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Zufallspredigt Nr. 5: Hiob

24. November 2010

„Bedenke, dass mein Leben ein Hauch ist und meine
Augen nicht wieder Gutes sehen werden.“

Unglücklich: Fisch in Gefangenheit

Heute schlagen wir die Bibel auf und landen im Buch Hiob Kapitel 7, Vers 7. Beziehungsweise auf Seite 571, in der Ausgabe, die meine Oma, die jetzt auf dem Friedhof des Hamburger Stadtteils Öjendorf wohnt oder auch woanders, je nachdem, wie man die Situation nach unserem Ableben einschätzt. 21 Gramm soll man im Moment seines Ablebens verlieren, vielleicht das Gewicht der Seele, vielleicht irgendetwas anderes, was man so durchs Leben schleppt. Steigen die Seelen gen Himmel auf? Vermodern sie im Erdreich? Kommen sie in den Himmel? In die Hölle? Oder in ein Paralleluniversum? Oder kehrt man als Gans auf die Welt zurück? Alle die Antworten hätten, sind tot. Wie auch meine Oma aus Öjendorf, die einer meiner Lieblingsmenschen gewesen ist. 1984 schrieb sie eine Widmung in meine Bibel, in Sütterlin: „Ein guter Ruf ist besser als großer Reichtum; und unzirpendes (nee, das kann nicht sein. Nicht zu entziffern.) Wesen besser als Silber & Gold.“

Das Buch Hiob ist nun eins der Bibel-Bestseller-Kapitel. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen“, sagt Hiob zum Beispiel und hat sich damit sprichwörtlich unsterblich gemacht. Die Coen-Brüder haben das Kapitel für ihren letzten Film „A Serious Man“ adaptiert, allerdings ohne die interessante Hintergrundgeschichte: Hiobs Unglück entspringt einer Wette zwischen Gott und Satan. Letzterer ist der Ansicht, dass nur derjenige fromm sei, der in Gottes Gunst hoch stehe. Das kann Gott nicht auf sich sitzen lassen und erlaubt dem Teufel, einen der seinigen zu prüfen. Hiob. Der verliert erst Herde und Wohlstand, dann sterben seine sieben Kinder bei einem Hauseinsturz und schließlich ergreift „eine schlimme, äußerst schmerzhafte Krankheit mit Geschwüren am ganzen Körper“ (wikipedia) Besitz von Hiob. Er fällt trotzdem nicht vom Glauben ab, was konkret bedeutet: Er glaubt trotz schwerer Schicksalsschlägen nicht an eine Schuld seinerseits und steht weiter zu seinem Glauben. Er erkennt also Gott als absolute Autorität an. Aus irdischem Blickwinken ein ziemlich blindes Vertrauen in eine Autorität, die nicht unbedingt der weise Mann mit weißem Bart und einer gesunden Weltlenkungsverantwortung verkörpert. Vielmehr muss dieser Gott jemand sein, der entweder den Überblick über seine Schöpfung verloren hat und also selektiv unangenehme Dinge geschehen lässt. Oder einer, der etwas tun könnte, dem aber alles egal ist. Oder – und das ist tatsächlich der Fall – einer, der im Schachspiel gegen den Teufel ein Bauernopfer bringt. Verantwortungslos.

Auch unglücklich: gebratenes, fotografiertes Huhn

Gut ist natürlich, dass Hiob – unabhängig vom Sujet – einfach ein Dickkopf ist. Er glaubt eigentlich an sich. Nehmt mir das Geld, raubt mir die Kinder, ruiniert meine Gesundheit – ich rücke trotzdem keinen Deut von meinem Denken ab. Das führt wiederum zu meiner Oma, die auch ein Dickkopf war. Kleine Anekdote: Sie wollte auf keinen Fall, so irrational das auch war und so viel auf sie eingeredet wurde, irgendjemandem zur Last fallen, hat sich also das Grab auf dem Öjendorfer Friedhof schon gesichert, als sie gerade einmal 70 war. Inklusive Grabstein! Seit 1970 stand auf dem Öjendorfer Friedhof ein Grab mit ihrem Namen und ihrem Geburtsdatum. Nur das Todesdatum musste noch eingefräst werden. Gestorben ist sie dann mit 99.

Omas Lebensgeschichte ist auch eine Art Hiobsgeschichte (allerdings gibt es in dieser Generation eine Menge solcher und schlimmerer). Sie heiratete recht spät. Kurz vor der Machtübernahme durch die Nazis. Mein Opa war Witwer, der vier Kinder in die Ehe brachte, und mit dem sie gemeinsam ein kleines Postbüro bei Königsberg in Ostpreußen, dem heutigen Kaliningrad, betrieb. Es war wohl eine glückliche Ehe. Bis Opa 1944, eigentlich viel zu alt (er muss über 50 gewesen sein), zum Volkssturm eingezogen wurde und im selben in Jahr fiel. Kurz darauf kam die Flucht und Oma musste mitsamt meinem Vater (dem einzige Kind aus dieser Ehe) und den anderen vier Gören aus Ostpreußen fliehen. Sie verpasste ihr Schiff (und hatte Glück, denn das war die Gustloff), kam mit einem späteren Schiff nach Schleswig-Holstein und dort bei Bauern unter. Später ging es nach Hamburg, wo sie nie wieder heiratete, sondern fünf Kinder durchbringen musste.

Unglücklich aber nicht ungläubig: Hiob (2. v. l. untere Reihe)

Um auf Hiob zurückzukommen. Er bleibt bei seinem Glauben. „Bedenke, dass mein Leben ein Hauch ist und meine Augen nicht wieder Gutes sehen werden.“ Diese schöne Formulierung wird anfangs im Kapitel verwendet. Später, als alles vorbei ist, erlöst ihn Gott von allem Übel und er sieht doch wieder Gutes: Geld und sieben neue Kinder. Die Moral von der Geschichte? Egal, was Sie glauben oder nicht glauben, es kann so oder so ausgehen. Und was passiert, wenn es schlecht ausgeht, weiß keiner.

Tja.

P.S.: Es ist nicht besonders originell, aber in jede Zufallspredigt gehört auch ein Kulturtipp: „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf zu empfehlen, setzt der Unoriginalität die Krone auf. Das Buch ist jetzt schon Bestseller, wurde von Playboy bis FAZ überall euphorisch rezensiert und trotzdem: Tschick ist wirklich toll. Herrndorfs Debüt „In Plüschgewittern“ steht dem nicht nach. Und der Blog auch nicht: http://www.wolfgang-herrndorf.de/. Und, blöde aber auch, mag keiner in meiner Familie, aber ich stehe wieder auf Softrock: Gayngs und Teen Inc., erstere eine Art Supergroup aus Minneapolis, covern auf ihrem Debut „Cry“ von Godley & Creme; letztere Debütanten aus Los Angeles, gerade mal eine Single draußen, die man direkt bei ihnen bestellen muss. „Friend Of The Night“ davon ist toll.

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