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Zufallspredigt Nr. 3: Billig zürnst du um den Rizinus!

30. April 2010

Der Rizinus, eine biblische Legende. Fotografiert wurde dieser hier von Rickjpelleg

Heute haben wir schlechte Laune. Es ist Krieg, Griechenland geht das Geld aus und Amerikas Ölreserven machen den Ozean kaputt. Wir schlagen also die Bibel auf, in der Hoffnung auf Antworten, und landen zufällig bei Jona. Genau genommen Vers Nummer 9 des vierten Kapitels des Buchs Jona.

Jona ist der Mann mit dem Wal. Eine bekannte Geschichte: Jona wird von einem Wal verschlungen, schafft es irgendwie ein paar Tage in den Eingeweiden des fischartigen Säugetiers zu überleben, wird ausgespien und geht seiner Wege. In Kapitel 4 ist Jona dem Walbauch längst entsprungen. Er sitzt auf einem Berg oberhalb der Stadt Ninive und hat ebenfalls schlechte Laune.

Eigentlich hatte Gott ihn losgeschickt, um in der Stadt aufzuräumen, weil dort Sodom&Gommorah-artige Zustände herrschten. Ninive war eine große Stadt an den Ufern des Tigris. Drei Tagesreisen benötigte man, um von A nach B, also von der nördlichen zur südlichen Stadtgrenze, zu gelangen. Es lebten dort 120.000 Menschen, allesamt extrem boshaft. Jona war nun der erste Gesandte Gottes, der Ninive den Untergang prophezeien sollte (zwei weitere folgten, bis Ninive schließlich im Sommer 612 v. Chr. ganz banal von den Medern und Babyloniern zerkloppt wurde). Eigentlich hatte Jona gar keine Lust den Menschen in Ninive zu predigen. Er lief einfach in die andere Richtung, hatte aber die Rechnung ohne Gott gemacht und gelangte über Umwege (den Walbauch) schließlich doch nach Ninive. Kurz und präzise prophezeit er dort den Untergang: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“

Und was passiert? Die Stadtbewohner nehmen die Prophezeiung ernst, bessern sich und Gott beschließt, den Untergang noch ein wenig auszusetzen. Jona, der wohl auf großes Kino gehofft hatte, ist ob dieser Inkonsequenz stinksauer. Er zürnt Gott, will sterben und setzt sich auf einen nahegelegenen Berg. Soweit, so gut. Jetzt kommen wir zu dem Teil, den wir zufällig aufgeschlagen haben und die Geschichte baut eine enorme Dramatik auf: Gott nämlich will Jona etwas sagen, das tut er aber nicht einfach so, wie wir es tun würden. Also durch das Wort oder die Geste von Mensch zu Mensch, nein, Gott lässt dem in der Sonne schmorenden Jona einen Rizinus wachsen. Jona freut sich. Über Nacht aber schickt Gott Würmer und der Baum geht ein.

Jona ist natürlich wieder sauer. Was soll das auch?! Erst Baum pflanzen, dann kaputt machen. Gott aber fragt Jona: „Meinst du, daß du billig zürnst um den Rizinus?“ Jona findet, dass er zu Recht zürnt. Und Gott, der alte Fuchs, hat erreicht, was er erreichen wollte. Er hat für Jona ein kleines Gleichnis geschaffen. Der Prophet wider Willen nämlich hatte für den Rizinus keinen Finger gekrümmt, sich dennoch gefreut, als er da war, und gezürnt, als er wieder weg war. Und da soll Gott um Ninive nicht jammern? Seine Schöpfung? Sieben anstrengende Tage? Nicht ein einfacher Baum, sondern 120.000 Menschen, „die nicht wissen, was rechts oder links ist“?! Und dazu noch viele Tiere? Nein, bevor man so etwas einfach von der Landkarte wischt, sollte doch noch mal nachgedacht werden.

Ach, ahnungsloser Vogel, der Du einst wirst bevölkern das postapokalytische Erdenrund!

Das Kapitel endet hier und Gott kommt ausnahmsweise mal gar nicht so schlecht weg. Eigentlich sogar ganz sympathisch. Ein Papa, der Langmut zeigt, bevor es Watschn setzt. Ein Schöpfer, der an seiner Schöpfung hängt – und sich auch mal eine kleine Inkonsequenz leistet. Er zeigt seinen Geschöpfen damit natürlich auch Verhaltensgrenzen auf. Ich zermalme Dich, wenn Du Dich nicht in meinem Sinne verhältst. Anderenfalls lasse ich Gnade walten. Da ist er wieder, der autoritäre Geist, der uns dieses schöne Buch so gehörig verleidet. Nicht aber seine Formulierungen: Oben wurde bereits angerissen, dass Gott noch zwei Propheten nach Ninive schickt, um den Untergang zu verkünden. Die schönste Prophezeiung findet sich im Buch Zephanja 2,12: „Auch Rohrdommeln und Eulen werden wohnen in ihren Säulenknäufen, das Käuzchen wird im Fenster schreien und auf der Schwelle der Rabe.“ So sieht also das postapokalyptische Ninive aus. Ein Vogelbiotop.

