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Business Honk

16. Oktober 2009

Es ist ja immer so eine Sache, wenn die Realität eine Satire auf eben diese Realität überholt. Was soll man dazu noch sagen? Man steht mit offenem Mund davor, staunt, dass es so was wirklich gibt – aber eigentlich hat sich jeder weitere Kommentar von nun an erledigt: Witze zu machen über offensichtliche Witzfiguren ist einfach nicht witzig und zeugt zudem von Publikumsverachtung – man kann das jeden Donnerstag in der „Harald Schmidt Show“ besichtigen.

Insofern hat die TITANIC mal alles richtig gemacht, indem sie in ihrer September-Ausgabe der Realität zuvor kam und einen überaus lustigen Beitrag über das von einem gewissen Nikolaus Röttger für einen Ideen-Wettbewerb des G+J Verlags entwickelte Zeitschriften-Konzept „Business Punk“ veröffentlichte. Der Artikel zog derart gnadenlos über Röttgers Irrsinns-Idee eines Zentralorgans für die ominöse „Leistungselite der Generation Xing“ her, machte ihn persönlich dermaßen lächerlich, dass der Mann einem schon fast leid tat: Meine Güte, dachte man so bei sich, wenn der Kerl nur ein Fünkchen Selbstachtung hat, traut er sich nach dieser Hinrichtung die nächsten sechs Monate nicht mehr auf die Straße. Und vielleicht hat er das Konzept ja auch nur über Nacht zusammen geschustert und überhaupt lediglich versucht, irgendwie den Geschmack der G+J-Verantwortlichen zu treffen. Wen juckt’s – er hat damit ja nur den dritten Platz gemacht?!

Schnitt – sechs Wochen später. Der Autor dieser Zeilen Schrägstrich Titanic-Leser steht in der Zeitschriften-Abteilung seines Supermarkts, überfliegt arglos die Auslage und sein Blick bleibt am epileptisch verzerrten Gesicht eines weißhaarigen Mannes hängen, der als „Virgin Herrscher Richard Branson“ mit dem Ausspruch vorgestellt wird: „Ich breche Regeln!“ Der Blick wandert nach links oben und entziffert schreckgeweiteten Auges den Titel der Publikation:

BUSINESS PUNK

Die nächsten 30 Sekunden lang erlebt der Autor sehr intensiv den eingangs beschriebenen Kann-nicht-sein-is-nich-wahr-gibt’s-doch-nicht-Moment… Kann es wahr sein? Hat die TITANIC nach dem Scheitern der PARTEI bei der Bundestagswahl schon wieder ein neues Guerilla-Projekt aus dem Boden gestampft? Und wer bezahlt diesen Wahnsinn? Einatmen. Ausatmen. Zeitschrift zurück ins Regal werfen. Irgendwann ist es vorbei…

Alles Weitere ist schnell erzählt: Gruner und Jahr hat sich aus wohl niemandem außerhalb der dortigen Entscheidungs-Gremien plausibel erklärbaren Gründen tatsächlich dazu entschlossen, nicht nur den Sieger, sondern auch noch Platz zwei und drei der „besten“ Zeitschriften-Konzepte aus dem Ideen-Wettbewerb zu realisieren – und wirft in dieser Woche deshalb neben „Business Punk“, auch noch „GALA Men“ (hier kurz und bündig von Stefan Niggemeier gewürdigt) und ein Männer-Koch-Heftchen namens „Beef“ auf den Markt. Näheres nachzulesen hier, hier und hier.

Man könnte, man möchte dazu so vieles sagen oder schreiben – doch perfiderweise macht der ebenfalls zu Anfang beschriebene Mechanismus jeden Kommentar von vornherein überflüssig.

