warum alle Mann so elendig verreckten, ist bis heute ein Rätsel. Es könnte eine Bleivergiftung gewesen sein, denn die Expedition hatte neuartige Konservendosen dabei, die mit Blei verlötet waren. Jedenfalls starb Franklin schon 1847 und die restlichen Männer irrten versprengt und hungernd und scheinbar auch verrückt geworden durch die Einöde der Arktis. Man fand später versprengte Überreste, beispielsweise zwei Leichen und ein Boot voller merkwürdiger Dinge, wie tonnenweise Schokolade, Haarkämme und silbernes Besteck. Andere Funde belegen Kannibalismus unter den Männern, was natürlich in England als völlig unbritisch und deshalb auch absolut abwegig abgetan wurde. Ein Amerikaner hörte später von Inuit auch solche Geschichten, woraufhin die London Times schrieb, diesen Wilden könne man ja ohnehin nicht trauen, da sie erwiesenermaßen logen und keine Ahnung hätten.
Ach, es gäbe noch so viel über diese Typen zu schreiben. Nachzulesen ist das alles in „Barrow’s Boys – Eine unglaubliche Geschichte von wahrem Heldenmut und bravourösem Scheitern.“ von Fergus Fleming, das ich nur jedem ans Herz legen kann.

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