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Goetzmäßig kaputtlustig

19. Februar 2010

Mein Lesezeichen für das letzte Buch von Rainald Goetz, loslabern“, war eine Postkarte der Künstlerin Fehmi Baumbach. „My head is a bubble with interesting trouble“ – so lautet der Titel der abgebildeten Collage. Die Karte war zufällig ins Buch geraten. Nach der Lektüre aber kann ich sagen, keine Postkarte der Welt könnte besser zu diesem Goetz-Buch passen. Lesenswerte Gestörtheiten findet man zwar in den Köpfen der meisten Menschen, aber diese in Worte zu fassen – das macht im im deutschsprachigen Raum gerade keiner schöner als Rainald Goetz.

Und zwar schon ziemlich lange. 1976 begann er journalistisch zu arbeiten, 1983 schlitzte er sich bei seiner Lesung anlässlich des Bachmann-Wettbewerbs die Stirn auf und damit und dem Debutroman „Irre“ hatte Deutschland seinen neuen Generationsschriftsteller. Mag sein, dass sein ungefähr zeitgleich gestarteter Intimfeind Joachim Lottmann, der Goetz einst zur Schöpfung des schönen Adjektivs „lottmannhaft kaputt“ inspirierte, den ersten Poproman geschrieben hat. Mag sein, dass Stuckrad-Kracht die ersten waren, die damit die große Mark machten. Mag sein, dass der Theoriethron schon von Dierich Diederichsen belegt war. Goetz aber, der auch für das Zentralorgan der Popintelligenzija „Spex“ schrieb, war derjenige, mit dem die End70er-Früh80er-Popkultur ihren Weg in die literarische Hochkultur fand.

Auch von Fehmi Baumbach und fast noch schöner: das Bild "Superköpfe"

Meine Eignung, irgendetwas über Goetz zu schreiben, geht eigentlich gegen Null. Ich mochte ihn nie besonders und weiß nicht einmal genau wiesoweshalbwarum. Da kommt wohl einiges zusammen: Wenn ein promovierter Mediziner sich bei einer Lesung die Stirn anschneidet, ist das Risiko doch sehr kalkuliert (und der Akt sehr auf Effekt ausgerichtet). Und wie das Stirnanschneiden so auch die Sprache: brachial, auf Effekt gebürstet, geringer Humorquotient – das war nie so recht meine Tasse Tee. „Kontrolliert“, sein Roman über den Deutschen Herbst, steht immer noch ungelesen im Regal.

Film: Rainald Goetz, Klagenfurt, 1983
Rainald Goetz ritzt sich die Stirn auf

Das Goetz-Verhältnis hat sich erst geändert, als ich sein erstes Internet-Tagebuch „Abfall für Alle“ verfolgte. Diese kurzen Reflektionen, mal über das eigene Leben, mal über Politik, Philosophie, Geschichte, Kulturkram, waren schlau. In der Folge mochte ich dann „Celebration“ und „Rave“, weil es die ersten Versuche waren, eine ganz andere Generation der Popkultur, Techno nämlich, in Worte zu fassen. Und jetzt also „loslabern“.

„Prost ist das schönste Wort auf Erden, ich weiß nicht, was es heißt, aber es bewirkt Gutes unter den Menschen, die sich ihm anvertrauen.“ Dieser Satz steht auf Seite 163 und er ist so großartig in seiner pathetischen Menschenfreundlichkeit, dass die Seiten davor auch hätten leer sein können – das Buch wäre trotzdem ein gutes. Umso besser, dass die 163 Seiten zuvor auch gut sind. Was Rainald Goetz in „loslabern“ skizziert, ist ein Sittenbild der Zeit der Finanzkrise, also des Menschen inmitten seines selbst geschaffenen, irrsinnigen, unbegreiflichen Systems. Die Skizze entsteht anhand von drei Party-Beschreibungen, die mit Reflektionen, skizzenhaften Aufzeichnungen, Artikelausschnitten durchsetzt sind. Und immer wieder geht es dabei um den Autor und sein Verhältnis zum Schreiben und zur Wirklichkeit. Dass Goetz dabei auf Lottmann zu sprechen kommt, passt ausgezeichnet. In „loslabern“ sind sich beide näher als je zuvor. Goetz beschreibt seine drei sozialen Begebenheiten mit einer Mischung aus Erfindung und Realismus, die derjenige, der nicht dabei war, nicht auseinander halten kann. Und deswegen ist die Angst des Goetz’schen Alter Egos vor Lottmann auch die Angst der anderen vor Goetz: „Wahrscheinlich (…) haben die Leute vor mir genau dieselbe Angst, wie ich sie vor Lottmann habe, die Angst vor Lüge, die Angst, Figur zu werden, die Angst, missbraucht zu werden.“ Und genau genommen sind die Goetz-Figuren noch ärmer dran. Während Lottmanns Semirealität offenkundig von Ironie durchtränkt ist, seziert Goetz seine Figuren mit der gleichen Präzision und Humorlosigkeit (wobei das Buch manchmal tatsächlich sehr lustig ist) wie sich selbst, die Politik, den Kulturbetrieb. Gut, dass er sich selbst nicht schont, sonst könnte das ganze ins Unsympathische kippen. Außerdem ist der Goetz, der über die eigenen Sozialstörungen sinniert mindestens ebenso gut wie der Goetz, der Rebecca Casati nach Strich und Faden in den Boden rammt. Der Kopf von Rainald Goetz also: “a bubble of interesting trouble”. Sehr lesenswert, das gar nicht losgelaberte „loslabern“.

„My head is a bubble of interesting trouble“ heißt übrigens auch das Buch von Fehmi Baumbach, das in Kürze im Ventil Verlag erscheinen wird. Das ist sicherlich mindestens ebenso interessant, wenn auch ganz anders. Hoffentlich sind die hervorragenden Superköpfe, die diesen Artikel illustrieren, auch drin.

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2 Kommentare leave one →
  1. MartinS permalink*
    30. April 2010 10:31

    P.S.: Nachdem ich nun endlich dazu gekommen bin, den Goetz-Auftritt bei Harald Schmidt zu sehen, müsste ich eigentlich große Teile da oben umschreiben. Aber das spare ich mir. Wer also die Wahrheit über loslabern hören möchte, schaue sich einen sehr sympathischen Rainald Goetz zu Gast bei Schmidt an.

  2. MartinS permalink*
    10. Juni 2010 15:10

    Der Vollständigkeit halber sei auf den schönen Kommentar des Umblätterers zum Goetz-Auftritt bei Schmidt hingewiesen: „Dann sind 10 Minuten rum, die letzte Minute ist Ausklang, Overhead, Blumengirlanden, danke schön, bis dahin. Schmidt: »Sie könnten ja mal wiederkommen, länger.« Und Goetz lacht sich kaputt …“

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