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DER MANN, DER ARGWÖHNTE, ER SEI AUS GLAS

7. September 2009

wallace-infinite-jestDer amerikanische Groß-Psychologe Martin Seligman hat in einem seiner vielen Experimente (bei denen meistens Hunde leiden müssen) nachgewiesen, dass nichtdepressive Menschen die Wirklichkeit zu ihren Gunsten entstellen, während depressive Zeitgenossen ihre Umwelt einfach nur korrekt wahrnehmen. Wenn das stimmt, muss David Foster Wallace einen überaus klaren Blick auf die Welt gehabt haben. Der 1962 geborene Schriftsteller verbrachte einen Großteil seines erwachsenen Lebens im Zustand klinischer Depression. Nach Aussage seiner Familie ist er eigentlich nur unter Einfluss von Medikamenten lebens- und schreibfähig gewesen. Sein Leiden daran war so groß, dass er sich im Sommer 2008 in der vagen Hoffnung auf Besserung sogar einer Elektroschock-Therapie unterzog – ohne Erfolg. Wegen der starken Nebenwirkungen war er schließlich gezwungen, die Antidepressiva abzusetzen – und es kam, wie es wahrscheinlich kommen musste: Vor ziemlich genau einem Jahr – am 12. September 2008 – erhängte er sich in seinem Haus in Claremont/Kalifornien.

Seltsamerweise ist der Hype um Wallace’ Person und sein Hauptwerk „Infinite Jest“ seitdem nicht nennenswert größer geworden, als er es ohnehin schon war: Der Mann wurde und wird schlichtweg als Genie gehandelt – und angesichts seiner vielfältigen Begabungen ist das wohl nicht übertrieben: In seiner Jugend war er ein vielversprechendes Tennis-Talent: Er brachte es immerhin bis auf Platz 17 der amerikanischen Rangliste. Wallace studierte Philosophie und Literatur, legte seinen Schwerpunkt aber zunächst auf Logik und Mathematik. Für die von ihm in seiner Abschlussarbeit entwickelte „modallogische These“ wurde er mit Preisen bedacht. Die Wertschätzung, die ihm zeitgenössische Schriftsteller entgegenbringen, spricht ebenfalls Bände: Von Dave Eggers über Don DeLillo bis Jonathan Franzen verneigen sich reihenweise Autoren-Kollegen vor seinem Werk, sehen in ihm zum Teil ein unerreichbares Vorbild.

Das ist für alle, die den Literatur-Teil ihrer Zeitung auch nur flüchtig überfliegen, nichts wirklich Neues. Genau genommen ist zu „Infinite Jest“ oder „Unendlicher Spaß“ (wie die gerade erschienene, ziemlich großartige deutsche Übersetzung von Ulrich Blumenbach heißt) inzwischen auch hierzulande so ziemlich alles gesagt: Wohl irgendwie ein Meisterwerk und Meilenstein der amerikanischen Literatur und gelesen haben muss man es auch. Die weitaus meisten Rezensionen enthalten darüber hinaus aber auch eine jeweils mehr oder weniger deutlich artikulierte Warnung. Tenor: Das Ding ist neben allen Vorzügen eine knapp 1600 Seiten lange Zumutung, der man sich eher als sportliche Herausforderung, denn als Roman nähern sollte. Passend dazu hat der deutsche Verlag Kritiker und Autoren (wohl als Werbemaßnahme) zu einer Art Wettlesen aufgerufen, das noch bis zum 1. Dezember 2009 läuft und als Weblog veröffentlich wird: 100 Tage „Unendlicher Spaß“! Sollte es wirklich einen Unbeteiligten geben, der sich nachweislich sowohl das Buch, als auch die Leseberichte von Leuten wie Stefan Beuse, Thomas Meinecke und Elmar Krekeler antut, so dürfte ihm ein Kiepenheuer-Ehrenpreis als Leser des Jahres sicher sein.

Das Alles trägt womöglich dazu bei, beim „normalen“ Literatur-Konsumenten eine gewisse Schwellenangst aufzubauen und aus dem Mammutwerk eine Art „Ulysses“ des neuen Jahrtausends zu machen: Ein Buch, von dem jeder schon mal gehört hat, das man vielleicht sogar zu Weihnachten geschenkt bekommt und sich als Statussymbol ins Regal stellt – das aber allenfalls von einem Bruchteil seiner Besitzer auch nur angelesen wird, weil es ja scheinbar für Profis gedacht ist. Das ist schade und eigentlich ein Missverständnis: Der Roman wäre es allemal wert, einer breiteren Leserschaft zugänglich gemacht zu werden und erfordert ganz sicher kein Diplom in Literatur-Wissenschaft. Im Gegenteil geht es darin – dieser Einschätzung liegt die Lektüre etwa der Hälfte des Buches zugrunde – nach einer etwas sperrigen Einleitung überraschend komisch, zuweilen zutiefst ergreifend und über weite Strecken höchst unterhaltsam zu.

