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Zufallspredigt Nr. 2: Über die gottlosen Heiden

4. März 2010

„Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten. Denn was man von Gott weiß, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, damit daß Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also daß sie keine Entschuldigung haben, dieweil sie wußten, daß ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden und haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere. Darum hat sie auch Gott dahingegeben in ihrer Herzen Gelüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst, sie, die Gottes Wahrheit haben verwandelt in die Lüge und haben geehrt und gedient dem Geschöpfe mehr denn dem Schöpfer, der da gelobt ist in Ewigkeit. Amen. Darum hat sie auch Gott dahingegeben in schändliche Lüste: denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen; desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selbst empfangen.“
Brief des Paulus an die Römer, 1,18, Neues Testament

Die Schöpfung ...

Hä?! Gleich bei Zufallspredigt Zwei zeigt sich der Nachteil dieses Formats. Diese zufällig ausgewählte Stelle aus dem Brief des Paulus an die Römer vereinigt nämlich in wenigen Worten einiges, was an der Bibel wirklich hätte besser gemacht werden können und macht erstmal schlechte Laune. Der Text ist äußerst unmodern formuliert. Und schlimmer noch: Hat man sich erstmal durch die verschachtelten Sätze mit ihren seltsamen Bildern gequält und vielleicht noch ein paar Hintergründe ergoogelt, kommt zum Vorschein, was Religionen im Allgemeinen und die christliche im Besonderen so richtig unsympathisch macht. Dogmatismus, der Anspruch auf die einzige und alleinige Wahrheit, die Gut-Böse-Dichotomie, die kein Geht-So kennt, Drohgebärden gegen alles, was nicht in die eigene Logik passt und, last but not least, Homophobie (mit den „Heiden“, über die Paulus hier spricht, sind die Griechen gemeint, von denen er zwar weiß, dass sie auch glauben, aber eben an das Falsche und deswegen hat der richtige Gott ihnen die „schändliche Lüste“ eingepflanzt. In den Auslegungen, die ich gefunden habe, ist von Pädophilie die Rede, hier aber steht „Mann mit Mann“).

Umso seltsamer, dass diese Passage des Neuen Testaments einige Beliebtheit genießt: Martin Luther (schöner Vorname!) hält sie für „das rechte Hauptstück des Neuen Testaments“ und für „tägliche(s) Brot für die Seele“. Für Calvin öffnet der Text „die Tür zu allen Schätzen der Heiligen Schrift“. Godet nannte ihn „die Kathedrale des christlichen Glaubens“. Und der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge hielt ihn für das tiefsinnigste Werk, das jemals geschrieben wurde. Zumindest letzteres ist dann doch arg übertrieben. Der oben zitierte Ausschnitt zumindest ist gar nicht so tiefsinnig. Glaubt an das Evangelium und Gott ist ok mit Euch. Glaubt nicht an das Evangelium und ihr habt Ärger mit Gott (falls es ihn gibt). Das Evangelium, hier: die Verkündung der frohen Botschaft Jesus Christus’, ist für Paulus Gottes „Wahrheit“. Wer sie glaubt, ist auf dem besten Weg der Rettung; wer nicht, irrt und ist gottlos. Letztere sind diejenigen, die „in ihrem Dichten eitel“ und „zu Narren“ geworden sind und die die „Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich (…) der Vögel und der vierfüßigen und kriechenden Tiere“ verwandelt haben.

... mal hässlich (wie hier in München) ...

Was man sich als Laie in Glaubensfragen an solchen Stellen immer wieder fragen sollte: Warum hat ein Gott überhaupt solche Typen geschaffen, die sich ihn anders vorstellen, als er vorgestellt werden möchte? Ich koche mir schließlich auch keine Innereiensuppe und beschwere mich hinterher, dass ich sie nicht mag. Außerdem: Was ist schlecht an Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren? Was ist schlecht an Eitelkeit und Narren? Sind nicht alle Geschöpfe Gottes Geschöpfe? Gleichzeitig fragt sich der Laie in Christenfragen natürlich auch: Wer ist eigentlich dieser Paulus, der den „Brief des Paulus an die Römer“ geschrieben hat? Ein über die Stränge geschlagener Eiferer?

Hier wird es interessant, denn Paulus ist ja auch heute noch bekannt wie ein bunter Hund und er ist eine Bestätigung der aus Zufallspredigt Nr. 1 gewonnen Erkenntnis: Ist die Bibel auch nicht immer gut, ist sie doch immer für eine interessante Geschichte gut. Paulus zum Beispiel hat seinen Weg ins menschliche Allgemeingut über ein Sprichwort geschafft. „Vom Saulus zum Paulus“ wandelt sich, wer eine 180-Grad-Wende zum Guten macht.

Paulus/Saulus wurde wahrscheinlich mit beiden Namen wahrscheinlich zehn Jahre nach Christi Geburt wahrscheinlich auf dem Gebiet der heutigen Türkei wahrscheinlich als Sohn vermögender Juden geboren. Sicher ist das alles nicht, aber gehen wir mal davon aus, dass es stimmt. Sicher ist: Das noch junge Christentum war damals alles andere als Mainstream und es wurde mit gar nicht zimperlichen Mitteln bekämpft. In der Verfolgung der Anhänger der neuen Religion tat sich ein Zeltteppichweber mit theologischen Ambitionen besonders hervor und der trug den Namen Saulus. Man sagt, dass er mit Wohlgefallen der Steinigung des Märtyrers Stephanus beiwohnte (und die Mäntel und Jacken der Vollstrecker des Todesurteils hielt – Henkers Kleiderständer). Nach dem Tod von Stephanus wurde Saulus nicht milder. Im Gegenteil: „Saulus verfolgte noch immer mit grenzenlosem Hass alle, die an den Herrn glaubten, und drohte ihnen an, sie hinrichten zu lassen.“ (Apostelgeschichte 9,1).

