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Über Fuhlbrügge zu schreiben, ist wie zu Fuhlbrügge zu tanzen

7. April 2010

„Über Musik zu schreiben, ist wie zu Architektur zu tanzen“ ist ein recht bekanntes Bonmot zum Musikjournalismus. Wie das halbe Oscar Wilde-Ouevre: es hört sich gut an, ist aber eigentlich Unsinn. Was will es uns sagen? Dass der Prozess des Schreibens an sich ein absurder ist? Klar, schon Gedanken in Worte zu fassen, ist absurd. Zwischen Wahrnehmung (des Kunstwerks, Liebeskummers oder Amtsbesuchs) und wörtlicher Beschreibung liegt ein unzulängliches Medium, Sprache halt. Um so interessanter, dass der Spruch niemandem zugeordnet werden kann. Die Liste der vermeintlichen Urheber ist lang: Elvis Costello, Steve Martin, Frank Zappa, Lester Bangs, sogar Thelonious Monk wurde es zugeschrieben. Wer aber wirklich auf die Idee kam, Architekturtanz und Musikjournalismus zu vergleichen – es lässt sich wohl nicht mehr klären.

Warum also diese Überschrift? Weil es genau andersherum ist. Es ist nicht absurd, zu Fuhlbrügge zu tanzen. Im Gegenteil: Menschen zum Tanzen zu bringen, ist eins seiner Talente. Und über ihn zu schreiben, ist ebenfalls alles andere als absurd. Dafür hat er einfach schon zuviel gemacht. Folgerichtig sollte man auch zu Architektur tanzen können. Aber das ist ein anderes Thema.

1988 habe ich meinen ersten Fuhlbrügge-Ton gehört. „Kein Schulterklopfen“. Damals war er Gitarrist und Songschreiber bei Kolossale Jugend, die sich nach der epochalen ersten Platte der Young Marble Giants benannt hatte. „Kein Schulterklopfen“ war die Debütsingle. Über die Bedeutung der Kolossalen Jugend für die hiesige Musiklandschaft ist zwar schon viel, aber noch lange nicht genug geschrieben worden. Hier in Deutschland ist ja eh meist musikalischer Totentanz. Zwischen der guten, kurzen Phase des deutschen (aus Gründen der Einfachheit sagen wir mal:) Postpunk (Palais Schaumburg, Tödliche Doris, Plan, FSK, Zimmermänner, 39 Clocks, etc.) und dann wieder der Entwicklung der elektronischen Musik auf der einen Seite und der Indieschiene auf der anderen, also zwischen Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er, war es aber besonders tot.

Die Kolossale Jugend hatte das Glück (in Verbindung mit Vision und Leidenschaft) ziemlich alleine an einem Anfang von etwas Neuem dazustehen. Mit den großartigen Texten von Kristof Schreuf (der dieser Tage übrigens ebenfalls eine neue Platte veröffentlicht) und ihrem ungestümen Antipop-Geschredder war Kolossale Jugend die Band der Stunde. Außerdem hatten sie (via Band-T-Shirt) eine eindeutige Botschaft an das just wiedervereinigte Land: Halt’s Maul Deutschland!

Parallel zum Musikmachen schuf Fuhlbrügge gemeinsam mit Carol von Rautenkranz eine Plattform für Hamburgs Musikszene. Zunächst mit Veranstaltungen, später mit der Gründung des Plattenlabels L’Age D’Or. Darüber ist nun wiederum genug geschrieben worden, hören wir lieber eine weitere Musikerwahrheit: Der frühe Vogel fängt den Wurm nicht! Die Kolossale Jugend war nach zwei LPs zu Ende. Erfolg hatten Die Sterne, Blumfeld, also die nächste Generation. Pascal Fuhlbrügge dagegen entdeckte Synthie, Sampler und Sequencer. Mit Jimi Siebels gründete er Sand11, deren Definition elektronischer Musik es schaffte, gleichzeitig intellektuell und doch so zugänglich zu klingen, dass ihre Tracks noch heute gelegentlich TV-Reportagen untermalen.

Irgendwann am Anfang des neuen Jahrtausends lernte ich ihn dann kennen. Mit metroheadmusic for metroheadpeople, dem DJ-, Radio- , Labelprojekt, das ich ab Ende 1999 gemeinsam mit Freund Thore betrieb, legten wir auf einem Technofestival, dem Lovefield, auf. Es war herrlich. Wir waren sehr früh dran, spielten unsere Platten vor einer grünen Wiese. Die Sonne schien und ab und zu kam ein Verstrahlter vorbei, hörte ein paar Takte zu und zog weiter. Bei Pascals Laptop-Auftritt am Abend war es ganz anders. Da tanzte eine ordentliche Menge und auf dem staubigen Acker kam so etwas wie Club-Atmosphäre auf. Pascal hatte seinen Electronic Music Body dabei. Einen Retro-Roboter aus Pappe, der irgendetwas konnte. Winken oder so. Es war ein toller Abend.

