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Amazing India Pt. 2 – Bolly-Lit

30. Juli 2010

Für jeden was dabei: Kuhlinarisches IndienWie heißt eigentlich das literarische Pendant zu Bollywood? Gibt es das überhaupt? Großartige Bücher können die Inder nämlich durchaus schreiben. Gerade erst fand das wirklich tolle „Der weiße Tiger“ von Aravind Adiga weltweit große Beachtung. Völlig zu Recht, das Buch ist brüllend komisch und dabei todernst. Eine wahre Kunst. Die Handlung: Ein indischer Unternehmer (An entrepreneur from Bangalore) erklärt in einem langen Brief an den Chinesischen Ministerpräidenten das Wesen des indischen Unternehmertums, für das er höchst selbst das beste Beispiel sei. Aus der Dunkelheit, also der Armut und Perspektivlosigkeit der Dörfer kommend, wird er zunächst Chauffeur beim reichsten Mann im Dorf und geht dann als Diener mit dessen Sohn nach Delhi. Leider muss er dann seinen Chef und dessen Frau irgendwann ermorden. Aber als Unternehmer muss man halt auch Opfer bringen und sonst wäre er ja schließlich nicht dort, wo er jetzt ist. Große Klasse, wie Balram, so sein Name, die Verhältnisse aus seiner Perspektive zu erklären weiß. Selten war ein Killer so sympathisch. Mit seiner vermeintlichen Naivität entlarvt der Erzähler die Tragik der modernen, globalisierten Welt – und die ihrer Verlierer.

Weitaus weniger komisch, aber ebenso großartig ist „Еine gute Partie“ von Vikram Seth. Sozusagen die Вuddenbrooks aus Kalkutta. Eine junge Frau namens Lata soll aus einer Reihe von Bewerbern den richtigen auswählen. Das wird in epischer Breite geschildert, das Buch hat knapp 2000 Seiten. Es spielt in der Zeit nach der Teilung Indiens und Pakistans in den 50er Jahren und beleuchtet verschiedene politische Positionen und ihre Hintergründe, indem die familiären Situationen dargestellt werden. Es lohnt sich wirklich, dieses schön geschriebene Meisterwerk durchzulesen, wenngleich es manchmal schwer fallen mag, einige Passagen ziehen sich ganz schön in die Länge. Aber es entwickelt sich ein ganz besonderer Zauber, der einen richtig gefangen nimmt.

Das kann Vikram Seth ohnehin sehr gut. Er ist nämlich auch Autor des wunderbaren Buches „Zwei Leben“. Darin erzählt er die Lebensgeschichte seines Onkels Shanti und seiner deutschen Frau Henni. Als Junge war Vikram oft bei ihnen in London zu Gast, ohne viel von der interessanten Geschichte dieser beiden Menschen zu wissen. Shanti kam als junger Mann aus Indien nach Berlin, um Medizin zu studieren. Dort lernte er Henni kennen, die Tochter seiner jüdischen Vermieterin. Vor Kriegsausbruch ging Shanti nach England, Henni entkam später als einzige ihrer Familie den Nazis. In London kreuzten sich ihre Wege erneut. Shanti hatte im indischen Corps für England im Krieg gekämpft und dabei eine Hand verloren. Dennoch war er als Zahnarzt tätig und heiratete Henni später, weil es irgendwie praktisch oder naheliegend war. Was diese Geschichte so besonders macht, ist der Blickwinkel: Es ist ein Inder, der die Geschichte seines Onkels nachzeichnet und dabei auch die große Weltpolitik miteinbezieht, denn schließlich gab diese sozusagen die Regieanweisungen. Aber auch diese frühe Multikulti-Ehe ist für sich allein gesehen sehr spannend. Vikram Seth beweist auch hier, dass er ein großartiger Autor ist, der wunderschön schreibt und spektakuläre Geschichten im Kleinen erzählen kann.

Einen hübschen Einblick in das indische Alltagsleben ganz normaler Leute zeigt „Vishnus Tod“ von Manil Suri. Hier wird aus der Perspektive von Vishnu erzählt, wie verschiedene Parteien in einem indischen Mehrfamilienhaus mehr schlecht als recht miteinander leben. Vishnu ist übrigens ein Mann, der im Sterben liegt auf einem Treppenabsatz zwischen zwei Stockwerken. Dort hat er den größten Teil seines Lebens verbracht und das ist so selbstverständlich und lapidar nebenbei erzählt, ohne irgendeine Betroffenheits-Leier. Tolles Buch mit großem Unterhaltungswert, denn so dramatisch sich die Dinge auch entwickeln müssen, Manil Suri erzählt das so herrlich nebenbei als sei es das Normalste der Welt, dass zum Beispiel einer der Bewohner mal eben so vom Nicht-Gläubigen zum Möchtegern-Religionsstifter mutiert. Indien eben.

Wer sich jetzt noch ein bisschen Hintergrundwissen aneignen möchte, dem sei das – und jetzt gehen mir fast die Superlative aus – ganz und gar großartige „Вombay: Maximum City“ von Suketu Mehta wärmstens ans Herz gelegt. Der Autor wuchs in Kalkutta und Bombay auf, ging mit 13 Jahren nach New York, heiratete dort eine Inderin und kam mit Mitte 30 zurück nach Bombay, mittlerweile Mumbai, um ein Porträt der Stadt zu schreiben.
Dabei ist auch wieder die Perspektive das Besondere: Er ist Inder, spricht Hindi und ist einer von den Menschen dort. Aber dennoch hat er durch das Leben in New York einen westlich geprägten Blick bekommen und beschreibt die Dinge, die er sieht, die Menschen, die er trifft, die Geschichten, die er von ihnen erfährt.
Und ebenfalls besonders ist die Position, die er dabei einnimmt, denn er bleibt keineswegs nur der Beobachter, sondern nimmt an den Geschehnissen bisweilen sogar selbst Teil. Wenn er zum Beispiel mit einem Regisseur zusammen an einem Bollywood-Drehbuch arbeitet oder wenn er eine Tänzerin aus einer Sari-Bar zu angesagten Parties der Oberen Zehntausend mitnimmt. Und trotz Allem wahrt er eine Distanz, die ihm die Kritiker teilweise ankreiden. Aber genau diese wahnsinnige Mischung aus Teilhabe und beobachtender Beschreibung macht den besonderen Reiz des Buches aus. Danny Boyle, Regisseur von Slumdog Millionär, hat übrigens gesagt, das Buch sei eine Art Handbuch für seinen Film gewesen, an dem er sich oft orientiert hat, um die Vibes der Stadt zu süpren und zu verstehen. Und tatsächlich spürt man sie irgendwie, obwohl sie so fremd und teilweise verstörend sind. Da sind die muslimischen Killer, die für ein paar Rupien morden, aber fünfmal am Tag gen Mekka beten und die streng vegetarisch essen. Oder der schweinereiche Juwelenhändler, der zum Jaina-Glauben konvertiert und jedem Besitztum und Luxus abschwört, um bettelnd und mit geschorenen Haaren durchs Land zu wandern – zur Sicherheit fährt der Bentley aber in kleinem Abstand immer hinterher.
Ohne Scherz, eines der besten und beeindruckendsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

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