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Obacht, der Hase hört mit! Vier Tage in St. Petersburg

18. Juni 2010

Der Hase macht das ganz real, was der Mensch nur in Gedanken kann. Er gräbt sich ein,
er gräbt sich einen Bau. Er inkarniert sich in die Erde, und das allein ist wichtig.“
(Joseph Beuys)

Seit dem letzten Besuch in St. Petersburg sehen wir Hasen mit anderen Augen. Vier Tage verbrachten wir in der schönen Stadt an der Newa im Lande der Birke gleich neben Finnland. Birken haben wir kaum gesehen, lebendige Hasen auch nicht, das Hasenthema verfolgte uns trotzdem.

Eine der beiden Hasenkneipen

Unser Apartment liegt in einem Hinterhof der Fontanka, einem der Kanäle, die das Stadtbild zumindest aus Luftansicht prägen. 15 Minuten nach links und wir sind am Fluss, an der Newa; 15 Minuten nach hinten und wir sind in der Eremitage, dem Kunstmuseum. Zehn Meter nach rechts, ein paar Treppen hinab und wir wären in einer Kneipe, deren Eingang zwei Hasenstatuen flankieren. Beinahe gespiegelt, gibt es einen weiteren hasengeschmückter Souterrainclub. Wir sind in keinem von beiden drin gewesen. Nicht links, nicht rechts. Es sah auch hüben wie drüben eher unsympathisch aus. Als wir nachts vorbeigingen feierten da unten Männer mit Anzügen und gelockerten Krawatten. Sie hatten  künstliche Hasenohren auf den Kopf gesetzt, und tranken Champagner mit jungen Mädchen, die ebenfalls falsche Hasenohren trugen. Für das ungeübte Auge war das die russische Version einer Hugh-Hefner-Party, also eine Art Puff für hasengeile Businessmen mit ordentlich Schotter.

Es war aber harmloser: L erklärte, dass dort das ganze Jahr über, Abend für Abend, Sylvester gefeiert würde. „Warum Hasen?“, fragten wir, doch das konnte uns weder L noch sonstwer schlüssig erklären. Der Hase, so sagte S, später, nehme in der russischen Mythologie halt eine besondere Rolle ein. S trafen wir an unserem letzten Abend auf der Haseninsel. Man muss dazu wissen, dass die Stadt auf der Haseninsel ihren Anfang genommen hat. Auf dieser strategisch günstig gelegenen Insel ließ Peter der Große eine Festung errichten, die Peter-Paul-Festung, Ausgangspunkt für das Wahnsinnsprojekt Sumpfstadt Petersburg.

Ein Exponat im Museum der Arktis und Antarktis

Der ganze Tag war schon wie alle Tage zuvor gewesen. Viel herumgelaufen, eher fröhliches Treibenlassen als Programm abreißen, trotzdem natürlich viel Sehenswertes sehen. Erst besichtigten wir das wirklich ganz großartige Museum der Arktis und Antarktis. Vorsätzlich demütigend, hatte man das Museum zu Sowjetzeiten in der Nikolauskirche der Altorthodoxen installiert. Seitdem ist dort eventuell einmal Staub gewischt worden, ansonsten hat sich nichts geändert. Der Höhepunkt ist eine Multimediainstallation. Multimedia bedeutet in diesem Fall: Ein antikes Projektorengerät aus den 1960er Jahren projeziert das Nordlicht auf eine Modellbaulandschaft mit Nordpol-Forschungsstation und Eisberg. Dazu spielt eine knisternde Tonspur, auf der eine sonore Herrenstimme dem russischsprachigen Besucher das hübsche Lichtphänomen erklärt. Die zwei Kinder, die diesem kontemplativen Moment sozialistischer Bildung am Volke beiwohnten, zählten wohl eher zur Gameboyyoutubegeneration und hauten also nach 10 Sekunden gelangweilt ab.

Leonid Ivanovich Rogozov operiert sich selbst

Im ersten Stock dann das interessanteste Exponat: ein Schaukasten mit Utensilien und Fotos. Darin wird die legendäre Selbstoperation des Petersburger Arztes und Antarktisexpeditionsteilnehmers Leonid Ivanovich Rogozov gewürdigt. Der junge Mann (27, wurde alt) bekam auf der Expedition, für die er extra seinen Dissertationsabschluss verschob, Blinddarmprobleme und musste sich denselben selbst entfernen. Die Operation soll 24 Stunden gedauert haben. Sein Sohn ist auch Arzt und schreibt sehr ausführlich über diese sozialistische Heldentat.

