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UNSER BRILLANTER PANTHEONISCHER DURCHLAUCHTIGER RUHMREICHER AGNUS DEI NOBLER ANFÜHRER TUGENDHAFTER ILLUSTRER EXZELLENTER EHRENWERTER MEIN SEHR LIEBER HERR RICHARD FULD Oder SMELLS LIKE FRANZ KAFKA?

22. September 2009

urech_coverSeit jeher unterschätzt, ist das schriftstellerische Teiltalent der geschmackvollen Namenswahl. Plot, Perspektive, Wortwahl – alles nichts wert, wenn der Name nicht stimmt. „Artur Schönengel“ ist für meinen Geschmack eher nicht so gut. Zu sprechend („Ramses Müller“ ist besser). Nun weiß ich nicht genau, welchen Namen „Artur Schönengel“ im französischen Original trägt. Artur Beauange hört sich schon mal besser an.

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Der Ausblick aus Richard Fulds einsamen Büro im 31. Stock

Wie dem auch sei: Artur Schönengel ist die Hauptfigur in Marie-Jeanne Urechs Buch „Mein sehr lieber Herr Schönengel“, erschienen im bilgerverlag. Schönengel arbeitet tagein, tagaus in der „Bude“, einem Konzern, von dem nicht einmal die Angestellten wissen, womit er sein Geld verdient. Schönengels Abteilung liegt fast ganz unten im Keller. Alle Angestellten tragen den Namen Weissling – und alle Weisslings haben nur ein Ziel: Die nächst höhere Etage zu erreichen. Artur (Weissling/Schönengel?) aber, dessen Talent es ist, besonders schöne aufsteigende Linien zu zeichnen, will seine Arbeit perfektionieren.

So lässt sich mit wenigen Worten die Handlung des Romans zusammenfassen. Smells like Franz Kafka? Ja und nein. Ausreichend absurd ist das Buch, die Sprache ist klar, ganz wie beim grandiosen Prager. Aber anders als Kafka, von dem Albert Camus meint, dass die Größe seines Werks darin bestünde, dass es alle Möglichkeiten anbiete und keine bestätige, spricht Urech nicht nur in Rätseln: Ihre Schilderung der „Bude“ gibt eine hervorragende Parabel für eine ganze Reihe von Unternehmen ab – solche, die jeder Angestellte irgendwann mal während seiner Arbeitnehmerexistenz kennengelernt haben wird. Und bestimmt noch viel mehr solche, deren fatales Gemisch aus Größenwahn und Inkompetenz durch die jüngste Finanzkrise ans Tageslicht kam.

Ziemlich zeitgleich zu meiner Lektüre von „Mein sehr lieber Herr Schönengel“ gab es ein lesenswertes Interview in „Die Zeit“. Darin beschreibt Lawrence „Larry“ McDonald (guter Name!) die Zustände bei der Investmentbank Lehman Brothers, kurz bevor die Blase platzte, Lehman Insolvenz anmeldete und in einer Kettenreaktion die „Krise“ auslöste, die uns gerade so schön vor Augen führt, wie absurd abstrakte Geldwerte und -geschäfte eigentlich sind (da können KLF aber mal schön einpacken. Peanuts, Bill!). Larry im Interview:

McDonald: „Wenn Sie wirklich verstehen wollen, was bei Lehman passiert ist, dann stellen Sie sich eine 250 Meter hohe Rakete vor. An der Spitze sitzt eine Kapsel und drin sind Astronauten aus den sechziger Jahren. Das war Richard Fuld und sein Team oben im 31. Stock. Aber die Rakete selbst besteht aus moderner Technologie aus dem 21. Jahrhundert. Unglaublicher Treibstoff, unglaubliche Technik, unglaubliche Kraft. Das waren die Leute in den unteren Stockwerken.“

ZEIT ONLINE: „Die Banker an der Spitze verstanden das eigene Geschäft nicht mehr?“

McDonald: „Sie schotteten sich ab, um nicht zu zeigen, dass sie Dinge nicht verstanden.“

