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EINIGE GEDANKEN ZUM CRACK

9. September 2009

„Whatever it is we’re against it“: Unter diesem schönen Motto schreibt seit längerer Zeit das 3:AM Magazine über interessante Literatur (und in zweiter Linie über interessante Musik), meist aus dem angelsächsischen Raum. In den dortigen Kellern liegt ein Interview mit Tom Hodgkinson aus dem Jahr 2001. Über dieses uralte, staubige Papier stolperte ich neulich, als ich auf der Suche nach etwas Interessantem war.

Wenn alle so wären, wie dieses Tier, bräuchte es keine Revolutionen

Wenn alle so wären wie dieses Tier, bräuchte es keine Revolutionen

Tom Hodgkinson ist mittlerweile fast schon ein Star. Seine Bücher („How To Be Idle“) sind in mehrere Sprachen übersetzt und in England sowieso Bestseller. Bekannt wurde Hodgkinson aber zuvor: als Herausgeber von „The Idler“, einem ziemlich großartigen Magazin im Buchformat, das – wie der Name schon sagt – das Phänomen des Müßiggangs aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Regelmäßige Beiträge kommen unter anderem vom KLF-Mastermind Bill Drummond oder vom Gründer der Punk-Anarcho-Band Crass, Penny Rimbaud. Es gibt Kurzgeschichten, Comics, Reportagen, praktische Lebenshilfe für den Müßiggänger von heute und reichlich Kunst. Müßiggang als Lebensform, so die Quintessenz des Idler, ist für den Menschen gesund und für die Welt lebensrettend. Ein neuer Idler zum Thema „Smash The System“ ist im Juni erschienen. Bitte kaufen, es lohnt sich. Im Interview nun beschreibt Hodgkinson, wie er zum Idler kam:

“I was really lazy and lacked motivation. So I’d be in my flat and I wouldn’t be able to get out of bed and then I’d finally decide to get out of bed and decide to have a bath and then I wouldn’t be able to get out of the bath and then it’d finally be about noon or one. And I was kind of beating myself up about this and then I read these essays by Dr Johnson called ‘The Idleree’, done in the 1750’s. (…) He was describing the character of an Idler and what he was describing was not someone who was just lazy but someone who worked in a different kind of way (…) So the idea is that you can lie in bed thinking and then when you do work you work very quickly and get it done and then you get off to the pub. This is an attractive way of working to me. Idleness is not something that I should beat myself up about. It can be something positive. So I thought there might be room for a magazine that explored these ideas.”

„Ne travaillez jamais“: Was Tom Hodgkinson da beschreibt, kennen bestimmt einige. Ein interessantes Phänomen: Der herkömmliche Verwertungsrhythmus menschlicher Arbeitskraft passt nicht zusammen mit dem eigenen Rhythmus. Bei einigen endet das im verzweifelten Anpassen an Arbeitszeiten und Hierarchien oder gleich in der Hartz IV-Tristesse. Tom Hodgkinson hat den Idler gegründet. Die Lettristische Internationale wäre wohl noch weiter gegangen: „Arbeite niemals!“, malte die Bewegung, die sich als Fortsetzung von Dada und Surrealismus verstand, an eine Mauer des Seine-Ufers (auf Französisch versteht sich). Was haben nun Hodgkinson und die Lettristische Internationale gemeinsam? Und wo sind die Gedanken zum Crack, die in der Überschrift angekündigt sind? Nun denn: Gemeinsam haben sie zunächst nur, dass ich gerade ein Buch lese, in dem sich recht intensiv mit der Situationistischen Internationale (die aus den Lettristen hervorgegangen ist) auseinandergesetzt wird. Aufgehängt am allerletzten Konzert der Sex Pistols, begibt sich Autor Greil Marcus in „Lipstick Traces“ auf eine spekulative Spurensuche nach den Wurzeln des Punk. Gab es solche Gegenkulturexplosionen, wie Punk zweifelsohne eine war, zuvor? Marcus zieht dabei Verbindungslinien von den Gnostikern zur Pariser Commune zu Dada zur Situationistischen Internationale und wahrscheinlich zu vielem mehr (bin erst auf Seite 199). Aber zurück zu Hodgkinson und der Situationistischen Internationale. Letztere existierte von 1957 bis zur Selbstauflösung im Jahr 1972. Nicht zuletzt wegen ihres ästhetischen Anspruchs wurde sie Stichwortgeber für viele folgende Subkulturen. Ihre Protagonisten, Guy Debord und Asger Jorn die Bekanntesten, kamen von der Kunst (erst Malerei, Literatur, dann Film, Architektur), wollten aber nichts anderes, als die Kunst zerstören, gleichzeitig aber Kunst realisieren, die eine echte Kunst ist, also aus dem Leben kommt. Situationen erschaffen, die die Logik des Kapitalismus (oder wie sie dessen Inkarnation im gesellschaftlichen Leben nannten: die Logik des Spektakels) sprengen. Leute löst euch von eurem Waschpulver-Wahn! Von euren Jeansmarken, die ihr kauft, weil sie euch versprechen, dass ihr seid wie das konstruierte Markenimage des jeweiligen Etiketts! Esst eure Kreditkarten!! 1968 hatten sie Erfolg. Bezogen auf die Pariser Mai-Unruhen sagt ein junger Malcolm McLaren in einer sehenswerten Dokumentation: „They practically brought down Charles de Gaulle.“