Aber zurück zu den Hasen: Von dem Museum aus spazierten wir zu einem der teureren (ehemaligen) Kolchosmärkte in der Nähe des Heumarkts. Dort in der Fleischabteilung gab es einen Hasen zum Kauf, dessen Haut säuberlich abgezogen war, das rote Herz, das sich rein farblich stark vom Fleisch absetzte, hatte der Schlachter am rechten Fleck belassen. Seltsamer Anblick. Über ein paar Umwege waren wir dann abends auf der Haseninsel verabredet, wo laut S, eine Hasenparade stattfinden sollte. Darunter nun konnten wir uns nichts vorstellen und waren erstmal enttäuscht, als wir am brückenseitigen Ufer der Haseninsel eine Art Mittelaltermarkt eingerichtet fanden. Doch dann kam uns inmitten dieser extremtouristischen Umgebung die Hasenparade entgegen, die sich als eine bunte Mischung Kunstinteressierter und Museumsangestellter entpuppte, deren dritte Hasenparade anlässlich der „Nacht der Museen“ stattfand. S. hatte Hasenohren aus Papier auf dem Kopf und stellte in Aussicht, dass der Demonstrationszug, der für die „Aufwertung des Images des Hasen in der modernen Kunst“ unterwegs sei, in das Museum der Avantgarde ziehe, wo es einen schönen Hinterhof gäbe, mit Bäumen und Gras, man könne dort also gut sitzen und trinken.

Die Hasenparade startet auf der Haseninsel

So kam es, dass wir, die wir alle schon ein paar Jahr keinen Demonstrationszug mehr von innen gesehen hatten, nun für die „Aufwertung des Images des Hasen in der modernen Kunst“ mit Polizeibegleitung die Petrograder-Insel (die eigentlich viel schöner ist als die Innenstadt St. Petersburgs) durchquerten. Nach einer halben Stunde Fußmarsch, während der wir die Kneipe mit dem besten Kneipennamen Europas, Chateau de Bier, passierten, erreichten wir das vermeintliche Avantgarde-Museum in der Uliza Professora Popowa 10, das sich als Museum der Avantgarde der „Goldenen Zwanziger“ entpuppte – es war also wie zumeist in St. Petersburg: Vergangenheit geht vor Zukunft (was bei einer so schönen Stadt mit einer so interessanten Geschichte auch in Ordnung geht. Die Lebenden können einem aber schon leid tun).

Hase rezitiert Dichter

In dem kleinen Holzhaus, das ursprünglich 1840 gebaut wurde, war – soweit ich verstanden habe – eine Avantgarde-Zeitschrift gedruckt worden. Ein außerordentlich schön gestaltetes, jugendstilhafteskes Magazin, in dem Prosa und Fauna befreundeter Künstler veröffentlicht wurden. Später waren andere Künstler eingezogen, die wiederum mit anderen Künstlern verkehrten, und einer dieser Künstler kannte Malewitsch, weswegen der große Malewitsch auch ein paar Mal in dem Haus gewesen war, weswegen das Haus, nach seinem Abriss als Museum naturgetreu wieder aufgebaut wurde. Das Museum dokumentiert die Avantgarde-Zeitschrift und die Arbeit der späteren Hausbewohner. Der zeitgenössische Beitrag besteht aus Wechselausstellungen im Erdgeschoss, in unserem Falle einer Hand voller Art Brut-Werke aus Kinderhand. Im Hinterhof, der wirklich sehr schön war, reklamierten Hasen Gedichte, und wir tranken Brandy (alle), Amour, ein Erdbeer-Prosecco-Mixgetränk (C), Rotwein (C und J) Martini (L), Bier (ich) und nichts (D, der fahren musste). Rechtzeitig zurück, beobachteten wir noch das Spektakel der öffnenden Brücken über der Newa, tranken einen Kaffee, packten unsere Koffer und flogen zurück.

Das Chateau de Bier (leider etwas unterbelichtet)

Zwei Tage vor dem Rückflug, also einen Tag vor der Hasendemo, besuchten wir Katharinas Sommerresidenz in Puschkin. Ich wollte unbedingt die „Knarrende Hütte“ sehen, ein Häuschen im damals (18. Jahrhundert) angesagten chinesischen Stil, für das sich der Architekt Jurij Matwejewitsch Veldten einen in seiner Absurdität kaum zu überbietenden Clou ausgedacht hatte: Es konstruierte das Haus so, dass die Dielen im Neubau knarrten. Solch ein hilfloser Versuch des Authentizitätsgewinns sollte eigentlich zum Bauwerk des letzten Jahrtausends oder der Welt überhaupt gekürt worden sein, aber das hat man wohl vergessen. Leider wurde die „Knarrende Hütte“ gerade renoviert (lauteres Knarren einbauen?), war also geschlossen und wir mussten mit der Rekonstruktion des Bernsteinzimmers vorlieb nehmen, erlebten aber immerhin einen Stromausfall im Schloss, einige interessante Jagdgemälde (mit toten Hasen!) und, dann mal wirklich interessant, sahen Bilder von der unfassbaren Verwüstung, die anhand dieses Gebäudes illustrierte, was die Deutschen bei der Belagerung St. Petersburgs verbrochen haben.

