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100 GUTE GRÜNDE AUS DEM LEBEN ZU SCHEIDEN: PARANOIA, DROGEN, DEPRESSIONEN UND FALSCHE SEXUALITÄT ZUR FALSCHEN ZEIT

22. Oktober 2009

Folge 2: Joe Meek
Ein Cocktail aus Paranoia, Drogen, Depressionen und der falschen sexuellen Präferenz zur falschen Zeit – gegen diese nachgerade elefantöse Suizidursache ist der Kleist’sche Lebensüberdruss gerade mal eine Amöbe. Unser heutiger Selbstmord der Woche zeigt, wie man sich auf absolut unmögliche Art und Weise aus einer absolut unmöglichen Situation verabschiedet.

Vorgeschichte
Die eiserne Lady, Maggie Thatcher, war sicherlich nicht für ihre Affinität zur Popkultur bekannt. Umso überraschender ist es, dass sie die Frage nach ihrem Lieblingslied mit „Telstar“ von den Tornados beantwortete. Also mit der ersten UK-Single, die es auf den ersten Platz der amerikanischen Hitparade schaffte. Produziert wurde „Telstar“ von Joe Meek, den Musikarchäologen im selben Atemzug mit Phil Spector nennen – was Innovation und Experiment im Produktionsverfahren anbetrifft. Warum „Telstar“? Warum das bekannteste Vermächtnis eines paranoiden Homosexuellen, der Speed & Downers konsumierte, eine ordentliche Depression pflegte, von Zeitgenossen als genial und exzentrisch beschrieben wird und dazu mit einem Hang zum Okkultismus ausgestattet war? Wir wissen es nicht, aber F&M Publications bietet eine interessante Erklärung an:

“In a nutshell there is the Thatcher ethos at home and abroad; British ingenuity and small business chutzpah is appreciated in America but strangled by the envious French. The whole of her foreign policy was guided by such instincts.”

Das ist eine interessante Erklärung für die britische Außenpolitik unter Thatcher, aber zurück zu Meek (und zur Frage, wie die eifersüchtigen Franzosen ihn erdrosselten): Joe Meek war ein Ausnahmetalent. Schon als Kind stopfte er den Garten der Eltern mit allerhand elektrischem Zeug voll und ein kurzer Job bei der Royal Airforce, wo er den Radar bediente, löste die Faszination für alles Außerirdische aus, die ihn sein Leben lang begleitete. Nach ein paar Umwegen landete er schließlich bei der Musik und hatte mit dem „Bad Penny Blues“ von Humphrey Lyttelton seinen ersten Erfolg (übrigens ein prägendes Musikerlebnis des jungen Bryan Ferry, und der Song, dessen Piano-Intro später von den Beatles für „Lady Madonna“ recycelt wurde). Den Wünschen Lytteltons zuwiderhandelnd, modifizierte Joe Meek den Pianosound und wendete ein bislang ungehörtes Kompressionsverfahren an. Der Song wurde ein Hit.

Anfang der 1960er Jahre bezog Meek ein eigenes Studio in einer 3-Zimmer-Wohung über einem Lederfachgeschäft im Londoner Stadtteil Islington und produzierte von dort aus einige Hits mehr, der größte darunter: „Telstar“, die bekanntesten Künstler: Tom Jones, Screaming Lord Sutch, Petula Clark, Shirley Bassey, Tommy Steele und Chris Barber. Rod Steward wurde aus dem Studio geworfen, nachdem Meek seine Stimme gehört hatte; David Bowie wollte Meek ebenso wenig produzieren wie die Beatles („just another bunch of noise, copying other people’s music“). In dem heute legendären Studio in 304 Holloway Road begann die große Karriere von Joe Meek und dort spielte sich auch die große Tragödie seines Endes ab …

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Die Zeitung am Tag danach

Die Tat
Den Vormittag des 3. Februars 1967 nutzt Joe Meek, um Briefe und verschiedene Unterlagen in der Badewanne zu verbrennen. Damit fertig, drückt er seinem Assistenten Patrick Pink einen Zettel in die Hand: „I’m going now. Goodbye.“ Er bittet Patrick Pink, die Vermieterin zu holen, zettelt einen handfesten Streit mit ihr an, greift im Verlauf des Streits zu einer Schrotflinte und erschießt zuerst die Vermieterin (sie fällt die Treppe hinab, direkt vor die Füße des Assistenten), dann sich selbst erschießt. Die Vermieterin, Mrs. Violet Shenton, hinterlässt Mann und Kind. Joe Meek, zum Zeitpunkt des Todes 37 Jahre alt, hinterlässt 45 Top50 Hits und 67 Teekisten mit rund 3000 Bändern, auf denen ca. 5000 Aufnahmen archiviert sind. Fünf davon gehen an ein Waisenhaus, wo die Bänder überspielt werden, elf verrotten bei Joes Bruder. Die restlichen 51 werden gerettet.