„Auf Facebook kostet ein Freund 13,8 US-Cent“: In „Die Gesellschaft des Spektakels“ von 1968 schreibt Guy Debord:

„Während in der ursprünglichen Phase der kapitalistischen Akkumulation „die Nationalökonomie den Proletarier nur als Arbeiter betrachtet“, der das zur Erhaltung seiner Arbeitskraft unentbehrliche Minimum bekommen muß, ohne ihn jemals „in seiner arbeitslosen Zeit, als Mensch“ zu betrachten, kehrt sich diese Denkweise der herrschenden Klasse um, sobald der in der Warenproduktion erreichte Überflußgrad vom Arbeiter einen Überschuß von Kollaboration erfordert. Dieser Arbeiter, von der vollständigen Verachtung plötzlich reingewaschen, die ihm durch alle Organisations- und Überwachungsbedingungen der Produktion deutlich gezeigt wird, findet sich jeden Tag außerhalb dieser Produktion, in der Verkleidung des Konsumenten, mit überaus zuvorkommender Höflichkeit scheinbar wie ein Erwachsener behandelt.“

Dieser Schrank hat’s begriffen, aber die da oben wollen ihn nicht  lassen.

Dieser Schrank hat’s begriffen, aber "die da oben" wollen ihn nicht lassen.

Das trifft es sehr gut (auch wenn ich mich in genau dieser Position, „Arbeiter“ in einem System, das auf Wachstum angewiesen ist und mich deswegen nicht nur braucht, weil ich fräsen/malen/rechnen kann, sondern weil ich als Kaffeetrinker/Fußballfan/Gartenzwergsammler auch Konsument bin, eigentlich auch ganz wohl fühlen kann. In beiden Positionen.). Der Mensch heute ist nicht nur bei der Arbeit gebeutelt, auch in der Freizeit ist er es. Facebook ist so ein Beispiel. Tom Hodgkinson hat im Guardian dazu einen sehr interessanten Artikel geschrieben. Facebook: eine Entwicklung aus neokonservativen Kreisen, finanziert aus Töpfen des Venture Capital-Arms der CIA. Facebook will im zweiten oder dritten Schritt die Welt beherrschen. Selbst wenn (was unwahrscheinlich ist) Hodkinsons Recherchen aus dem Reich der Märchen und Verschwörungstheorien stammen, selbst dann wäre Facebook immer noch der Teufel, denn dort findet Freundschaft und sozialer Kontakt im Wettbewerb statt. „Die Zeit“ meldete neulich, dass es Firmen gibt, bei denen man Facebook-Freunde kaufen kann. Kostenpunkt: 13,8 US-Cent pro Freund. So werden nach und nach die letzten Bastionen des „echten Lebens“ in Verwertungskreisläufe umgemodelt. Gemein! Aber nun endlich zum Crack:

Die Bienen wissen längst, wie der Hase läuft

Die Bienen wissen längst, wie der Hase läuft

The Crack oder „Busy Doing Nothing“: Wie alle anständigen Revolutionäre hatten auch die Situationisten, die sich übrigens sympathischerweise mit so gut wie jeder anderen künstlerischen und politischen Bewegung ihrer Zeit nach Strich und Faden zofften, eine Hoffnung. Die, ähem, Revolution. Wo andere nur harten Beton sahen, schreibt (frei übersetzt) Marcus, hat dieser Trupp selbstbewusster Revolutionäre gedacht, er hätte einen „Crack“ gesehen: Irgendwann würden der Überfluss, die Banalität und Langeweile der falschen Welt von einer echten „Internationale“ erkannt, als das, was sie seien: Hebel der Tyrannei. Mit den Waffen der Satire, des Bluffs, der Ironie und schließlich der Gewalt würde der Crack identifiziert und aufgerissen. Und dann käme eine neue Welt. Neue Welt, das ist gut. Satire, Bluff, Ironie auch. Aber Gewalt, so finde ich, ist over. Und hier kommt wieder Tom Hodgkinson ins Spiel: Anstelle der Gewalt Hodgkinsons Version des Müßiggangs zu setzen, ist eine reizvolle Idee. Der Logik des Mehrmehrmehr ein selbstbewusstes „Tue weniger“ entgegensetzen. Mehr Bäume pflanzen, weniger Arbeit, weniger Kauf. Das ist der Crack. Da sollten wir hin. Und da endlich kommen Hodgkinson und die Situationisten zusammen. Zumindest für mich.
M

P.S.: Das Schönste am Bloggen sind die Statistiken. Gestern wurden wortpong zum Beispiel gefunden, als irgendjemand „weihrauch sport“ suchte. Noch besser ein anderer, der „die gschichte des kunstdarms“ wissen wollte. Falls irgendjemand hier auf diesem Blog die Worte „Gschichte“ und „Kunstdarm“ findet, ich schicke ihm ein Überraschungsgeschenk!