Tja, so ist das da oben. Richard Fuld, der Lehman-Chef, lässt sich mit dem Aufzug in den 31. Stock fahren, versteht die Welt nicht mehr und wird nicht mehr gesehen, bis sein ganzes Konstrukt zusammenbricht. So ähnlich ist es auch in „Mein sehr lieber Herr Schönengel“. Der Mann ganz oben, Unser Brillanter Pantheonischer Durchlauchtiger Ruhmreicher Agnus Dei Nobler Anführer Tugendhafter Illustrer Exzellenter Ehrenwerter Mein Sehr Lieber Herr Weissling (mit jedem Stockwerk wird die Anrede um einen Teil länger), weiß auch nicht, warum seine Bude nicht mehr läuft. Es hat irgendwas mit den Strichen von Schönengel zu tun. Irgendwann schmeisst er hin und macht ein Restaurant auf. Gutes Buch übrigens.

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8 Kommentare leave one →
  1. MartinS permalink*
    22. September 2009 16:18

    P.S.: Warum ist Lawrence „Larry“ McDonald eigentlich ein guter Name? Nun, den ästhetisch gelungenen Vornamen Lawrence trägt einer der besten Musiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts (gar nicht schön die deutsche Variante: Laurenz). Lawrence von Felt, Denim und Go-Kart Mozart ist ein äußerst interessanter Typ, der hinsichtlich so ziemlich allem, wofür er steht und wie er sich gibt, das Gegenteil von „Larry“ ist. Deswegen passt „Larry“ sehr gut in die Mitte, leitet nämlich über zum McDonald. Wer hier die eklige Hamburger Franchisekette assoziiert, liegt mehrere Seemeilen daneben. Richtig vielmehr: Highlands, Burg, heile Welt, Engländer kommen, Schlacht, Niederlage, Flucht übers Meer, Hunger, Durst, dann endlich Amerika. Gangs of New York. Durchschlagen. Zweite Generation dann schon Schuhmacher. Dritte Angestellte. Und irgendein Urururururenkel wird Investmentbanker bei Lehman. Wie gesagt: Guter Name.

  2. 24. September 2009 08:12

    mon cher monsieur wortpong
    im original heisst das buch »le syndrom de la tête que tombe«. das kann nicht sinnvoll ins deutsche übersetzt werden. »schönengel« heisst im original »bellange«, die »weisslichs« sind »blanchards«. »die bude« in ihrer vielfachen bedeutung steht für »la boite«. claudia steinitz hat den sehr schwer zu übersetzenden roman meiner meinung nach exzellent übersetzt, inklusive namensübertragung. klar, über vieles lässt sich in übersetzungen streiten. ihr text über den »sehr lieben herrn schönengel« habe ich mit freude gelesen. chapeau! (hut-zieh!).
    von der autorin werden sie noch einiges lesen. herzlich, ricco bilger, der verleger der deutschsprachigen ausgabe.

    • MartinS permalink*
      24. September 2009 13:28

      Sehr geehrter Herr Bilger,
      es war keineswegs in meinem Sinne, die Übersetzungskünste von Frau Steinitz anzuzweifeln. Im Gegenteil: Mir gefiel das Buch ja außerordentlich gut und das wäre ohne die Übersetzung wohl nicht so gewesen. Dass ich anfangs auf den Namen einging, hat mit dem Eintrag zu Tex Rubinowitz‘ „Ramses Müller“ zu tun.
      Wie Sie außerdem gesehen haben, ist mein Französisch so mies, dass ich „Schönengel“ mit „Beauange“ statt „Bellange“ rückübersetzte, mich also irgendwie im Engelsgeschlecht geirrt haben muss. Ich hoffe also tatsächlich noch viel von Mme. Urech und Frau Steinitz zu lesen.
      Was mich allerdings bedenklich stimmt: Ich habe hier nun zwei Bücher besprochen, beide gefielen mir. Bei „Ramses Müller“ meldet sich der Autor, bei „Schönengel“ der Verleger. Was passiert, wenn hier mal ein Verriss steht?
      Ansonsten: Machen Sie weiter mit Ihrem feinen Verlag. Davon gibt es viel zu wenige.
      Mit besten Grüßen
      Martin Schaefer

      • mad mosell permalink
        24. September 2009 21:07

        was passiert, wenn hier ein verriss steht?!?! du (und nur du, wenn mir diese vertrauliche anrede gestattet ist) wirst sofort vom fleck weck mindestens fürs bundesministerium für gute literatur engagiert, herr mart!

