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100 GUTE GRÜNDE AUS DEM LEBEN ZU SCHEIDEN: DAS ENDE DES KRÖTENKÜSSERS

27. November 2009

Folge 4: Paul Kammerer
Biologie ist der neue Rock’n’Roll. Und das war sie auch vor 1000 Jahren schon, was nur damals wie heute niemandem aufgefallen ist. Kein Wunder! Um Vielseitigkeit, Wildheit und Crazyness der Biologie zu verstehen, bedarf es eben etwas mehr als sechs Saiten und dreieinhalb Akkorden. Nun denn, setzt man also voraus, dass Biologie der neue Rock’n’Roll ist, dann ist Paul Kammerer so etwas wie ihr Lemmy Kilmister, Jimi Hendrix, John Lennon, Malcolm McLaren und Van Dyke Parks in einem. Also einer der zwischen Exzentrik, Genialität, Rebellentum und Pop-Appeal alles abdeckt, was das Leben lebenswert macht. So einen Teufelskerl wie Paul Kammerer muss der Rock’n’Roll erst noch erfinden. Leider ist Kammerer im Alter von 46 Jahren freiwillig von uns gegangen. Wie es dazu kam, erzählt Ihnen dieser Beitrag in unserer beliebten Rubrik „100 gute Gründe, aus dem Leben zu scheiden“.

Vorgeschichte
Schon das Kind Kammerer ist fasziniert von Reptilien aller Art. 1880 in Wien geboren, interessiert sich der Junge weniger für die drei Halbbrüder als für Kröte, Frosch und Salamander. Mit 19 Jahren schreibt er sich an der Universität Wien für ein Zoologiestudium ein und noch während er studiert, übernimmt er einen Job bei Hans Przibram, der im Prater das weltberühmte „Vivarium“ aufbaut, und dem ein Mitarbeiter fehlt, der „dem Kleingetier die Anstalt wohnlich machen soll“. Wenn der Ausspruch vom Topf, der seinen Deckel findet, in Hinblick auf Lohnarbeit jemals wie die Faust auf’s Auge gepasst hat – dann ja wohl hier! Kammerer macht sich an die Arbeit, das Getier ist glücklich und der Arbeitgeber auch: „In ihm steckte eine Anlage zur musikalischen Betätigung und ein Großteil Künstlernatur ebenso wie die Fähigkeit zur genauesten Naturbeobachtung und insbesondere eine Liebe zu allen lebendigen Geschöpfen, die ich sonst noch an keinem anderen gesehen habe. Hier lag der Angelpunkt seines ganzen Wesens.“

Die Geburtshelferkröte, über die Kammerer stürzte, also ein Exemplar mit Brunftschwielen

Wie Hans Przibram schon andeutet, ist die andere große Leidenschaft Kammerers die Musik. Er nimmt Klavierunterricht, komponiert sogar, schreibt Musikkritiken und ist ein glühender Verehrer von Gustav Mahler. Als dieser 1911 stirbt, schreibt Kammerer an die Witwe, die Femme Fatale Alma Mahler: „Es ist unbegreiflich, wie man jemanden ohne sexuelle Unterströmung, ohne verwandtschaftliche und eigentlich sogar ohne äußerlich ausgesprochene freundschaftliche Bande so lieb haben kann wie ich Mahler. Denn das war und ist nicht nur Verehrung, Begeisterung für Kunst und Person, das ist Liebe!“ Kammerer, mittlerweile verheiratet, eine Tochter (hört auf den Namen Lacerta = Eidechse), habilitiert, ein angesehener Biologe, in besten Wiener Kreisen verkehrend, liebt allerdings nicht nur den toten Herrn Mahler sondern auch die höchstlebendige Witwe Mahler: „Im Beisammensein mit ihr sammelt sich die potentielle Energie, welche nachher als kinetische Energie frei wird.“ So liebt der Naturwissenschaftler.

Paul Kammerer macht Alma Mahler, deren Biologiekenntnisse in etwa so groß gewesen sein dürften wie das Wissen der Geburtshelferkröte über den Kontrapunkt, sogar zu seiner Assistentin. Seine Verehrung der schönen Witwe nimmt gelegentlich seltsame Züge an – jedenfalls wenn man den Schilderungen Alma Mahlers glaubt, über die ihre Freundin Marietta Torberg sagt: „Sie war eine große Dame und gleichzeitig eine Kloake.“ Die besagte Kloakendame nun beschreibt Kammerers Zuneigung wie folgt: „Wenn ich von einem Sessel aufstand, kniete er nieder und beroch und streichelte den Sesselplatz, auf dem ich gesessen war. Es war ihm dabei ganz egal, ob Fremde im Raume waren, oder nicht. Er war auch durch nichts von solchen Extravaganzen, deren er in Fülle hatte, abzuhalten.“ Mehrfach droht Kammerer, sich am Grabe Gustav Mahlers zu erschießen, sollte Alma seine Liebe nicht erwidern. Doch am Ende ist es nicht die Kloakendame, die ihm seinen Lebenswillen raubt. Es sind die Brunftschwielen der Geburtshelferkröte:

