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Kunst, Gaukler und Vic Godard

2. November 2010

„Unter den tausend Zufällen, die die Tage eines jeden füllen, (…) sind manche, an die man sich gern erinnert und die man gern erzählt, weil man sie zu anderen nahen oder fernen Ereignissen in Beziehung setzen kann. Im Nachhinein verherrlicht man diese Beziehung, ziert sie mit dem schönen Wort Koinzidenz (…).“
(Olivier Sillig, Schule der Gaukler, S. 272)

Ich muss es kurz machen. In der letzten Zeit wurde meine Arbeitskraft mehr und mehr außerhalb des Internet gefordert und das wird in Zukunft noch ein wenig so bleiben. Nichtsdestotrotz soll gelegentlich etwas geschrieben werden und in der Warteschleife befindet sich einiges. Aus aktuellem Anlass erstmal eine dringende Empfehlung für alle, die am Samstag, den 6. November, in Hamburg sind: Vic Godard & The Subway Sect spielen in der Astrastube. Und der Mann ist ja nun wirklich mal eine Legende (die dazu auch noch ganz hervorragende Musik macht). Subway Sect gehörten zu der ersten Welle des britischen Punk, sprengten mit ihrer Entwicklung zu Soul & Swing Genregrenzen und ließen viele der alten Genossen (musikalisch, nicht karrieretechnisch) weit hinter sich. Seit über 30 Jahren bringt Vic Godard Platten raus, sehr viel Tolles darunter, und nun ist eine neue LP erschienen: „We come as aliens“ ist grandios. Unter Mithilfe von Gary Ainge, Paul Cook und vielen anderen knüpft Godard hier an seine zwei besten Singles an, „Stop That Girl“ und „Split Up The Money“. Beide Singles erschienen in den frühen 80ern, also zwischen den raueren Anfängen und der aalglatten Swingphase. Ziemlich direkt instrumentiert, als würden die Modern Lovers Soul spielen, klangen sie und so ist auch „We come as aliens“. Und man kann sogar nach zweimaligem Hören mitsingen! Der auf ganz andere Art tolle Flo Fernandez spielt im Vorprogramm und mein alter Fanzinekollege Christian und ich legen dazwischen Singles auf.

Schon länger in der Warteschleife befinden sich zwei Bücher. Beide las ich während der leider vergangenen Sommertage. Das erste erreichte mich auf ungewöhnliche Weise: Da ich hier und andernorts über Bücher aus dem Zürcher bilger Verlag schrieb, bekam ich eines Tages eine E-Mail vom Verleger, Ricco Bilger. Darin empfahl er mir eine seiner jüngeren Veröffentlichungen „Schule der Gaukler“ von Olivier Sillig, der aus dem französischen Teil der Schweiz stammt. „ …das ist nun wirklich ein grosser roman, an dem wohl leute wie william s. burroughs oder georges bataille ihre helle freude hätten“, schrieb er. Bei solchen Referenzen wird sogar jemand aufmerksam, der im Normalfall bei einem Mittelalterroman mit solch einem Titel (die Gaukler belegen in der literarischen Uncoolnesshitparade den ewigen Platz 2 hinter den Clowns) eher unfröhlich abgedankt hätte. Nun ist „Schule der Gaukler“ aber tatsächlich ein gut lesbares, spannendes Buch, das einen in keinem Moment mit den sonst im Genre üblichen Plattitüden unangenehm berührt. Die Geschichte: Ein Mann verdient im Xxten Jahrhundert sein Geld damit, dem staunenden Publikum einen in Alkohol eingelegten Hermaphroditen vorzuführen. Er nimmt einen Jungen in Lehre, den er vor dem Tod gerettet hat, und gemeinsam reisen sie durch ein zerstückeltes Europa. Ein Roadmovie, das deswegen so angenehm ist, weil die Protagonisten sich mit Problemen herumschlagen, die heute nicht sehr viel anders aussehen. Trotzdem hat der Leser das Gefühl, als würde das Mittelalter, das in dem Roman geschildert ist, der tatsächlichen Epoche weitaus näher sein, als der ganze Quatsch, der sonst in diesem Genre erscheint. Angesichts der Millionen und Abermillionen Leser, die sich gerne in vergangene Zeiten flüchten, sollte „Schule der Gaukler“ eigentlich in der Spiegel-Bestseller-Liste landen.

Genug gelobt. Genervt hat mich Thomas Kapielski. Was schade ist, denn ich mag den und habe bisher alles, was ich von ihm gelesen habe, gern gelesen. Teilweise sogar laut gelacht, was beim Lesen eher selten vorkommt. Kapielski ist ja eigentlich Künstler und er ist am besten, wenn er seine Kunst und den Kunstbetrieb (und die Gauklerei darin) schildert. Nichts anderes tut er im „Mischwald“. Aber: Zwischen den lustigen Anekdoten und Geschichtchen wird Thomas Kapielski politisch. Ich will da nicht kleinlich sein, meinetwegen darf ein Künstler gerne querulatorisch granteln, aber das hier? Überfremdungsquatsch, und dazu noch Querschläger gegen Gutmenschen und Grüne, unhaltbare Stammtischargumente zu Klimathemen (ich könnte jetzt das Buch in die Hand nehmen und belegen, bin aber zu faul. Schaut selber nach. Vielleicht können wir dann weiter unten diskutieren). Vielleicht habe ich irgendeine Ebene verpasst, aber mich hat „Mischwald“ in meiner Forderung bekräftigt, dass es endlich gesetzlich verboten werden sollte, zu allem eine Meinung haben zu dürfen (ohne etwas davon zu verstehen). Meine Meinung zum Thema Bücher, die mir politisch nicht gefallen, wäre dann allerdings auch verboten. (Außerdem kam – und das ist ein echtes Manko – nicht ein einziges Irseer Klosterbräu im Buch vor.)

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