Die Moral von der Geschichte dürfte klar sein, wenden wir uns also spannenderen Themen zu: dem Rizinuswurm. Hier hat die Bibelwissenschaft nämlich lange rätseln müssen: Rizinus ist bekanntlich äußerst giftig. Nicht das Öl, das medizinische Anwendung findet und in Mischung mit Methanol auch zur Schmierung von Glühzündermotoren eingesetzt wird. Wohl aber die Samen und ihr Wirkstoff Rizin: Die Einnahme von nur einigen wenigen Samenkapseln führt zu Übelkeit, Erbrechen und Krämpfen. Nach etwa zwei Tagen folgt der Tod durch Kreislaufversagen. Ein Gegengift ist nicht bekannt. Wikipedia hat eine interessante Geschichte dazu:

„Der erste bekannte Einsatz von Rizin als Waffe war 1978 beim Regenschirmattentat, als der bulgarische Journalist und Dissident Georgi Markow in London von bulgarischen Geheimdienstagenten auf offener Straße mit einem Regenschirm, dessen Spitze mit einer 1,52 Millimeter großen Kugel mit 40 Mikrogramm des Toxins präpariert worden war, angegriffen und in den Unterschenkel gestochen wurde. Markow starb einige Tage später im Krankenhaus.“

Die Bibelforschung musste lange suchen, um einen Wurm zu finden, der so verrückt ist, einen Rizinus anzunagen. Zunächst nahm man an, dass es gar kein Rizinus war, der dem Gott als Gleichnisbaum diente. Dann aber, im Jahr 2005, hatte man die Lösung. Die Raupen eines Nachtfalters der Familie der Bärenspinner essen gerne Rizinus, sind nachtaktiv, entsprechen also genau dem Täterprofil und hören zudem auf den schönen Namen Olepa schleini. Wie sie das Rizin überleben, wissen wir nicht, aber vielleicht musste deswegen solange gesucht werden, bis man einen hungrigen Schleini gefunden hatte.

Apropos schöne Namen: Ulrike Merten ist keiner. Frau Merten ist in einer Partei, der SPD, was man sich so ähnlich vorstellen muss wie Religionszugehörigkeit. Sie hat einen Posten, auf den wir nicht neidisch sind. Als Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestags muss sie sich tagtäglich mit dem ätzenden Armeegebilde „Bundeswehr“ herumschlagen. Dass die Strukturen dort eher vordemokratischer Art sind, wird wohl jeder wissen. Dass ebenjene Strukturen aber auch auf das Denken derjenigen übergreifen, die eigentlich eine Kontrollinstanz bilden sollten, ist nicht schön. Frau Merten jedenfalls musste am 16. April 2010 nach den jüngsten Anschlägen auf die Bundeswehr in Afghanistan ein Interview auf NDR Info geben. Auf die Frage, ob angesichts der dramatisch veränderten Verhältnisse in Afghanistan nicht eine direkte Legitimation durch das Volk vonnöten wäre, antwortete Merten sinngemäß, dass man das Volk bei Entscheidungen solcher Tragweite doch nur bedingt mitentscheiden lassen sollte. Hier treffen sich dann also Gott und Frau Merten in trauter Einigkeit.

Frau Merten sollten wir nicht wiederwählen und überhaupt häufiger auf die Straße gehen, was aber, so findet jedenfalls Paul Weller, in Kriegsfragen nicht viel bringt:

SPIEGEL ONLINE: Gegen den Krieg im Irak sind allein in England Tausende auf die Straße gegangen.

Weller: Ja, aber das war doch nur eine armselige Inszenierung von Demokratie! Millionen haben demonstriert, aber hat es irgendwas bewirkt? Nein, sie sind trotzdem in den Krieg gezogen. Und sie hatten sich ohnehin lange vorher darauf geeinigt, dass sie es tun würden. Selbst wenn sich das Volk erhebt, hört man ihm nicht mehr zu. Ich finde das, wie viele andere Leute auch, sehr frustrierend. Es gibt in England eine große Unzufriedenheit mit der politischen Klasse, sehr viel Unmut und Frust, aber keiner weiß, wohin damit.

Wir wissen es auch nicht und schließen diese Zufallspredigt ganz gegen unsere Gewohnheiten finster gestimmt. Vielleicht sollten wir ein paar Rizinussamen einwerfen und warten bis Rohrdommeln und Eulen werden wohnen in unsere Säulenknäufen, das Käuzchen wird im Fenster schreien und auf der Schwelle der Rabe. Gute Nacht!

P.S.: Quatsch! Uns fällt schon noch etwas Anderes ein.

P.P.S.: Bis uns etwas eingefallen ist, beschäftigen wir uns mit der besten Architektengruppe schlechthin, Archigram, deren Projekte neuerdings umfangreich im Netzl gewürdigt werden.

P.P.P.S.: Um die Laune noch ein bisschen zu bessern, möchte ich zum Abschluss noch auf einen Blog verweisen, über den ich rein zufällig gestolpert bin. Es scheint im Raum Bielefeld viele Menschen zu geben, die etwas vorzuzeigen haben (man beachte bitte die großartigen Kategoriebezeichnungen: „Zeigende Frauen“, „Zeigende Männer“, „Zeigende Männer & Frauen“).

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2 Kommentare leave one →
  1. 7. Mai 2010 14:51

    Was ist denn das für ein Schwachsinn?

    • MartinS permalink*
      10. Mai 2010 10:19

      Gott! Gut, dass ich Sie hier treffe. Ich würde gerne eines wissen: Warum haben Sie die Menschen nicht gleich in Ihrem Sinne erschaffen? Sie hätten sich doch einiges ersparen können! Zum Beispiel den Stress mit dem Rizinus (erst schnell wachsen lassen, dann den Wurm schicken), überhaupt die ganze anstrengende Erziehungsarbeit am Menschen. Bei den Tieren hat das doch auch geklappt.
      Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen. Außerdem sammele ich Werbematerial aller Art, wenn Sie davon noch gleich etwas mitschicken könnten – das wäre toll!
      MartinS
      P.S.: Ihre Website funktioniert nicht.

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