Grund des Ganzen
Paul Kammerers großes Thema ist die Vererbung. In dem Experiment, das ihn berühmt macht, weist er nach, dass auch erworbene Eigenschaften vererbt werden können. Anders als einige ihrer Artgenossen, pflanzt sich die Geburtshelferkröte an Land fort. Kammerer nun überhitzte ein Terrarium, damit es den Kröten an Land zu warm wird und sie ins Wasser flüchten. Der Plan geht auf und wie ihre Artgenossen ziehen die Geburtshelferkröten ins Wasser. Auch der Fortpflanzungsakt wird dorthin verlegt. Dieser allerdings gestaltet sich am Anfang schwierig, weil den Geburtshelferkrötenmännchen etwas fehlt: Brunftschwielen an den Flossen, damit sie sich beim Geschlechtsakt am Weibchen festhalten können. Nach einer Weile entwickeln die Kröten Brunftschwielen, was an und für sich noch nichts Besonderes ist – ein Maurer entwickelt schließlich auch mehr Schwielen als ein Kabarettist. Aber, und nun kommt es: Nach ein paar Generationen des Im-Wasser-Vögelns werden die Brunftschwielen vererbt! Sensation in Biologenkreisen, denn hier hat einer Darwins Zufallsprinzip mit Lamarcks systematischer Vererbungslehre widerlegt! Das Getier der Erde, inklusive Mensch, ist also doch nicht nur den Launen von IRGENDWAS ausgesetzt, sondern kann gestaltend tätig werden!

Kammerer ist so begeistert, dass er dankbar eine seiner Kröten küsst – so kommt er zu seinem Spitznamen. Er hält Vortrag um Vortrag, die New York Times berichtet mehrfach über ihn und feiert ihn als „nächsten Darwin“. Er reist nach New York, London, Cambridge, Yale und wir allerortens gefeiert. Alles entwickelt sich prächtig, bis Kammerer Besuch von einem Kollegen bekommt. Der Reptilienkundler Gladwyn Noble ist skeptisch. Er lässt sich nicht nur die Fotos von den vererbten Brunftschwielen zeigen; er will auch das präparierte Vorderbein sehen. Sein daraufhin veröffentlichter Artikel in der Zeitschrift „Nature“ ist der Anfang vom Ende: Noble hat herausgefunden, dass Tinte in das Bein gespritzt wurde, um die Vererbung vorzutäuschen. Die Brunftschwielen stellen sich als plumpe Fälschungen heraus!

Bis heute weiß keiner genau, ob dies eine Verschwörung, ein Missverständnis oder die Wahrheit ist. In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die Kammerer rehabilitieren möchten. Doch ganz geklärt ist das Problem noch nicht. Hierzu noch einmal Hans Przibram: Kammerers vorbildlicher Umfang mit Tieren sei „(…) nicht unbedingt ein Vorteil, denn der Hauptwert der experimentellen Methode besteht gerade darin, daß unter gleichen Versuchsbedingungen immer wieder dieselben Resultate erzielt und bei Nachprüfung bestätigt werden können. Gelingt es dem Nachuntersucher nicht, die Tiere ebensolange oder ebenso viele Generationen hindurch am Leben zu erhalten wie dem ersten Beobachter, wie soll dann eine Nachprüfung zu einer Bestätigung und dadurch Sicherheit der Befunde führen?“ Und bis heute ist es niemandem gelungen, Amphibien über mehrere Generationen hinweg am Leben zu halten.

Dem unglücklichen Kammerer nützt das alles nichts mehr. Przibram, der von der Unschuld seines Zöglings überzeugt ist, mutmaßt, dass es ihm unmöglich sei, „nochmals dasselbe zum Überdruss zu wiederholen, dieselben Versuche, denselben Anfeindungen ausgesetzt“. Kammerer erhält zwar eine Einladung der Moskauer Akademie, um dort seine Forschungen fortzusetzen. Doch am 22. September 1926 schreibt er der Akademie einen Brief.

Die Tat
„Ich sehe mich außer Stande, diese Vereitelung meiner Lebensarbeit zu ertragen und hoffentlich werde ich Mut und Kraft aufbringen, meinem verfehlten Leben morgen ein Ende zu setzen“, steht darin. Am Vormittag des folgenden Tages wandert Kammerer vom Hotel „Zur Rose“ in Puchberg bei Wien hinauf zum Schneeberg. Am Theresienfelsen lehnt er sich rücklings ans Bergmassiv, zieht einen Revolver aus der Tasche. Den Revolver in der rechten Hand schießt er sich in die linke (!) Schläfe. Am 23. wird der Leichnam von Spaziergängern gefunden. Bei ihm ein Zettel: „Dr. Paul Kammerer ersucht, nicht nach Hause gebracht zu werden“. Er bittet um „Verwertung im Seziersaal eines akademischen Universitätsinstituts. (…) Vielleicht finden die werten Kollegen in meinem Gehirn eine Spur dessen, was sie an lebenden Äußerungen meiner geistigen Tätigkeit vermissten.“

Unsterblichkeitsfaktor
Unsterblichkeitsfaktor? Tja, der wird wohl im Wesentlichen von den Brunftschwielen der Geburtshelferkröte abhängen. Oder davon, ob die Biologie in Zukunft den Rock’n’Roll ablösen wird. Aber ist Unsterblichkeit überhaupt wichtig? Sind nicht auch die Bedeutendsten von uns nur ein Körnchen stinkender Schrott angesichts der Unendlichkeit? Eben!

Fazit
Brunftschwielen! Allein für dieses Wort ist Kammerer ein klarer Favorit in unserer kleinen Suizid-Reihe!

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