Der Hase in der modernen Kunst (hier Dürers berühmter alter Hase)

Über Barbarei wollen wir hier aber nicht sprechen, Hasen sind das Thema: In der 80.000 Einwohner zählenden Vorstadt hatte der Volksdichter Puschkin seine Erziehung erfahren, auf einem Gymnasium, auf dem die Petersburger Upper-Class zu Zarenzeiten ihre Kinder aufs Leben vorbereiten ließ. Der Ort Puschkin hieß damals noch Zarskoje Selo, Kaiserliches Dorf, wurde zu Sowjetzeiten nach dem populären Volksdichter benannt und erhielt nach Ende der Sowjetunion seinen alten Namen zurück. Von Puschkin nun, um den Haken zu schlagen, gibt es eine interessante Hasenanekdote: Im Winter 1825 hatte sich der Dichter (so jedenfalls sagt es die Überlieferung) auf den Weg gemacht, um von Michailowskoje nach St. Petersburg zu reisen. Dort wollte er seinen Freunden beistehen, hätte also am geschichtsträchtigen Dekabristenaufstand teilgenommen. Puschkin wäre am Galgen oder im sibirischen Arbeitslager gelandet. Jedoch: Er drehte auf der Hälfte des Weges um. Und zwar, weil ein Hase den Weg des abergläubischen Dichters kreuzte. Der Hase sei die „schwarze Katze“ Russlands wird in dieser Rezension behauptet, die ein Buch des russischen Schriftstellers und PEN-Präsidenten Andrej Bitow zum Gegenstand hat. Bitows Buch „Puschkins Hase“ ist an der schicksalhaften Anekdote aufgehängt.

Dass der Hase die schwarze Katze Russlands sei, konnte meine kurze Google-Recherche leider nicht bestätigen. Sie erbrachte lediglich einen Treffer inmitten eines lustigen Heidenforums, in dem unglaublich viel Quatsch geredet wurde (und wahrscheinlich noch wird): „(…) in der Ukraine glaubte man, der Teufel hat den Hasen erschaffen und der HAse dient ihm (…)“. Zugegeben, Ukraine ist nicht gleich Russland, aber mehr war bei der Suche leider nicht drin.

Der Hase, so also die Quintessenz unseres Kurzurlaubs, zieht sich durch die Kunstgeschichte von Puschkin bis heute. Und wenn wir für dessen Bedeutung demonstriert haben, so haben wir das auch für Joseph Beuys getan, der – obwohl längst den Acheron Richtung Hades überquert – innerhalb der St. Petersburger Kunstlandschaft eindeutig der Kategorie der hypermodernen Avantgarde der Avantgarde der Avantgarde zugeordnet werden müsste. Joseph Beuys nämlich veranstaltete einst eine Performance mit dem Titel „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“. Der Ausstellungsraum, in dem Beuys’ Werke hingen, war für das Publikum geschlossen. Die Besucher konnten aber durch Fenster und verglaste Tür Beuys dabei zusehen, wie er einem toten Hasen, den er auf dem Arm trug, seine Kunst erklärte. Ein früher und sehr brillanter Kommentar zu Erklärungswut und Kunstbetrieb. Was er ihm wohl ins Ohr geflüstert hat?  Niemand weiß es, aber sicher ist, dass der tote Hase hinterher in Sachen Metaebene ganz gut drauf gewesen sein muss. Vielleicht hat er sich ja re-inkarniert als das Supatopcheckerbunny (vom dem es hier einen frühen Beitrag namens „bunny über müll“ zu hören gibt, der vor einigen Jahren für eine wortpong-Radiosendung zum Thema Müll aufgenommen wurde). Fest steht allemal: Reisen bildet und der Hase ist mehr als nur ein Hase. Nächstes Mal in dieser Reihe: das Kaninchen.

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2 Kommentare leave one →
  1. Pilzpfanne permalink
    18. Juni 2010 18:27

    Ich empfehle für den Dia-Abend mit Freunden unbedingt folgendes Rezept:

    Russischer Hase

    1 kg Hasenkeule
    100 g Fett
    1 Zwiebel
    2 TL Roter Paprika
    etwas Salz + Pfeffer
    2 Grüne Paprikaschoten
    2 Tomaten
    500 g Weißkohl
    etwas Knochenbrühe

    Fleisch vom Knochen trennen, in Würfel schneiden und waschen. Zwiebel im Fett andünsten, mit Fleischwürfeln verrühren, roten Paprika dazugeben, salzen, pfeffern und zugedeckt halbgar dünsten. Paprikaschoten und Tomaten in Scheiben schneiden, beimengen, mit dem gehobelten Kraut verrühren und alles gardünsten. Nach Bedarf mit Knochenbrühe aufgießen.

    Dazu unbedingt Unmengen von Wodka trinken. Was ist das überhaupt für ein Urlaub, in dem Erbeer-Prosecco-Krams getrunken wird. Tse, tse, tse!

  2. MartinS permalink*
    21. Juni 2010 08:25

    Ah, der Hase in der Kochkunst! Vielen Dank für das Rezept, Pilzpfanne. Dass es keinen einzigen Wodka gab, ist übrigens in der Tat ein „Tse, tse, tse!“ wert. Hat sich nicht ergeben. Vielleicht auch, weil ich mein Lebenswodkakontingent bereits aufgebraucht habe? Und zum Erdbeer-Prosecco möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern. Fällt sowas eigentlich schon unter Alcopops?

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