Doch wie macht man Lust auf einen solchen Wälzer? Vielleicht, indem man als Einstieg auf einen anderen, wesentlich kürzeren Text des Autors verweist: Eine Rede, die Wallace im Jahr 2005 vor College-Studenten in Ohio hielt, und die seit seinem Tod im Internet kursiert. Im Kern geht es darin um Fragen der Sorte: Wie schafft man es, nicht jeden Tag aufs Neue am Dasein zu verzweifeln? Wie kann es gelingen, ein einigermaßen gutes Leben zu führen?

Für mich war diese Rede der Grund, unbedingt mehr von diesem Autor lesen zu wollen – und trotzdem fällt es mir einigermaßen schwer, zu erklären, was ihre Faszination ausmacht. Der Text ist relativ kurz und enthält keine neuen, übermäßig originellen Gedanken. Aber wenn man ihn ein paar Mal gelesen hat – und das tue ich seit damals regelmäßig – dann kommt man langsam hinter sein Geheimnis: Was darin geschrieben steht – was einem ganz unaufgeregt, fast beiläufig vorgesetzt wird, ist schlicht und einfach die mit zwingender Logik hergeleitete, reine Wahrheit – und die begegnet einem bei Fragen der Lebensführung eben nicht allzu oft. Zudem offenbart der Text eine überaus seltene Kombination aus analytischem Verstand und empathischer Beobachtungsgabe sowie – ich kann es nicht weniger pathetisch ausdrücken – berührerender Menschlichkeit.

Ich könnte jetzt noch ewig weiter machen: Versuchen zu erklären, dass all das, was bereits in dieser Miniatur angelegt ist, im Buch zur vollen Entfaltung kommt – und zwar auf eine völlig verrückte, absolut überraschende Weise. Ich könnte mit Zitaten um mich werfen, um Wallace’ unglaubliche Schreib-Begabung zu illustrieren. Doch statt weiter zu schwärmen, empfehle ich einfach nur: Rede lesen! Jetzt! Hier! Vielleicht wirkt es ja auch bei Euch.

Wer diesbezüglich ganz sicher gehen will, spielt dazu einfach die Musik eines anderen toten, traurigen, amerikanischen Genies:

Buchkritik folgt.

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7 Kommentare leave one →
  1. Wim Thoelke permalink
    7. September 2009 10:41

    Angesichts der Ernsthaftigkeit des Themas und der überproportionalen Erwähnung von Depression und Tod fühle ich mich dazu auserwählt, den Eintrag durch einen kleinen, schäbigen und billigen nichtsdestotrotz aber passenden Spruch aufzuhellen. Im ersten Programm des deutschen Fernsehens gab es früher die unglaublich langweilige Quizsendung „Der große Preis“ (wobei der Preis in Wirklichkeit recht klein war), die ich moderierte. In der Sendung beantworteten Kandidaten Expertenfragen zu ihren jeweiligen Expertengebieten. Der Edgar Wallace-Experte war – angesichts seines Themas nicht anders zu erwarten – ein äußerst schräger Vogel, der zur Einstimmung erstmal einen selbsterdachten Spruch aufsagte, nämlich „Mit oder ohne Glatze: Der Kenner liest Wallace.“ Tja, so war das damals. Ich geh‘ dann mal wieder.

  2. Wim Thoelke permalink
    7. September 2009 12:33

    Mein Kollege aus alten Fernsehtagen, Herr Walter Spahrbier, der sich mit dem Internet nicht so auskennt, hätte noch eine Frage zu Ihrem Artikel: Können Hunde wirklich depressiv sein? Er hat nämlich einen Teckel-Bastard, der jetzt 18 ist, und sich die letzten drei Jahre kaum bewegt hat. Ist das vielleicht eine Depression?

    • AndreasU permalink*
      7. September 2009 13:04

      Sehr geehrter Herr „Thoelke“,

      zunächst einmal sei angemerkt, dass Sie einen mit allen Wassern gewaschenen Medienprofi wie mich nicht so einfach hinters Licht führen können: Wim Thoelke hat seine legendäre Spielshow nämlich nicht etwa im „ersten Programm des deutschen Fernsehens“ abgehalten – sondern wie jeder weiß im ZDF. Was mich zu der Vermutung führt, dass da jemand ein perfides Spiel mit verdeckten Identitäten spielen will – und es wohl auch gar nicht Walter Spahrbier – sondern ein x-beliebiger Rentner ist, der die ansonsten ja völlig berechtigte Frage nach den depressiven Hunden stellt.

