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Wenn Schöngeister im Moloch flanieren gehen

30. November 2009

Roger Willemsen war neulich verreist. Nicht nach Afghanistan, nicht durch Deutschland, dieses Mal hat es ihn nach Bangkok verschlagen. In der thailändischen Metropole trieb er sich drei Monate lang mit seinem Freund, dem dort lebenden Fotografen Ralf Tooten herum und beschreibt in seinem neuesten Buch diese nächtlichen Streifzüge. Bangkok ist ein Moloch und Herr Willemsen ein schöngeistiger Intellektueller, der hindurch flaniert. Er beguckt sich alles ganz genau oder vielmehr so genau, wie er grad Lust hat und es nicht allzu unangenehm wird. Dann wird alles in hübsche, kluge, teils auch schwülstig wabernde Worte gepackt und weiter geht’s. Manchmal ist das toll und beeindruckend und als Leser geht man gern mit ihm durch die Stadt spazieren. Manchmal ist das hochnotpeinlich und ziemlich bescheuert, dann möchte man sich an die Seite stellen und so tun als habe man damit nichts zu tun. Und manchmal möchte man dableiben, wenn Roger Willemsen schon schwadronierend weiterflaniert.

Mir persönlich fehlen an dem Buch die echten Begegnungen. Roger Willemsen reduziert Bangkok auf Ladyboys und „Mädchen“, von denen er immer wieder schreibt. Er scheint immer ein bisschen aufgeregt, wenn er ihnen begegnet, versucht aber dabei cool zu bleiben, schließlich ist er ja der deutsche Dichter und Denker und keiner von den schmierigen Touris, die er so abfällig nebenbei beschreibt. Als Freier geht er aber trotzdem manchmal mit, schildert zwar den Vollzug nicht, ist ja schließlich alles nur wegen der Recherche, aber weiß man’s?

Keine Frage, er kann schreiben, er kann beobachten und das Buch ist keineswegs grottenschlecht. Aber eben auch nicht wirklich gut. Wo bitteschön sind die Menschen, die hinter den Begegnungen stecken? Weder der Autor, noch die Beschriebenen kommen mit ihren wirklichen Gefühlen, Motiven, Geschichten ins Bild. Alles bleibt vage, verschwommen, ausschnitthaft und deshalb beliebig. Es nervt zudem ein bisschen, dass die Stadt dermaßen auf Sex und Dreck und ein bisschen Glitzer beschränkt bleibt. Nirgendwo wird die thailändische Kultur oder gar Seele deutlich. Wenn Willemsen die Mahuts, die Elefantenführer besucht an ihren geheimen Schlafplätzen, dann freut man sich als Leser auf das, was er dort sieht, was er von den Menschen zu hören bekommt über ihren Alltag, ihre Ängste, Hoffnungen, Träume, whatever. Stattdessen wieder ein bisschen Beschreibung und selbstverliebtes Geschwafel und weiter geht’s. Schade. Ich hätte gern mehr gewusst über die schwangere Masseurin, über die Elefantenführer, die Reichen, die Armen. Oder darüber, warum es nicht gelungen ist, mit ihnen in ein wirkliches Gespräch zu kommen, warum die kulturellen Unterschiede es unmöglich machten oder was auch immer.

Die Bilder von Ralf Tooten sind prima, aber auch sie haben meist eine seltsame Distanz und erzählen keine Geschichten, sondern zeigen ebenfalls nur die Ausschnitte eines Augenblicks, von dem man gern mehr erführe.

Egal. Bangkok ist ein Moloch, eine schwer zu fassende Stadt. Vielleicht ist es den beiden Machern des Buches trotz aller guter Bemühungen schlichtweg nicht besser möglich gewesen. Schließlich sind die Farangs, Fremde, und da ist es immer schwierig, ganz nah ran zu kommen. Sie werden immer Außenstehende bleiben und den Blick der Fremden nicht ablegen können. Von daher ist diese Kritik vielleicht ein wenig unfair. Wobei ich wahrscheinlich auch deshalb ein bisschen streng bin, weil Suketu Mehta mit „Bombay: Maximum City“ die Messlatte derart hoch gelegt hat, dass es ohnehin jedes andere Buch über jede andere Stadt schwer haben wird.


Ich war übrigens auch mal verreist. Und wie es der Zufall will, flanierte auch ich durch Bangkok. Aber mit gänzlich anderem Ziel als schöngeistiges Geschwurbel daraus zu machen. Ist schon eine Weile her. Hier mein kleiner Tatsachenbericht von damals.

Shopping

An der Ratchatewi Road halte ich ein Taxi an. „Patpong“, keuche ich und bin einen Moment froh, der drückenden schmutzigen Hitze entkommen zu sein. Doch schon im nächsten Moment fange ich an zu zittern, denn wie alle Taxis in Bangkok ist auch dieses ein fahrender Eisschrank. Ich frage den Fahrer, ob er die Klimaanlage ein wenig runterdrehen kann. Er versteht mich nicht. Ich gestikuliere und versuche mimisch darzustellen, dass mir kalt ist. Er lacht mich zahnlos an und nickt. Aber wärmer wird es nicht.

Eine halbe Stunde später steige ich in Patpong aus. Auf dem neonhell erleuchteten Night Market drängeln sich Touristen und Thais, Transvestiten und Nutten, schwäbische Reisegruppen, rotgesichtige Engländer.