Weil es aber so schön ist, wenn mehrere Menschen im selben Moment das Gleiche denken, zum Abschluss wenigstens noch ein paar Auszüge aus der von besagtem Nikolaus Röttger zusammen mit einem Horst von Buttlar für die fulminante Erstausgabe verbrochenen Extrem-Reportage „One Night Stunt“ – mit deren Veröffentlichung Ersterer mal eben jedes Recht auf Mitgefühl verspielt. Angeteasert wird sie wie folgt:

„Sie sind eine Legende der Arbeitswelt: Allnighter. Wer eine Nacht durcharbeitet, gilt als Held. Unsere Autoren begeben sich auf die Spur dieses Mythos. Sie haben für die Recherche nur 24 Stunden Zeit.“

Na? Da beißen sich schon die Ersten die Unterlippe blutig? Trotzdem bitte keine blöden Witze – das überlassen wir schön den Investigativ-Journalisten selbst:

„Ab und zu kommt ein Krankenwagen. Er fährt zu einem der Paläste in Canary Wharf, Londons Finanz-Distrikt, hält vor der Bank und holt einen von ihnen ab. Irgendjemand hat mal wieder drei Tage durchgearbeitet und ist zusammen geklappt…“

Und so geht’s dann weiter, Schlag auf Schlag:

„… Und dennoch sind es Geschichten, die immer wieder elektrisieren. Denn sind es nicht trotz allem Heldengeschichten? Wir wollen diese Geschichten suchen. Wir sind einer Legende auf der Spur: dem Allnighter oder dem großen Bruder, dem Double24. Wie ist es, eine Nacht oder zweimal 24 Stunden durchzuarbeiten? Wie hält man das durch, wie sich wach? Und: Warum machen junge Menschen so etwas?“

Tja, Letzteres jedenfalls ist eine gute Frage.

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5 Kommentare leave one →
  1. 16. Oktober 2009 19:38

    Ich kann es nur voll nachvollziehen – mir ging es ähnlich. Ich habe zwar schon beim Lesen der Titanic gedacht, daß es das Magazin wohl wirklich geben muss aber es danach zu verdrängen und Gründe für für die Nichtexistenz gesucht.

    Alles vergebens. Spätestens seit ich auf die Gruner + Jahr-Website schaute, um mich zu versichern, daß alles nur ein böser Traum war. Doch dort steht tatsächlich alles Wort für Wort so wie in der Titanic, samt Leistungs-Elite der Generattion Xing. Dagegen war Dogs Today – das Hunde-Trendmagazin (Gong Verlag), daß mich vor 2 Wochen schmunzeln liess noch harmlos.

    • AndreasU permalink*
      17. Oktober 2009 08:56

      Ein Hundetrendmagazin… toll! Danke für den Hinweis!

  2. 17. Oktober 2009 21:32

    Super. Die Arbeitssklaven verkaufen ihren grassierenden Idiotismus als Coolness.

    Auf der G+J-Seite, Reiter ‚Themenpläne‘ gibt es die zwei Kategorien ‚Work‘ und ‚Play‘: http://www.gujmedia.de/portfolio/zeitschriften/business_punk/?card=themenplaene

    Das man heute nicht mehr aus dem Job in Rente geht, mit dem man begonnen hat, mag ja sein, aber sich ständig mit einem Magazin über Work auf dem laufenden zu halten … –
    Und was bietet ‚Play‘, das mir wie eine G+J-Übersetzung für Freizeit vorkommt – nur gleich konsumistisch gedacht, mit Anschlußmöglichkeit für Anzeigenkunden.

    4 Punkte, von denen 3 offensichtlich Business sind.

    Öder geht’s nimmer, oder?

  3. dr.denton permalink
    21. Oktober 2009 15:23

    Man fragt sich, woher der angepeilte „Leistungsträger“ denn die Zeit nehmen soll das Erzeugnis zu lesen – bei all der Arbeit und bis in die Puppen im Glas-und-Edelstahl Szeneviertel abfeiern … das Heft wird wohl bestenfalls als Klolektüre gehen.

    MfG

  4. Allniter permalink
    23. Oktober 2009 00:56

    Wer 24 Stunden durcharbeitet? Jede Menge Leute: Bauern machen es ständig, Wissenschafler hin und wieder, dann noch Künstler, generell Selbständige…
    Ist es cool? Ist es die Erfüllung? Törnt es an?
    Nein, es mach nur müde.

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