Grund des Ganzen
Joe Meeks Leben war 1967, da gibt es wenig zu beschönigen, ein einziger Misthaufen. In den Jahren vor der Tragödie, begann sein Ruhm zu verblassen. Die Hits blieben aus. Joe Meek hatte den Anschluss verloren. Nun könnte man meinen: Was soll’s? Er hat doch seinen Hit gehabt. Doch die Tantiemen für den Nr.1-Hit “Telstar” waren seit 1963 eingefroren. Der französische Komponist Jean Ledrut meinte in der Komposition ein Plagiat seiner Filmmusik “Le Marche d’Austerlitz” erkannt zu haben und hatte eine Klage angestrengt (die übrigens nach Meeks Tod mit einer sehr interessanten Begründung abgelehnt wurde: Nicht allein die Melodie sei für das Gesamtkunstwerk wichtig, sondern auch Produktion und Sound!). Auch sonst sah es für den immer tadellos angezogenen Meek, der sich bis zu fünfmal täglich rasierte, finanziell nicht besonders gut aus.

Er hatte jahrelang wie ein Besessener gearbeitet und rannte nun beruflich gegen eine Wand. 1963 war er zudem mit der (nicht nur) im damaligen Großbritannien bigotten Gesetzgebung hinsichtlich sexueller Vielschichtigkeit in Berührung gekommen: Er wurde in einer sogenannten Klappe erwischt, musste eine kleine Strafe zahlen und wurde als Homosexueller registriert. Nicht weiter schlimm, schließlich war Meek kein Schrankschwuler. Schlimm war aber, dass die Verhaftung eine Zeitungsnotiz nach sich zog, in deren Folge Meek mehrfach zusammengeschlagen und erpresst wurde. Das alles war nicht gerade geeignet, seine ohnehin vorhandene Veranlagung zu Paranoia und Depression zu lindern. Und der fatale Kreislauf aus Uppers & Downers, Speed und Beruhigungsmitteln, die damals recht verbreitet da legal waren, mag seine Nerven zusätzlich angegriffen haben. Irgendwann knallten die Sicherungen durch. Wobei …

Meek glaubte fest an die Kraft der Tarot-Karten. Aus ihnen hatte er 1957 herausgelesen, dass sein großer Held Buddy Holly am 3. Februar 1958 zu Tode kommen würde. So überzeugt war er, dass er Holly sogar eine Warnung zukommen ließ. Am Schicksalstag war er nervös und beruhigte sich erst, als Holly am Abend noch lebte. Buddy Holly starb auf den Tag genau ein Jahr später. Und Meek setzte seinen Schlussstrich am selben Tag, acht Jahre später. Das riecht dann doch nach Planung. Wie dem auch sei: Genug Gründe hatte er. Und da er an ein jenseitiges Leben glaubte, mag der Schritt dorthin nicht so schwierig gewesen sein. Warum aber musste er seine Vermieterin mitnehmen? Streit gab es wohl des öfteren, aber gleich erschießen?

Als Jugendlicher hängte Joe Meek Lautsprecher in die Obstbäume im Garten. Er wollte damit die Vögel verjagen, um den rabiateren Vater davon abzuhalten, die gefiederten Freunde abzuknallen. Ein Tierfreund und Pazifist (wenn die Anekdote stimmt). Irgendwo zwischen Jugend und dem 37. Lebensjahr muss also etwas schief gelaufen sein.

Unsterblichkeitsfaktor

So blöd es auch ist: Frühzeitig verstorbene Musiker werden meist als cooler wahrgenommen, als solche, die sich mittels Bluttransfusionen und Yoga bis zur Rente auf die Bühne schleppen. Und wenn man – wie im Falle Phil Spectors – irgendwann ein wenig bekanntes Starlet umbringt und sich selbst verschont, ist das auch nicht karriereförderlich (es sei denn man möchte Charles Manson produzieren, der schon angefragt hat). Meek jedenfalls war ein Visionär der Klangkunst und einer der ersten Musikproduzenten, die diesen Namen verdient haben. Da hätte es diesen unmöglichen Abschied nicht gebraucht. Die Legende aber, die hat darin ihre Wurzel.