Dicht gedrängt säumen Verkaufsstände in mehreren Reihen die enge Straße. Gucci, Prada, Donna Karen. „Yes, Original! Trust me.“ versichern die Verkäufer. „How much?“ ich halte ein T-Shirt hoch, die Verkäuferin sagt einen Preis, ich lasse es angewidert fallen „No, too much!“ Bevor ich weiter gehen kann, hält sie mich am Arm fest: „How much you want pay? Madam, I give you good price!“, fleht sie. Wir werden uns einig, obwohl sie mir versichert: „This price me ruin!“

So geht das noch einige Male und wenig später bin ich beladen mit Tüten. Dieses blöde Handeln. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Wenn ich überlege, dass ich gerade das ausgegeben habe, was ein Thai in einem ganzen Jahr nicht verdient.

Am nächsten Tag in der MBK Shopping Mall. Sechs Stockwerke voller Läden und Ständen und Unmengen von Menschen. In einem Schuhladen scanne ich das Sortiment. Eine eifrige Verkäuferin will mir ein Paar Miu Miu Schuhe andrehen. „Made in Thailand?“ frage ich, aber sie winkt entschieden ab: „No, Madam! No Thailand. Made in Vietnam!“ Ich muss lachen. Ob sie das tatsächlich für ein Qualitätsmerkmal hält? Ein paar Meter weiter sehe ich dasselbe Paar Schuhe, diesmal steht Chanel drauf. Man i st eben flexibel in Asien. „Same same, but different“

Neben dem Eingang stehen die Geisterhäuschen des Einkaufszentrums. Bevor die Menschen das Portal zum totalen Shopping Overkill durchschreiten, hängen sie Blütenketten an die Häuschen und stellen den Geistern Getränke und Lebensmittel hin. Vollgestopft mit Coke und Schokoriegeln wachen die Geister über die heiligen Hallen der Kaufwütigen.

Im sechsten Stock stolpere ich in einen Massage Salon und lasse mich in einen der weichen Sessel fallen. Ein hübsches Mädchen in rosafarbenem Kittel knetet hingebungsvoll meine Füße, während sie mit ihrer Kollegin die Soap Opera im dröhnend lauten Fernseher zu kommentieren scheint.

Nach einer Stunde mache ich mich wieder auf zum Shopping Marathon. Im SevenEleven suche ich nach Body Lotion. Es gibt ungefähr acht Sorten, auf allen wird die Eigenschaft „Whitening“ gepriesen. Das will ich nicht haben. Ich fliege doch nicht tausende von Kilometern und riskiere Hautkrebs, um dann meine mühsam erarbeitete Bräune durch Bleichlotion zunichte zu machen. Ratlos stehe ich vor den Regalen und wende mich dem Knabberkram zu. Ich greife wahllos ein paar Tüten mit getrocknetem Obst. Zumindest denke ich, dass es Obst sein muss. Obwohl die Bilder keinen wirklichen Aufschluss über den Inhalt bieten. Ideale Mitbringsel für die Lieben daheim. Bunt bedruckte Packungen mit exotischen Trockenfrüchten. Dass jede einzelne davon schmeckt wie gesalzene Schuhsohle, werde ich erst viel später feststellen, wenn ich wieder zu hause bin.

Ich habe Hunger und will mich für die Schnäppchenjagd an einem Straßenstand stärken. Es blubbert und brodelt aus zahlreichen Töpfen. Der Verkäufer lächelt mich strahlend an. Ich starre hilflos auf das Sortiment und wüsste zu gern, was was ist. Er kann mir nicht helfen. Ich deute auf irgendwas und sage „Mai pet“ nicht scharf. Der Verkäufer wirft einen amüsierten Seitenblick auf seine Frau, beide kichern. Wenig später halte ich einen Pappteller mit seltsamem Zeugs in der Hand. Schmeckt erstaunlich gut, ich habe keine Ahnung, was ich da esse, während ich auf einem wackeligen Hocker auf dem Gehsteig sitze, vorbeihuschende Kakerlaken beobachte und die flehenden Blicke eines haarlosen Hundes mit drei Beinen zu ignorieren versuche.

Ein paar Meter weiter bietet eine alte Frau Flip Flops feil. Ein paar Touristen handeln mit Händen und Füßen. Die Alte lacht und steckt ein paar Baht-Scheine in ihre Tasche. Die Touristen kommen nicht weit. Ein Mann redet wenige Schritte weiter auf sie ein. Einer von den Juwelen-Händlern vielleicht. Die versprechen einem Riesen-Gewinne, wenn man in der Edelsteinfabrik des Schwagers riesige Mengen Funkelzeugs kauft. Natürlich ist das alles billiger Ramsch und seit Jahren warnen sämtliche Reiseführer eindringlich vor solchen Käufen. Trotzdem fallen jedes Jahr erstaunlich viele Gutgläubige darauf herein. Auch diese beiden steigen in das TukTuk, das der gutgekleidete Herr ihnen heranwinkt. Einen Moment verspüre ich den Impuls, aufzuspringen und sie zu warnen, aber ich bin zu erschöpft vom Geldausgeben. Ich werfe dem dreibeinigen Hund einen Bissen Irgendetwas zu, den er gierig verspeist. Gegenüber wartet ein anderer Glitzertempel mit verlockenden Angeboten auf mich. Aber als ich die achtspurige Straße überquert habe, beschließe ich, dass es bis morgen Zeit haben muss.

Ich winke mir ein Taxi. Das dreißigste hält endlich an. Erschöpft falle ich auf die kalten Kunstledersitze. Ich zerre irgendeinen Pulli aus meinen Einkaufstüten. „You cold?“ fragt der Fahrer. Ich zucke die Schultern. „Mai pen lai.“ Mir egal. Ich will ins Hotel, MTV Asia anschalten und den Shopping Moloch da draußen vergessen. Zumindest bis morgen. Und dann fahre ich weiter in den Süden, an den Strand, wo es keinen einzigen Laden gibt.

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