Auch in dieser Zeit produzierte Pascal hervorragende Songs. „Don’t Hey Come On“ unter dem Alias Novack zum Beispiel. Oder „Wild Boys“ als The Why?, einem Projekt mit Jonas Poppe von Kissogram. Als metroheadmusic 2006 in der damaligen Form auseinanderbrach, erschien die erste Solo-CD von Pascal Fuhlbrügge, mit dem nüchternen wie guten Titel „CD1“. Ein Grund, mit metrohead kürzer zu treten, war der Überdruss an musikalischen Begrenzungen, die für ein solches Projekt zwingend sind (Tanzbarkeit zum Beispiel). „CD1“ ist vielleicht der beste Soundtrack zu diesem Gefühl: Neben rein elektronischen Dance-Tracks gibt es Bandimprovisationen und Versatzstücke von diesem und jenem. Gäste kommen und gehen. Kohärenz ist anders, aber Langeweile eben auch. Funktionieren kann so etwas nur, wenn ein vielseitiges musikalisches Gehirn dahinter steckt.

Und jetzt „enthusiasm“. Die Covergestaltung macht deutlich, wohin es geht. Weniger Spiel, mehr Konzentration. „H2O“ macht den Anfang. Ein kalt-warm vor sich hin -ähem- plätschernder Loop. Eine Melodie, verhalten aber hymnisch. Thomas Machmoud (Ex-Von Spar, auf einigen Stücken zu hören) setzt ein und singt: „I run in circles day by day“. Eine einfache melodische Basslinie folgt. Der Beat kommt dazu. Grandios! Und es geht so weiter.„Behalt die Stellung, kühl“, die erste Single, ebenfalls von Thomas Machmoud gesungen, hievt The Gist (ein Nachfolgeprojekt der Young Marble Giants) in die Gegenwart (mit einem seltsamen Text von Machmoud). „Draußen“ ist perfekte Theater-/Filmmusik. An einigen Stellen hört man Pascals Vorliebe für kosmische Musik, nur eben auf eine ganz eigene Art. In „Bigger Than This Town“ singt Elena Lange und Pascal ist nahe dran am Elektropunk geschulten Indietanz. Im Folgenden „Don’t ask“ ist er dann wieder ganz woanders: Hier schleppen sich die Fuhlbrügge-Sounds begleitet von einem fetten Bass durch Dub-Landschaften. Enden tut „enthusiasm“ mit der Langversion von „Draußen“, Philip Glass trifft Underworld, und ich werde an eine Kritik erinnert, die mal im Fanzine Howl zur Wipers-Legende Greg Sage geschrieben wurde: Das sei Musik, die immer kurz vor dem Orgasmus stehen bleibe (Underworld hätten eben irgendwann einen Beat reingehauen, nicht unbedingt zum Gewinn des Songs).

Wolfgang Frömberg schreibt in seiner Intro-Kritik: „enthusiasm“ wirke in sich geschlossener als „CD1“, „als habe sich ein sehr selbstbewusster Pascal Fuhlbrügge aus der Vermittlung zwischen dem ergeben, was ihn offensichtlich seit jeher umgibt und antreibt: tanzbare Ablehnung der Verhältnisse und die konzentrierte Hinwendung zum Guten.“ Ich habe diesen wohlklingenden Satz jetzt ungefähr dreihundert Mal gelesen und weiß immer noch nicht, was Frömberg damit meint. Beziehungsweise: Ich ahne, was er meint, aber bevor ich mich hier in Deutungen ergehe, tanze ich doch lieber ein wenig zu Architektur oder zur Ablehnung der Verhältnisse oder ich erfinde einen neuen Tanz für „enthusiasm“ (die nämlich gar nicht besonders tanzbar ist)!

Frömbergs Fazit ist wiederum deutlich und unbedingt zu teilen: „Mehr davon.“ Die CD erscheint Übermorgen, am Freitag, den 9. Oktober.

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3 Kommentare leave one →
  1. MartinS permalink*
    10. Mai 2010 10:30

    Eine neue Kritik zu „enthusiasm“: „… Es klingt nach dem etwas bemühten Versuch, Musik für andere Musiker zu machen, die versuchen funky zu werden.“ (Christopher Strunz in der taz vom 10. Mai).

    Auch kein schlechter Satz. Vielleicht fühlt sich die Kritik anlässlich des recht intellektuellen Sujets (enthusiasm) besonders herausgefordert. Nun. Wenn ich Musiker wäre – ich versuchte auch Musik für andere Musiker zu machen, die versuchen nicht mehr die Musik zu machen, die sie eigentlich machen. Man sollte sowieso viel öfter zehn Mal um die Ecke denken. Und außerdem erlaube ich mir zu „enthusiasm“ mal die Behauptung, dass es Pascal gerade darum ging nicht funky zu sein. Oder wenn dann anders funky. Eine Doppelkritik und ein Vergleich mit einem eher straighten Techno-Album (Dettmann), das auch im Club funktionieren soll, ist jedenfalls Äpfelundbirnenistisch.

Trackbacks

  1. Wortpong Review zu Enthusiasm « fuhlbrueggeblog
  2. april 15: pascal fuhlbrügge presents enthusisam « metroheadmusic for metroheadpeople

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