Fazit
„Ein jegliches nach seiner Art“ (1. Mose 1,24) steht schon in der Bibel. Wer sich im Leben nicht mehr zurechtfindet, mag sich umbringen. Auf jeden Fall aber gibt es einen großen Punktabzug für den Mord, bzw. Totschlag, an der Vermieterin. Ich würde sagen: 4-, durchgefallen.

P.S.: Es ist spät und ich möchte ins Bett. Ordentliche Quellenverlinkungen gibt es also nicht mehr. Dass Maggie ein Meek-Fan war, habe ich zuerst in dem sehr empfehlenswerten Buch „My Magpie Eyes Are Hungry For The Prize“, der Geschichte von Creation Records. Über Bryan Ferrys Faible für den „Bad Penny Blues“ berichtet das noch empfehlenswertere Buch „Re-Make/Re-Model“, in dem Michael Bracewell die Entstehung von Roxy Music erzählt. Und wer seine Joe Meek-Kenntnisse vertiefen möchte: Hier gibt es einen interessanten Aufsatz. I’m going now. Goodnight.

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3 Kommentare leave one →
  1. AndreasU permalink*
    22. Oktober 2009 22:51

    Eine tolle Geschichte… toller als toll, wenn auch von trauriger Grundstimmung. Aber mal jenseits des Zeitlichen, dass wir ja nunmal alle irgendwann segnen müssen: Der Mann hat vermittels seiner Tarotkarten den Todestag von Buddy Holly vorausgesagt – und wird heute nur deshalb nicht mit Nostradamus in einem Atemzug genannt, weil er sich um exakt ein Jahr vertan hat? Ich bin platt. Auch die Ablehnung der Beatles und deren Begründung hatten Stil; (wäre interessant, ob er das jemals bereut hat. Falls nicht, ist er mein Held der Woche.)

    Das Einzige, was mir an dem Beitrag nicht gefällt, ist die abschließende Benotung: Eine 4- für einen derart schillernden Abgang? Sicher, die Sache mit der armen Vermieterin war nicht nett. Aber sie gibt dem Ganzen – und ich hoffe, das kommt jetzt nicht allzu zynisch rüber – aus rein storytechnischer Perspektive trotzdem noch den letzten Schliff: Er will sich umbringen, reißt dabei aber nicht etwa einen Ex-Liebhaber oder Paul McCartney mit in den Abgrund, sondern seine Vermieterin? In einem Film würde man anerkennend sagen: Überraschend, aber konsequent.

    Vielleicht bin ich aber auch nur müde. Ebenfalls Gute Nacht!

    • MartinS permalink*
      23. Oktober 2009 07:37

      Na ja, eine rein selbsttötungsästhetische Betrachtung hätte wahrscheinlich eine 1 nach sich geführt. Es ist schließlich wirklich etwas Besonderes, vor dem eigenen Ableben noch einen völlig sinnlosen Mord zu begehen. Andererseits müsste so jeder dahergelaufene Amokläufer in unsere Liste aufgenommen werden (obwohl: die wollen sich ja meistens an irgendetwas Diffusem rächen, haben also zumindest subjektiv ein Motiv).

      Ich finde es jedenfalls – auch unter Berücksichtigung von Kants kategorischem Imperativ – nicht erstrebenswert, eine weitgehend unbeteiligte Person mit hinüber zu nehmen. Das ist vergleichbar mit einem Eiskunstläufer, der beim doppelten Rittberger eine Bach-Fuge rülpst. Oder so. Deswegen der Punktabzug. Aber vielleicht war ich auch nur müde.

  2. starlette permalink
    26. Oktober 2009 12:51

    früher gab es auf dem dachboden meiner eltern einen raum, in dem das alte sofa stand, dazu eine musiktruhe mit vielen alten singles, meine alten märchenplatten von europa (sandmännchen, der kleine muck), aber auch kracher wie „norman“ von sue thompson (http://www.youtube.com/watch?v=umHj1lf_bU8) und natürlich telstar. dazu eine kiste alter bravos und fertig war das teenager-paradies.

    joe meek ist eine arme socke. wie er wohl heutzutage leben würde?

    heute habe ich von george michael gelesen, der gerade von seinem langjährigen freund verlassen wurde, weil ihm die ewigen georgianischen sex- und drogeneskapaden auf den senkel gingen.

    besonders schön im post übrigens der verbleib der zurückgelassenen bänder. die kinder im heim werden sich gefreut haben. die hatten bestimmt sonst nicht so viel zu lachen.

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