P.P.S.: Oben habe ich natürlich vergessen, das Buch zu empfehlen, weswegen ich überhaupt auf die Idee kam, eine Art politischer Meinung zu äußern: Greil Marcus’ „Lipstick Traces“ ist meines Wissens gerade nur antiquarisch zu kaufen. Deutsche Übersetzung kenne ich nicht. Englisch ist nicht gerade einfach (deswegen ist meine Darstellung wahrscheinlich so spekulativ wie das Buch). Die meisten werden es schon vor langer Zeit gelesen haben, wer es aber noch nicht kennt: Es öffnet viele interessante Türen zum Weiterforschen.

P.P.P.S.: Zuletzt muss noch erwähnt werden, dass die Biersorte „Irseer Kloster Urtrunk“ in den kälteren Jahreszeiten unser absolutes geschmackliches Vertrauen verdient hat.

Trotz gutem Bier: Irgendwie auch keine Lösung aus dem Dilemma

Trotz guten Bieres: Religion ist auch keine Lösung

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4 Kommentare leave one →
  1. R. Langhans permalink*
    10. September 2009 05:36

    Ein schöner Gedanke: Der längst überfällige Umsturz kommt in Form eines allgemeinen Trends zum Müßiggang, durch den sich Stück für Stück die gesellschaftlichen Strukturen auflösen. Und warum auch nicht – womöglich steht uns dies oder jedenfalls etwas Ähnliches ja tatsächlich kurz bevor:

    Große Revolten sind von den Zeitzeugen schließlich nie vorauszusehen gewesen. Nicht 1968, nicht 1989, selbst die klügsten und ausgebufftesten Politiker und Kulturmenschen sind jeweils vollkommen überrascht worden. Die Revolte ist jedes Mal von einer winzigen Minderheit ausgelöst worden. Und nach meiner Überzeugung wird es wieder so kommen. Plötzlich wird es soweit sein. Das Leben, gerade noch Geisel von sexistischer Werbe-Industrie und entmenschter Technokratie, wird auf einmal zu sich selbst zurück kommen und alle Fesseln abstreifen…

    Lest den Idler!

    R. Langhans

  2. F. Beigbeder permalink*
    10. September 2009 05:50

    Bravo zu diesem Artikel! Jedes Wort ist wahr – und jeder Absatz stößt beim Leser neue Gedanken an. Trotzdem fehlt mir die Hoffnung, dass die Menschheit ohne einen schmerzhaften Zusammenbruch oder gar gewaltfrei aus der Misere zu befreien ist. Die Menschen sind betäubt und gefangen in einem perfiden Herrschaftssystem aus Werbung und Konsumzwang:

    Die Werbung beweist doch inzwischen eine unendlich flexible Überredungskunst, um die Menschheit auf den Stand der Sklaverei zu reduzieren. Wir leben erstmals in einem Herrschaftssystem, gegen das selbst die Freiheit sich als ohnmächtig erweist. Im Gegenteil, Freiheit ist sein eigentliches Lebenselixier, seine genialste Erfindung. Jede Kritik stärkt seine Position und verfestigt den illusionären Glauben an seine süßliche Toleranz. Kein System unterwarf sich die Menschen bisher mit solcher Eleganz. Das Ziel ist erreicht: Selbst Ungehorsam ist nur noch eine Form des Gehorsams.

    Dennoch nicht hoffnungslos:

    Frédéric Beigbeder.

  3. mr. frank permalink*
    14. September 2009 21:22

    Als ich noch ein kleiner Bub war, hatte ich immer eine ganz spezielle Vorstellung von der Zukunft: Alle Menschen müssen ganz wenig arbeiten, solche Staubsaugerroboter übernehmen die Hausarbeit, das Auto fährt von alleine und man kann sich den ganzen Tag anspruchsvollen körperlichen und geistigen Vergnügungen hingeben.

    Wer hat mir dieses Bild damals in den Kopf gepflanzt? Und wieso ist das nicht so gekommen? Wo und wann ist da was schief gelaufen? Muss irgendwann während der Pubertät passiert sein, da hat man ja andere Sachen im Kopf…

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