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Amazing India Pt. 1

30. Juni 2010

„Slumdog Millionaire“ war und ist wirklich ein guter Film. Aber natürlich kein richtiger Bollywoodfilm. Dafür wird viel zu wenig gesungen und getanzt und die Handlung insgesamt ist viel zu logisch. Erst kürzlich beteuerte eine Gesprächspartnerin, „Slumdog Millionaire“ eben gerade deshalb so gut zu finden, weil er nicht so bollywoodlike war. Schade eigentlich. Erst kürzlich wurde ich Ohrenzeugin eines Gesprächs, in dem sich eine Frau beklagte, der Film sei ja gar nicht richtig Bollywood, obwohl sie das ja ohnhttps://wortpong.wordpress.com/wp-admin/post.php?action=edit&post=909ehin nicht möge und dann noch diese unglaubwürdigen Sachen von dem überzogenen Moderator und so weiter. Ein Film voller Widersprüche aber mit großartigen Bildern und eine gute Geschichte. Das lassen eine Menge europäischer oder amerikanischer Filme durchaus vermissen.

Bollywood hat zu Unrecht so einen Kitschruf. Und in Indien ist ein Film mehr als nur ein Film. Als Shah Rukh Khans Produktionsfirma vor einer Weile „Billu Barber“ (Super Film) herausbrachte, protestierte beispielsweise tatsächlich die Frisörvereinigung des indischen Bundesstaates Maharastra gegen den Titel, weil Barber (=Haareschneider) ihren Berufsstand verunglimpfen würde. Sie forderten die Umbenennung in „Billu Hairdresser“. Was jetzt irgendwie ganz schön lächerlich klingt, hatte in Indien gewaltige Auswirkungen: Sogar auf das Haus von SRK wurde ein Anschlag verübt. Allein in Mumbai hat die Frisörvereinigung knapp 30.000 Mitglieder, mehrere Hunderttausend im gesamten Bundesstaat. Im Film hat Titelfigur Billu einen kleinen Frisörladen in einem indischen Dorf, der mehr schlecht als recht läuft. Eines Tages kommt Filmstar Sahir Khan zu Dreharbeiten mit seiner Entourage ins Dorf. Billu hat immer davon geredet, dass Sahir sein alter Freund sei und nun posaunen seine Kinder das lauthals heraus. Das ganze Dorf ist aufgeregt und Billu soll seine Beziehungen spielen lassen, schafft es aber nicht, an Sahirs Sicherheitsleuten vorbeizukommen. Zudem ist er eigentlich ein bescheidener Mann, der mit dieser Freundschaft nicht angeben mag. Die Dorfbewohner bezichtigen ihn der Lüge, woraufhin Billus ganze Familie schlimm gedisst wird. Erst ganz zum Schluss klärt sich die Sache tränenreich auf und alles wird gut. Ein schöner Film, schön gefilmt und einfach prima Unterhaltung. Ohne schwülstige Liebesgeschichte.
Scharfe Sachen kommen aus Indien.

Kitschig? Unglaubwürdig? Egal. Einer meiner Lieblingsbollywood-Kracher toppt das locker: Fanaa. Kurze Inhaltsangabe gefällig? Ein junges Mädel aus einer entlegenen Berggegend in Kaschmir kommt nach Delhi, um dort mit ihren Freundinnen bei einer nationalen Feier zu tanzen. Sie ist blind und ihre Eltern ermahnen sie, in Delhi zu einem Augenarzt zu gehen. Schon bei der Ankunft trifft sie jedoch den Stadtführer Reyhan und die beiden bandeln an. Allerdings ist Reyhan ein echter Heiopei und hat überall sein Süppchen am kochen, glaubt nicht an die Liebe und so weiter. Trotzdem lässt das Mädel den Augenarzttermin sausen und verbringt eine heiße Nacht mit ihm, bevor sie abreist. (Heiße Nacht = Tanzen und Singen auf Dachterrasse im strömenden Regen, aber wir wissen natürlich, was dahinter steckt. Und diese Nacht bleibt nicht folgenlos.) Zuvor hatte er sie noch bei der Tanzaufführung im Nationalpalast gesehen und war hin und weg.
Am nächsten Tag sitzt sie im Zug nach Kaschmir, da taucht er auf, zieht die Notbremse und trägt sie auf den Schienen zurück nach Delhi. Dann geht’s gleich zum Augendoc, der lacht sie aus und sagt, eine harmlose Operation könne sie heilen. Schnitt / Krankenhaus, Eltern werden erwartet aus Kaschmir, Rumgeturtel mit Reyhan. Der muss noch mal kurz los zum Nationalpalast, um was zu erledigen und verspricht, nach der OP bei ihr zu sein. Doch dann … Pustekuchen. Der Nationalpalast fliegt bei einem Anschlag der Kaschmirischen Befreiungsfront oder so ähnlich in die Luft und Reyhan mit ihm. Das Mädchen kann zwar sehen, aber ihr Liebster ist tot. Gut, dass die Eltern sie trösten.
Schnitt, sieben Jahre später.
Reyhan in coolem Businessoutfit am Flughafen. Es stellt sich heraus, dass er der Enkel des obersten Anführers der Kaschmirischen Befreiungsfront ist und nur dazu erzogen wurde, Terroranschläge auszuführen. Auch dieses Mal ist er in einer Mission unterwegs, aber er stürzt mit einem Hubschrauber in einer abgelegenen Bergregion Kaschmirs ab und muss fliehen. Verletzt ist er natürlich auch. (Na? Ahnen wir schon was? Klar. Aber was dann kommt, würde sich ein deutscher Drehbuchautor niemals trauen.)
Wie nun Reyhan blutend und vollkommen fertig so durch den Schnee stapft, kommt er an ein Haus, in dem ein alter Mann ihm öffnet und dort bricht er zusammen. Als er wieder zu sich kommt ist ein kleiner Junge da, der ausgerechnet Reyhan heißt. (Na, ahnen wir schon was?! Klaaaar!) Und dann kommt eine wunderschöne junge Frau und es ist – Überraschung: die Schöne, ehemals Blinde. Sie erkennt ihn natürlich nicht, weil sie ja zuvor blind war und er traut sich erst nicht, verrät ihr dann aber doch irgendwann, wer er ist, schwört dem Terroristendasein ab und will mit ihr ein neues Leben beginnen. Dann bringt er aber blöderweise den Papa um und das dramatische Ende mit sehr viel Blut, für so eine abgelegene Bergregion einer erstaunlichen Menge Toten und Helikoptern und Armee und so weiter, kulminiert zu einem hervorragenden Höhepunkt. Wahnsinn. Dazwischen wird natürlich alle Augenblicke gesungen und getanzt und komödiantische Einlagen gibt es selbstverständlich auch. Am Ende ist man vollkommen fertig und ganz und gar durchgewalkt entertainmentmäßig. Mehr geht einfach nicht, das schafft auch Bruce Willis nicht, obwohl der mehr Produktionsmillionen zur Verfügung hat und mehr Pyrotechnik statt wabernder Sarischals. Vielelicht sollte er einfach mehr singen?

Ach, Bollywood.

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