  3. MartinS permalink*
    28. September 2009 08:17

    Wenn das (Bundesministerposten für gute Literatur) die Folge eines Verrisses ist, gibt es seit gestern, 18:00 Uhr, eine neue wortpong-Losung: Hier nur noch Lobpreisungen!
    Aber trotzdem danke!

  4. mr. frank permalink*
    28. September 2009 22:11

    die Geschichte des Buches (soweit ich sie aus der Zusammenfassung entnehmen kann) erinnert mich stark an eine Begebenheit aus dem wirklich wahren Leben:

    Ein Freund, ich nenne ihn mal Hans, arbeitete in einem Marktforschungsinstitut, dass Produkte vor ihrer Markteinführung testet. Also zum Beispiel, wie schmeckt Ihnen dieser Schokoriegel, Herr Geier? In Ermangelung testwilliger Passanten wurde ihm die Aufgabe zuteil, fiktive Testpersonen und deren Urteil zu erfinden. Im Laufe seiner Tätigkeit wuchs der Anteil der erfundenen Testberichte nahe an die 100% und Hans erlangte Weihen im Erdenken von unterschiedlichsten Charakteren und deren Meinungen, wie sie sonst wohl nur Autoren von epischer Prosa entwickeln.

    Und genauso wie das Zeichnen von schönen (und vielleicht nicht ganz wahrheitsgetreuen?) aufsteigenden Linien den Menschen (zumindest denen in den oberen Stockwerken) Wohlbehagen gebracht hat, konnte Hans uns wahrscheinlich in den Genuss zahlloser nicht markttauglicher Produkte bringen. Da fällt mir ein, wer weiss um das Schicksal dieser neuen Duplos, die es letztens bei edeka gab? Mit Kokosfüllung innen und Zartbitterschokolade aussen. Ich liebe sie, aber sie sind wieder aus dem Regal verschwunden.

    Und glaubt jemand, dass der Tag kommen wird, an dem die Leute im 31. Stock bemerken, dass wir ihnen ganz gehörig auf der Nase rumtanzen?

    • MartinS permalink*
      29. September 2009 10:09

      Mr. Frank,
      das ist eine schockierende Anekdote. Aber vielleicht ist ja der Duplo-Riegel, von dem Sie sprechen, ein Kind der erfundenen Marktforschungsergebnisse? Und dann auch zurecht wieder vom Markt verschwunden? Weil der Markt, den es dafür geben sollte, ein erfundener war? (Guter Tipp für Unternehmer: „Traue keinem Markt, den Du nicht selbst gefälscht hast.“)

      • Pralinchen permalink
        2. Oktober 2009 12:51

        tja, die marktforschung! ein übles gewerbe. ich hatte mal eine freundin, die im dienste der werbung tätig war und die verbrach all diese slogans von frühstückchen und kleinen pausen und dankeschöns für allen möglichen mist. und immer, wenn ich sagte, diese oder jene werbung sei ja ganz schön cheesy, fuhr sie mich an, ich sei ja auch nicht zielgruppe. das heißt: diese sachen waren gar nicht für mich gemacht. fazit: mr. frank, das duplo deines geschmacks, so leid es mir tut, war wohl auch von einem imaginären produkttester für gut befunden worden, der schwindel flog auf, der markttester verlor haus und hof und den job dazu, die duplos flogen aus den regalen und ab sofort gibt es wieder nur noch den öden schokoeinheitsbrei, ist es wieder so weit. uff.

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