      Wie auch immer: Ein Hund, der sich drei Jahre lang nicht bewegt hat, ist vermutlich nicht depressiv, sondern tot. Um das endgültig zu eruieren, müsste man allerdings Hunde-Psychologe sein – was weder ich noch der im Text angesprochene Martin Seligman für mich/sich in Anspruch nehme/nimmt.

      Vielmehr hat Seligman die armen Tiere nur als Mittel zum Zweck benutzt. Wikipedia spricht hier einmal mehr Bände: „Im Rahmen seiner Forschung zum Phänomen der „erlernten Hilflosigkeit“ hat Seligman diversen Hunden mit Elektroschocks erhebliche Schmerzen zugefügt, um die Auswirkungen aversiver Reize auf Psyche und Verhalten dieser Tiere zu untersuchen. Hierbei zeigte sich, dass Tiere, die aversive Reize nicht kontrollieren konnten, in späteren Situationen Passivität und Hilflosigkeit zeigen. Er lieferte somit entscheidende Fortschritte für die Behandlung der Depression, die insbesondere durch psychoanalytische Verfahren nicht hinreichend behandelt werden konnte.“

      So war das. Alles Gute für den Teckel.

  3. Carolin Reiber permalink
    7. September 2009 13:58

    Entschuldigen Sie bitte, Herr U, dass ich Ihre Intelligenz unterschätzt habe. Dennoch möchte ich betonen, dass es keineswegs meine Absicht war, Sie „hinters Licht zu führen“. Vielmehr ging es mir darum, die Kollegen Thoelke und Spahrbier in Erinnerung zu halten. Sie waren es nämlich, die „Der große Preis“ zu dem gemacht haben, was die Sendung lange war, nämlich Familienfernsehen im besten Sinne. Mit mir ging es dann ja schon rapide abwärts. Und heute? Nur noch Sodom und Gomorrha auf hunderten von Kanälen. Deswegen möchte ich zum Schluss noch einmal ausdrücklich loben, dass Sie sich hier mit Literatur auseinandersetzen. Das sollte die Jugend häufiger tun.
    Ich wünsche Ihnen weiterhin gutes Gelingen,
    Ihre
    C. Reiber

    • AndreasU permalink*
      7. September 2009 14:00

      Tja… was soll ich sagen? Danke!

  4. Pam Phlete permalink
    7. September 2009 20:08

    Sehr geehrte Blogger,

    mit außerordentlichem interesse habe ich ihren blogbeitrag gelesen und die dazugehörigen kommentare. meine begeisterung für ihre eloquente buchkritik wurde von dem eintrag des herren thoelke sogar noch gesteigert.
    zum einen bin ich überaus und besonders positiv erstaunt, dass es im jenseits internet gibt. da stellen sich sofort einige fragen: über welchen anbieter bezieht man dort am günstigsten einen internetzugang? sind die wartezeiten sehr lang – lohnt es sich also schon im diesseits für morgen vorzusorgen? und: ist apple in der nachwelt der dominierende computerhersteller?
    außerdem frage ich mich ob es eine möglichkeit gibt, zu herrn spahrbier kontakt aufzunehmen (er ist doch noch im diesseits?). wie ich nämlich gerade der weltpresse entnehmen konnte, ist „chanel“, der bisher älteste hund der welt gerade verstorben. sie wurde 21. hat herr spahrbier schon mal darüber nachgedacht, mit seinem 18jährigen teckel-bastard beim guinessbuch vorstellig zu werden? ich habe gute beziehungen und würde mich als managerin gern zur verfügung stellen – der ein oder andere euro wäre hier doch selbst mit einem depressiven rüden sicher noch zu machen…

    in der hoffnung, herrn spahrbiers intersse geweckt zu haben verbleibe ich mit einem motivierenden „weiter so, U“,

    Ihre Pam Phlete

    • Carolin Reiber permalink
      8. September 2009 08:51

      Sehr geehrte Frau Pam Phlete,

      wenn Sie die Kommentare aufmerksam gelesen hätten, wäre Ihnen sicherlich aufgefallen, dass ich unter dem Namen von Wim Thoelke geschrieben habe (um sein Andenken zu ehren). Dass es im Jenseits Internet gibt, möchte ich schwer bezweifeln. Auch Walter Spahrbier ist leider bereits von uns gegangen – tragischerweise kurz vor der 100 Sendung! Sein Dackel allerdings lebt noch. Dieser Teil war nicht gelogen. Er lebt gemeinsam mit mir und meiner Familie in Bayern und wir machen uns seinetwegen ein bisschen Sorgen. Seit drei Jahren bewegt er sich kaum mehr. Luitpold behauptet, er hätte vor drei Wochen ein Auge aufgemacht, aber keiner von uns kann das bestätigen. Vielleicht probieren wir es jetzt mal mit einer Therapie (aber keine Elektroschocks, das ist gemein).

      Nichts für ungut.
      Ihre
      C. Reiber

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