Wissen Sie warum die Wandlung von Saulus zu Paulus im Englischen eine „Road to Damascus Experience“ genannt wird? Weil Saulus’ Christenhass auf dem Weg nach Damaskus sein Ende fand. Dorthin war er mit seinen Männern unterwegs, um die lokale Christenverfolgung zu unterstützen. Auf dem Weg jedoch erschien ihm Jesus. Die Erscheinung machte ihm nicht etwa Vorwürfe. Sie fragte lediglich: „Warum verfolgst Du mich?“ Das beeindruckte Saulus, der sich fortan Paulus nannte, das Evangelium predigte und neben diesem und jenem auch den „Brief des Paulus an die Römer“ schrieb, der dann später in die Bibel aufgenommen wurde und über einen Teil desselben ich jetzt hier zufällig predige.

... mal hübsch (wie hier in der Metro von St. Petersburg).

Wie bereits gesagt: Ich finde die Schöpfung mittel. Auf den ersten Blick sieht alles ganz gut aus. Ein netter kleiner Globus mit Bäumen und Meeren und wuseligen Aktivitäten. Auf den zweiten Blick: Die Menschen sind aggressiv und dämlich. Die Tiere haben zum Teil ganz abscheuliche Eigenschaften und manche stinken. Und Pflanzen allein machen den Kohl auch nicht fett. Im Einzelhandel würde ich diese Welt wahrscheinlich wieder umtauschen. Das aber hindert die Welt und ihre Bewohner nicht daran, gelegentlich selbst kleine Schöpfungen zu schaffen, die wirklich makellos sind. Kleine Glücksmomente für alle. Der Sinn des Lebens! Das können selbstverständlich auch Heiden ganz gut. Wobei ich nicht ganz sicher bin, wie es sich mit dem Glauben von Joanna Newsom verhält. Ihr Ex-Freund Bill Callahan ist für eine der schönsten Platten des letzten Jahres verantwortlich. Sometimes I Wish We Were an Eagle. Darauf findet sich das knapp 10-minütige „Faith/Void“, auf dem Callahan mit sonorer Stimme sein Mantra wiederholt „It’s time to put god away“. Callahan glaubt also wohl eher nicht. Und Newsom? Man weiß es nicht. Aber wenn ihr Ex-Freund eine der schönsten Platten des letzten Jahres geschaffen hat, dann gelang dieses Kunststück der Harfenistin Joanna Newsom in diesem Jahr. „Have One On Me“, das dritte Album Newsoms, liegt zwischen dem stilistisch strengem „Ys“ und dem Debütalbum. Drei Alben in einer schicken Box, 124,08 Minuten toller Musik, nicht vergleichbar mit irgendetwas, was ich sonst mag. Kate Bush sagen manche, Björk andere. Aber beides trifft es nicht. Die Plattenfirma Drag City hat dankenswerterweise ein paar Songs zum Vorhören bereitgestellt, die jetzt im Internet herumwirbeln. Hören Sie sich „Good Intentions Paving Company“ an und gehen Sie dann in den nächstgelegenen Plattenladen. Gute Schöpfung soll belohnt werden.

Bevor jetzt das Amen kommt, muss ich noch etwas loswerden. Ich schrieb bereits an anderer Stelle über „The Idler“. Jetzt habe ich die aktuelle Ausgabe „Smash The System“ gelesen und was soll ich sagen: Würde ich eine Religion gründen wollen, „The Idler“ die dazugehörige Bibel. Wenn ich jetzt anfangen würde, auf die einzelnen Inhalte einzugehen, wäre ich übermorgen noch nicht fertig. Aber allein Dominic Frisbys Plädoyer für eine erneute Kopplung der Zahlungsmittel an Gold „Follow The Yellow Brick Road“ ist die Anschaffung wert. Kurz zuvor erläutert die Dichterin Yahia Lababidi in „On Silence“ die Vorzüge des Schweigens. Und das sollte nun auch dem Verfasser dieser geschwätzigen Predigt in diesem noch geschwätzigeren Medium zu denken geben. Öfter mal schweigen! Das tue ich jetzt. Bis zum nächsten Mal.

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2 Kommentare leave one →
  1. Doozer permalink*
    12. März 2010 06:55

    Wow! Da war nun wirklich alles drin – ein schöner Text, der hoffentlich ebenso zahlreiche wie regelmäßige Fortsetzungen findet. Mein Lieblingssatz ist jener, der als Schöpfungs-Gleichnis in die Blog-Geschichte eingehen wird:

    „Ich koche mir schließlich auch keine Innereiensuppe und beschwere mich hinterher, dass ich sie nicht mag.“

    Wie gesagt: Wow!

  2. MartinS permalink*
    29. April 2010 12:22

    Oh, der im letzten Absatz gelobte Artikel von Dominic Frisby ist jetzt auf seiner Website nachzulesen (und anzuhören). Unbedingt machen. Hinterher alle Euros in Zahngold umtauschen.

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