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Unter den Wolken

12. April 2010

Welcher Sinn oder gar Nutzen ließe sich für nexte Topmodels oder gesuchte Superstars zusammenphilosophieren? Gern wird ja für dieses oder jenes die Evolution herbeizitiert. Und wirklich: Wer in grauer Vorzeit derartig viele Ressourcen zur Verfügung hatte, dass er sich überflüssige Mätzchen erlauben konnte, der hatte auch das größte Fortpflanzungspotenzial. So oder ähnlich sind Kunst oder Kultur entstanden. Zumindest lautet eine mögliche und irgendwie auch halbwegs nachvollziehbare Erklärung.

Der Gipfel dieser überflüssigen Mätzchen ist natürlich das Reisen. So ein Aufwand! Die Römer und Griechen reisten meist zu Fuß, nur wenige konnten sich Pferde leisten. Langsam entstanden Verkehrswege und Handelszentren, die von den Reisenden profitierten. Stichwort Pilgerreise, wie sie zb. Der wunderbare Geoffrey Chaucher in den Canterbury Tales beschreibt. Ist ja noch heute durchaus eine Option. Alle anderen steigen ins Flugzeug und fliegen. An den Ballermann zum Komasaufen, an die Wallstreet, um die Kohle argloser Anleger zu verzocken oder sonstwo hin.

Dabei durchqueren sie die seltsamsten Orte, die es gibt, ohne ihnen allzu große Aufmerksamkeit zu widmen: Flughäfen. Einen davon hat der Journalist und Autor Alain de Botton eine Woche lang als Hausschreiber besucht. Und zwar keinen geringeren als seine Majestät, den Flughafen Heathrow, der drittgrößte, der Welt in Sachen Passagieraufkommen, immerhin 66 Millionen Leute. Heathrow hat noch weitere Superlative zu bieten: Nirgends gehen mehr Koffer verloren und irgendwo gleich neben der Rollbahn werden archäologische Ausgrabungen gemacht. Alain de Botton hat aus seiner Woche in Heathrow als „Writer in Residence“ ein wirklich lesenswertes Buch gemacht, in dem er angenehmerweise auf Willemsensches Gockelgetue ebenso verzichtet wie auf betroffenes Gemenschel.

De Botton ist Schweizer, studierter Philosoph und Historiker, vielleicht hat er deshalb einen so schönen und genauen und doch so außergewöhnlichen Blick. Mit Liebe zum Detail aber auch der Fähigkeit, das Große und Ganze zu betrachten, beschreibt er Szenen, Vorgänge, Abläufe. Und so stellte er seinen Schreibtisch mitten in die Abflughalle und ließ die Dinge einfach passieren.

Herrlich die Beschreibung seines Interviews mit dem Vorstandschef von British Airways. Gerade lief es nämlich nicht so toll: British Airways machte fast 2 Millionen Euro Verlust pro Tag, die Belegschaft in der Luft drohte mit Streik, Studien hatten gerade herausgefunden, dass seine Leute mehr Koffer verschusselten als anderswo und der Vorstandschef höchstselbst hatte veranlasst, dass es in der Business Class keine kostenlosen Schokotäfelchen mehr gab. Von den Umweltaktivisten, die an irgendwelchen Zäunen des Geländes festgekettet waren oder dem Stress mit Boing, wegen akuter Fehlplanungen ganz zu schweigen. Irgendwann stehen die beiden Männer, inzwischen beim Vornamen angekommen, Schulter an Schulter auf einer Bank und betrachten ein Flughzeugmodell des A380. Doch trotz aller Jovialität will der Vorstandschef de Botton nicht als Writer in Flight engagieren. Schade eigentlich. Airport ist jedenfalls ideale Reiselektüre. Vielleicht nicht unbedingt am Strand. Aber für die Zeit vor dem Abflug und nach der Landung absolut erbaulich.

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